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KÖNIG DAVID
(Arhtur Honegger)
Besuch am
24. November 2024
(Einmalige Aufführung)
Als das Théâtre de Jonat in Mézières, 15 Kilometer von Lausanne entfernt, 1921 nach dem Ersten Weltkrieg wiedereröffnet werden sollte, schrieb sein Leiter René Morax aus diesem Anlass das Stück Le Roi David. Mit der Bühnenmusik beauftragte er auf Empfehlung des Dirigenten Ernest Ansermet und Igor Strawinskys den in Paris lebenden, in der Schweiz geborenen Arthur Honegger. Der war zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend unbekannt, gerade mal 29 Jahre alt, nahm den kurzfristigen Auftrag gerne an und stellte die Partitur in kürzester Zeit fertig. Da ahnte er noch nicht, dass sie ihn auf einen Schlag in die vorderste Reihe der damals lebenden Komponisten katapultieren würde. Als er die Musik zu einem „sinfonischen Psalm“ für den Konzertsaal umschrieb, gelang ihm damit der Durchbruch. Bis heute zählt das Oratorium in Frankreich und der Schweiz zu den vielgespielten Werken. In Deutschland muss man schon ein bisschen suchen, bis man eine Aufführung findet.

Yoerang Kim-Bachmann ist Kantorin der Tersteegenkirche im Düsseldorfer Stadtteil Golzheim, Gründerin und Leiterin einer eigenen Musikschule und bekannt dafür, dass sie sich mit ihrer Kantorei gern ungewöhnlichen Projekten widmet. Zuletzt war sie während des Internationalen Düsseldorfer Orgel-Festivals aufgefallen, als sie einen Abend mit Orgel und Dudelsack gestaltete. Nun also hält König David in ihrer Kantorei Einzug, übrigens ein Werk, das nicht zu den Lieblingsstücken seines Erschaffers zählt.
Im ersten Teil der Erzählung wird David zum Königtum berufen und durch seinen Bruder Samuel gesalbt. Er besiegt im Heer König Sauls die Philister durch seinen Zweikampf mit Goliath. Der große Erfolg Davids als Heerführer erzeugt in Saul eine krankhafte Eifersucht. Er versucht ihn zu töten, und David ist gezwungen, das Land zu verlassen. Der Teil endet mit Sauls Tod. „Jerusalem, David ist König“ steht zu Beginn des zweiten Teils, der zum groß angelegten Tanz vor der Bundeslade führt. Im dritten Teil geht es um den alten David und die Vielzahl seiner Verfehlungen. Er nimmt sich die Ehefrau seines Freundes und lässt den umbringen. Das gemeinsame Kind aus der Verbindung stirbt. Dann stirbt auch Davids Sohn Absolon. David hadert mit seinem Schicksal. Mit der Salbung Salomons und dem Tod Davids endet der dritte Teil. Die Verheißung eines Erlösers beschließt das Werk.

Durch den Abend führt der Erzähler, dessen Rolle Jonas Marquardt übernimmt. Eine großartige Leistung, zumal die Mikrofonanlage ihm die Arbeit mit Krächzen und Übersteuerungen erschwert. Davon lässt der Mann sich in keiner Weise beeindrucken. Selbst dann nicht, wenn er feststellt, dass Interventionsversuche scheitern. Erstmalig kommt in dem Stück auch die Hexe von Endor zu Wort, die Melanie Preetz geradezu schauerromantisch interpretiert. Einer der vielen Höhepunkte des Abends. Weniger aufregend sind die Leistungen der Solisten. Altistin Agnes Konnerth fehlt es an stimmlichem Volumen, Sopranistin Stefanie Brijoux lässt die Dramatik außen vor und geht stellenweise schlicht in der Orchester- oder Chorbegleitung unter. Tenor Sander de Jong wirkt farblos. Da überlegt man, ob es an der Rollenanlage seitens des Komponisten liegt, aber Videos und Stückbeschreibungen sprechen eine andere Sprache.
Chor und Orchester gleichen mehr als aus. Für das Orchester hält Honegger kraftvolle Momente ebenso bereit wie melodiöse Lyrik. Zu Gehör kommen mittelalterliche Klänge, instrumentale Malerei, modale Skalen, Polytonalität und freie Dissonanzverwendungen, die das Geschehen mit Stimmung erfüllen. Auch der Chor ist nicht nur in der Lage, das Geschehen voranzutreiben, sondern es auch mit dramatischen Kurven zu untermauern. Die Textverständlichkeit ist trotz schwierigster Anforderungen in den Stimmschritten grandios. Möglich wird das, weil Kim-Bachmann als Dirigentin klar kommuniziert, wo sie hin will, und die Ansprache sehr direkt erfolgt. Da macht allein das Zuschauen schon Spaß.
Insgesamt gelingt dem Ensemble ein spannungsreicher Abend, bei dem Honegger ganz sicher nicht schläfrig geworden wäre, wie er es in seiner Schrift Je suis compositeur 1951 beklagte. Ganz im Gegenteil erlebt das Publikum eine geradezu abenteuerliche Reise in eine Vergangenheit, von der man nicht einmal weiß, ob es sie je so gegeben hat. Das Drama fesselt bis zum letzten Halleluja nach anderthalb Stunden. Einmal mehr hat Kim-Bachmann das Publikum mit einem wunderbaren Programm gefangengenommen. Da ist die Zugabe, die die Kantorin kurzerhand anordnet, fast schon überflüssig und dient eher als Rausschmeißer denn als Abrundung. Schon vorher steht das Publikum geschlossen auf und applaudiert minutenlang. Dass der Chor dem Orchester abschließend Blumen überreicht, bringt nicht nur Farbe ins Spiel, sondern ist auch eine Geste, die man nicht alle Tage erlebt.
Michael S. Zerban