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Seit Ende der 80-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, erleben die Opernwerke der von den Nationalsozialisten verfemten Komponisten, meist jüdischer Herkunft, eine Renaissance. Opern, die nach 1933 so gut wie in Vergessenheit geraten sind, wurden zum Teil mit großem Erfolg wiederentdeckt und – belebt. Allen voran Erich Wolfgang Korngolds Oper Die tote Stadt, die 1986 in seiner fantastischen Düsseldorfer Inszenierung von Günther Krämer rehabilitiert wurde und heute wieder an vielen Häusern gespielt wird.
Von den acht Opern Alexander Zemlinskys wurden zuerst seine wohl populärsten Werke, Der Zwerg und Eine florentinische Tragödie, wiederaufgeführt, nach und nach dann jedes seiner Opernwerke mindestens einmal wiederbelebt.
Die letzte vollendete Oper des Wiener Komponisten, Der Kreidekreis, beschließt die Ära der Spätromantik, die in Zemlinsky einen Großmeister aufblühender Klangwelten findet. Die für das Frühjahr 1933 in Frankfurt, Berlin, Köln und Nürnberg geplanten Uraufführungen konnten aufgrund der Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht mehr stattfinden. So kam es zur Uraufführung im Oktober 1933 in Zürich.
Nach Lyon 2018 und Karlsruhe im Sommer 2024 lässt nun auch die Deutsche Oper am Rhein die Opernrarität, die den Aufbruch in die Moderne zeigt, zahlreiche Jazzelemente enthält und mit dezenten Atonalitäten versehen ist, wieder aufleben. Dabei handelt es sich um keine Oper im herkömmlichen Sinne, sondern um ein Gesamtkunstwerk im Grenzbereich zwischen Oper und Schauspiel. Es ist eine Parabel, ein sozialkritisches Drama, ein orientalisches Märchen und ein packender Thriller zugleich.
Das Libretto von Zemlinsky basiert auf einem Schauspieltext von Klabund aus den 1920-er Jahren und geht zurück auf ein chinesisches Singspiel aus dem 14. Jahrhundert.
Im Zentrum der Opernhandlung steht Haitang, deren hochverschuldeter Vater sich das Leben nimmt und die von der in Armut fallenden Mutter an den Teehausbesitzer Tong verkauft wird. Als gefälliges Teehausmädchen lernt sie den ihr zugeneigten Prinzen Pao kennen, der aber nicht verhindern kann, dass der höchstbietende Mandarin Ma die junge Haitang zu seiner Nebenfrau macht und ihm einen Stammhalter schenkt. Sehr zum Verdruss seiner ersten Gattin Yü-Pei überträgt der verliebte Mandarin sein Erbe auf die Zweitfrau, die in Folge von der Gattin ersten Ranges verleumdet und für den Gifttod des Mandarins beschuldigt wird. Ein korruptes, von Yü-Pei bestochenes Gericht verurteilt Haitang und erkennt ihre Mutterschaft ab. Da plötzlich erreicht eine Depesche aus Peking das Gericht, die besagt, dass der alte Kaiser verstorben und an seiner Stelle Prinz Pao den Thron bestiegen hat, der nun allen Verurteilten Gerechtigkeit zu teil werden lassen möchte. So werden auch Haitang und ihr mitverurteilter Bruder, nebst Gericht und Zeugen nach Peking geladen. In Peking erkennt Prinz Pao die damals im Teehaus zurückgelassene Haitang, lässt durch ein Gottesurteil den konspirativen Schwindel auffliegen und erkennt den gemeinsamen Sohn.
