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THE LAST MORTAL
(half past selber schuld)
Besuch am
29. Januar 2020
(Premiere)
Manchmal kommt eine Aufführung so leichtfüßig und elegant daher, dass man den riesigen Aufwand, der sich dahinter verbirgt, höchstens ahnen kann. Um es gleich vorwegzunehmen: Die Kammerspiele des Forums Freies Theater in Düsseldorf haben einen richtig großen Theaterabend erlebt. Verantwortlich dafür zeichnet das Theaterkollektiv half past selber schuld, das den zweiten Teil seiner Trilogie Wonderland Inc. vorstellt. Vor knapp drei Jahren, genauer im April 2017, haben die „Erfinder des Bühnencomics“ mit Kafka in Wonderland die fiktive Firma Wonderland Inc. präsentiert. „Das Künstler-Duo wirft einen Blick in die Zukunft der Menschheit, wo in einer hochtechnisierten Welt eine Firma namens Wonderland Inc. die menschlichen Möglichkeiten um ein Vielfaches erweitert – mittels Genetik, Robotik und Nanotechnik“, beschrieb das Kollektiv damals seine Geschichte. Seit 1998 betätigen sich Ilanit Magarshak-Riegg und Frank Römmele als Regisseure, Komponisten, Musiker, Akteure, Trickfilmmacher und Bühnenbildner ihrer Stücke.
Jetzt kommt also mit The Last Mortal der zweite Teil der Trilogie auf die Bühne, an dem auch wieder Eli Zachary Socoloff Presser als Co-Autor und ‑Regisseur mitgewirkt hat. Inhaltlich hat sich an der Ausgangssituation nichts geändert. Und auch die Mittel bleiben die gleichen. Trotzdem ist alles ganz anders. Das Kollektiv geht jetzt davon aus, dass die Künstliche Intelligenz mit ewigem Leben die Welt übernehmen wird. Und so wird zusätzlich ein Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem für den letzten Sterblichen ziemlich unnütze Preise ausgelobt werden – aber Hauptsache Preise. Im Verlauf der Episodengeschichte wird der erste Unsterbliche geboren, der – so viel sei verraten – auch wieder stirbt. Währenddessen betreibt die Wonderland Incorporation kräftig Werbung für Produkte, die das Leben der Sterblichen verlängern sollen.

Auf einer leeren Bühne, in deren Hintergrund lediglich eine Projektionsfläche aufgebaut ist, entfaltet sich ein buntes Panoptikum an selbstgebauten Requisiten, Puppen, verrückten Kostümen und Filmen. Da sprüht die Fantasie. Jede Szene ist ein Kunstwerk für sich. Wenn etwa Adolf Hitler als Puppe mit brauner Uniform und blauem Kopf auftritt, um zu versuchen, den Wissenschaftlern neueste Technik abzuschwatzen, ist das nur einer von vielen witzigen, aber auch nachdenklich stimmenden Einfällen. Raffiniert auch die Schattenspiele in Kombination mit Trickfilm. Christine Marie hat an dieser komplexen Aufführungsform mitgewirkt.
Neben den Regisseuren, die „selbstverständlich“ auch auf der Bühne agieren, müssen Florian Deiss, Marko Erak Bonsink, Tijmen Brozius, Bruno Bell, Roy Tracy und Anya Askew sämtliche Kräfte aufbieten, um zwischen eigener Aktion und Puppenspiel-Animation die Kostümwechsel zu bewerkstelligen. Die Anstrengungen lohnen sich. Das Publikum spart nicht mit Szenenapplaus. Das die Texte großenteils in Englisch vorgetragen werden, sollte bis auf einige Passagen selbst für Menschen, die dieser Sprache nicht mächtig sind, kein größeres Problem darstellen. Und dass das Stück überhaupt auf Englisch vorgetragen wird, versteht jeder, der die Marktmacht und die Betätigungsfelder von Firmen wie Google kennt, die die Deutschen im digitalen Bereich längst weit hinter sich gelassen haben. Viele Klangpassagen werden von der Festplatte eingespielt, allerdings in hervorragender Qualität.
So auch die Musik, die ebenfalls von half past selber schuld komponiert und eingespielt wurde, eingängig, ohne Angst vor Melodie und nicht nur Beiwerk, sondern echter Bestandteil der Aufführung.
Nach nur einer Stunde, die wie im Flug vergeht, weiß das Publikum, dass die 30.000 Tage, die ein Mensch durchschnittlich lebt, einfach zu wenig sind. Ob allerdings genetische oder künstliche Eingriffe wie Nano-Roboter geeignet sind, für eine sinnvolle Lebensverlängerung zu sorgen, müssen die Zuschauer für sich selbst entscheiden. Den Akteuren auf der Bühne kann es egal sein, ihnen ist der letzte Sterbliche bekanntlich schon weggestorben. Sie müssen nur noch herausfinden, wer es war. Aber das interessiert die Menschen im Saal auch nicht mehr wirklich. Sie feiern lieber eine komplexe, aufwändige, fantasievolle, kluge Theateraufführung, wie man sie nicht mehr so oft erlebt, mit überschwänglichem Applaus und entlassen die Darsteller nur ungern. Damit hat das Forum Freies Theater die Messlatte gleich zu Jahresbeginn mal richtig hoch gelegt.
Michael S. Zerban