Von Regisseur David Bösch wird die Geschichte in stimmigen Handlungssträngen auf die Düsseldorfer Bühne gebracht. Die Handlung wird von Bösch nicht konkret verortet. Zeit und der Ort der Handlung bleibt ein Stück weit unbestimmt, was der Gesamtinszenierung guttut und viel mehr Raum für Imagination zulässt. Die Handlung wird weder in die Gegenwart verlegt, noch wird sie zur Chinoiserie degradiert. Dazu lässt der Regisseur von Patrick Bannwart einen Einheitsbühnenraum schaffen, der von einer großen, angeschrägten, schwarz-weißen Scheibe bestimmt wird. Bühnenhintergrund und die Zwischenvorhänge sind ebenfalls von schwarz-weiß Kontrasten bestimmt und werden zur Projektionsfläche für eine kommentierende Bebilderung sowohl mit inhaltlichen als auch atmosphärischen Zitaten. Ästhetisch bestimmt werden die inhaltlichen Zitate durch naiv-kindliche Kreidezeichnungen, die nicht nur den Bühnenhintergrund variationsreich bebildern, sondern auch die Zwischenvorhänge gemäß der Abfolge der Handlung betiteln.
Das erste Bild zeigt das Teehaus von Tong, in dem die Teehausmädchen, eine chinesische Variante der Blumenmädchen, in großen, hängenden Vogelkäfigen auf potenzielle Freier warten, die durch eine riesige, in unscharfem Nebel liegende Doppeltüre im Bühnenhintergrund die Spielfläche betreten. Für die zahlreichen, gelungenen Lichteffekte zeichnet Volker Weinhart verantwortlich.
Stimmungsvoll sind kleine Origamivögel auf dem Boden verteilt oder füllen, schwebenden Mobiles gleich, den Bühnenraum. Dezente Schwarzweiß-Projektionen von umherschwirrenden Vögeln verdichten dabei die Atmosphäre.
Das zweite Bild zeigt das Haus des Mandarin, einen überdimensionierten Vogelkäfig, der einem imposanten Pavillon gleich in der Mitte der großen Bühnenscheibe aufgestellt und mit wallenden Stoffbahnen verschlossen ist. Neben der hochaufragenden Voliere ist es vor allem das schicke rote Kostüm der Ehefrau ersten Ranges, Yü-Pei, das optische Akzente zu setzen vermag. Der rote Akzent wird lediglich ein weiteres Mal im dritten Akt in Form der roten Robe des Oberrichters Tschu-Tschu aufgegriffen. Ansonsten verbleiben die Kostümentwürfe von Falko Herold eng im Schwarzweiß-Kosmos der Gesamtinszenierung. Ausgesprochen eindrucksvoll in diesem Zusammenhang der schwarz-weiß gestreifte Federmantel der Yü-Pei im dritten Akt.
Dramaturgisch wird die Inszenierung von der Erscheinung einer großen beweglichen Puppe mit übergroßem Kopf eingerahmt, die die erste und letzte Momentaufnahme der Inszenierung bestimmt. Während die beeindruckende Erscheinung der Puppe zu Beginn der Oper offen lässt, wen oder was sie symbolisieren soll, wird im Verlauf des Abends immer klarer, dass es sich dabei um die Erscheinung des Sohnes der Haitang handelt. Großformatige Puppen sind meist eine Bereicherung für das Bühnengeschehen, evozieren sie doch eine faszinierende, unwirkliche Zwischenebene. Das gelingt ganz wunderbar zu Beginn der Aufführung, wirkt dann im dritten Akt aber unfreiwillig komisch, als zum Gottesurteil über die wahre Mutterschaft beide Protagonistinnen an den überlangen Ärmeln der Puppe zu zerren beginnen. Der Zauber der Puppe ist leider mit der Bewegung dahin und sie bekommt die Anmutung eines Teletubbies. Erst im finalen Bild findet die dann wieder reglos in der Bühnenmitte verharrende Figur zu einer beklemmenden Erhabenheit und vermag den Kreis zu schließen.
Das ausgesprochen komplexe Bühnenwerk des Kreidekreises, die verschiedenen Ebenen, die Mischung aus Gesang und Schauspiel und die Durchdringung der spätromantischen Musik mit vielerlei akustischen Modernismen bedarf einer komplexen Bearbeitung mit sehr großen Herausforderungen.
Das gelingt David Bösch und seinem Produktionsteam im Großen und Ganzen recht gut. Abgesehen von Einsatz und Wirkung der Puppe sind es nur Kleinigkeiten, die beim Betrachter ein leichtes Stirnrunzeln hervorrufen. Beispielhaft sei da die Betitelung des dritten Aktes erwähnt, die durch eine sich verändernde Projektion in diversen Schritten aus der Überschrift „Das Gericht“ den Slogan „Ungerecht“ werden lässt und damit die Handlung vorwegnehmend bewertet. Das entspricht aber nicht wirklich dem Gesamtkonzept, wirkt als Randnotiz eher aufgesetzt und folglich nicht ganz so überzeugend. Das im Wesentlichen durchaus faszinierende Libretto erscheint dem Betrachter im Hier und Jetzt manches Mal seltsam verstaubt und nicht mehr Teil einer aktuellen Rezeption. Der Kampf um Gerechtigkeit hingegen ist die Brücke zum Betrachter des 21. Jahrhunderts. Kaum etwas hat die Menschheit je mehr bewegt und bewegt sie noch immer. Die Heroine Haitang steht für diesen Kampf und wird folglich vom Komponisten mit allem ausgestattet, was einzunehmen vermag.
Musikalisch wird die experimentelle Oper zwischen Fin de Siècle und Moderne immer noch sehr stark von der opulenten Bildmalerei der Spätromantik bestimmt. Die großangelegten orchestralen Vor- und Zwischenspiele bilden das musikalische Rückgrat. Zahlreiche Sonderinstrumente, wie beispielsweise Saxofon, Banjo, Mandoline und Gitarre prägen die Klangfarben des Jazz und sorgen für eine Verschachtelung der unterschiedlichen Musikstile. Eklektizistisch verbindet Zemlinsky dabei die Leitmotivik Wagners, die spätromantische Fülle Richard Strauß‘ und die Leichtigkeit der Operette mit der teils dissonanten Neuen Sachlichkeit eines Kurt Weill und der damals gängigen Unterhaltungsmusik.
Die Passagen der Hauptfigur Haitang, ihr Weg aus dem Dunkel in das Licht, bestechen fast durchweg durch außerordentlich schöne Kantilenen, die in geschmeidigen orchestralen Klängen eingebettet sind. Anklänge von Modernismen bestimmen hingegen zumeist das musikalische Repertoire der übrigen Protagonisten, die in der Handlung allesamt eher negativ gezeichnet sind und mehr oder weniger im Bannkreis des Dunkels angesiedelt sind.
Getragen wird der Abend von der großartigen Darstellung der Hauptfigur Haitang durch Lavinia Dames, die mit ihrem lyrischen Sopran die gesamte Produktion zusammenhält und alle Nuancen der ihr übertragenen Partie grandios ausgestaltet. Ihre Stimme überzeugt in zarten, zerbrechlichen Passagen ebenso wie in schwindelerregender Höhe. Auch darstellerisch kann sie in den Schauspielpassagen überzeugen. Das Publikum ist von ihrer besonders bewegenden Sturmarie hingerissen, in der sie sich tiefberührend und stimmlich überwältigend zeigt.
Der besonderen Herausforderung einer gelungenen Verbindung von Sprech- und Gesangspassagen entspricht bravourös die Yü-Pei der Sarah Ferede. Zu Beginn des zweiten Bildes steht sie mit schickem rotem Kostüm im Zentrum der Aufmerksamkeit und fasziniert. In ihrer Person verschmelzen Oper und Schauspiel. Der Gesang ihres wohltimbrierten Mezzosoprans im Zusammenspiel mit ihrer Bühnenpräsenz und ihrer Textverständlichkeit macht deutlich, welche Magie diese ungewöhnliche Form der Oper in sich trägt.
Oper als einzigartiges Gesamtkunstwerk besticht durch das Zusammenspiel vieler künstlerischer Disziplinen. Ein stimmiges, ineinandergreifendes Mäandern von Gesang und Schauspiel gelingt eher selten. Die intensivsten Momente gewähren uns die musikalischen Werke von Brecht und Weill, denen sich Zemlinsky durchaus verbunden sah. Cornel Frey als Tong entspricht den besonderen Anforderungen ebenfalls bestens. Seine burleske Bühnenpräsenz verbindet Gesang und Text gekonnt und gestaltet die sehr dankbare Rolle eines zwielichtigen Etablissementbetreibers mit großer Geste unter großem Einsatz. Bravo.
Joachim Goltz verkörpert den Mandarin Ma stimmlich ganz wunderbar. Der Weg vom Machtmenschen zum liebenden Gatten wird von seiner enorm wandlungsfähigen Stimme glaubhaft vermittelt. Allein seine Textpassagen geraten etwas weniger intensiv und überzeugend. Prinz Pao wird von Matthias Koziorowski stimmgewaltig dargestellt. Das Spektrum der stimmlichen Anforderungen seiner Partie ist beträchtlich. Von strahlend heldentenoraler Verve bis hin zum tragenden Pianissimo zeigt er das Vermögen seiner noch jungen Stimme, die an diesem Abend vereinzelt in der Höhe an Grenzen zu stoßen scheint. Es mag teils von der Partitur so angelegt sein, dass in den zahlreichen Duetten von Haitang und Pao der Sopran gefälliger, harmonischer, schöner klingt, als es der Tenorrolle zugestanden wird.
Die Sprechrolle des korrupten Richters Tschu-Tschu wird vom Schauspieler Werner Wölbern derb und abgründig in Szene gesetzt. Der renommierte Theaterschauspieler garantiert mit seiner exzellenten Sprachverständlichkeit und seiner enormen Bühnenpräsenz größte Unterhaltung. Richard Sveda als Haitangs Bruder gibt stimmlich überzeugend den cholerischen Revoluzzer. Das Rollenprofil zeichnet sich weniger durch Schönklang als durch intensive Präsenz aus, den sein außerordentlich kraftvoller Bariton ausfüllt. Einige wenige Szenen im Handlungsverlauf, wie das Wiedersehen von Bruder und Schwester, erlauben eine sanfte, gefühlvolle Facette seines stimmlichen Könnens.
Die Rolle des intriganten Sekretärs Tschao wird von Jorge Espino spielfreudig und mit sonorem Bariton auf die Bühne gebracht. Trotz kleiner Einschränkungen in der nicht akzentfreien Diktion begeistert er gemeinsam mit seiner kongenialen „Komplizin“ Sarah Ferede das Premierenpublikum. Katarzyna Kuncio hat als Mutter einen überschaubaren Auftritt im ersten Akt, den sie stimmlich und schauspielerisch ohne jegliche Abstriche meistert. Insgesamt erscheint sie aber etwas zu jung, um glaubhaft Haitangs Mutter verkörpern zu können. In ihrer klein angelegten, aber feinen Rolle der Hebamme fasziniert Romana Noack ganz ungemein und bringt das notwendige Handwerk mit, um im Grenzbereich zwischen musikalischem Sing- und Schauspiel mit Nachdruck zu überzeugen. Elisabeth Freyhoff verleiht der Darstellung eines Mädchens mit ihrem lebendigen Sopran zu Beginn des ersten Aktes stimmliches Gewicht und vollendete Schönheit. Das bestens aufgestellte Sängerensemble wird von Sander de Jong und Henry Ross als Kuli sowie von Dashuai Jiao als Soldat komplettiert.
In den bewährten Händen von Hendrik Vestmann spielen die Düsseldorfer Symphoniker formvollendet und meistern die besondere Partitur mit Bravour. Zwischen schwelgerischer Klangopulenz und den Akzenten der Moderne findet die musikalische Interpretation zu einer ganz eigenen Dynamik und Faszination.
Einhelliger Jubel für Vestmann, die Symphoniker und das Sängerensemble, aus dem Lavinia Dames mit großem Abstand und frenetischer Zustimmung von Seiten des Publikums hervorsticht. Freundlicher Applaus für das Regieteam, das sich der schwierigen Aufgabe, die Oper zwischen den Epochen neu beleben zu wollen, mutig und inspiriert gestellt hat.