O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

„Bücher kann man nicht verbrennen“

LESESTOFF, ZÜNDSTOFF, BRENNSTOFF
(Diverse Autoren)

Besuch am
11. April 2023
(Einmalige Aufführung)

 

Rotunde in der Tonhalle, Düsseldorf

Mit diesem denkwür­digen Satz schloss Erich Kästner seinen Augen­zeu­gen­be­richt, den er veröf­fent­lichte, nachdem er am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opern­platz miter­leben musste, wie von ihm verfasste Bücher in die Flammen eines Schei­ter­haufens geworfen wurden. Es war der „offizielle“ Beginn einer „Aktion wider den undeut­schen Geist“, die von der Deutschen Studen­ten­schaft initiiert wurde, einem seit 1919 bestehenden Dachverband der studen­ti­schen Selbst­ver­waltung. Ehrengast des symbo­li­schen Aktes war NS-Propa­gan­da­mi­nister Joseph Goebbels. Der Aktion, die zeitgleich in etwa 20 anderen Univer­si­täts­städten vollzogen wurde, begann bereits am 12. April mit der Veröf­fent­li­chung von „zwölf Thesen“. Einen Tag zuvor hatte es bereits eine Bücher­ver­brennung gegeben. Angehörige der NSDAP-Organi­sation Hitler-Jugend, der Jugend­or­ga­ni­sation des Deutsch­na­tio­nalen Handlungs­ge­hil­fen­ver­bandes und evange­lische Jugend­bünde verbrannten vor dem Düssel­dorfer Plane­tarium, das ist heute die Tonhalle, Bücher unter anderem von Lion Feucht­wanger, Erich Maria Remarque und – ideolo­gisch eigentlich nicht gewollt – Heinrich Heine unter Absingen des Horst-Wessel-Liedes. „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“, auf einer Gedenk­tafel neben dem Haupt­eingang des heutigen Konzert­saals ist das berühmte Zitat von Heinrich Heine nachzu­lesen, das sich alsbald bewahr­heiten sollte.

Stefan Keller – Foto © O‑Ton

Um an diesen Tag zu erinnern, hat die Bezirks­ver­tretung 1, vertreten durch die zweite stell­ver­tre­tende Bezirks­bür­ger­meis­terin Annette Klinke, Grüne, gemeinsam mit dem Litera­turbüro NRW und der Mahn- und Gedenk­stätte Düsseldorf eine Lesung unter dem Titel Lesestoff, Zündstoff, Brenn­stoff organi­siert. Dazu laden die Veran­stalter bereits um 17 Uhr in die Rotunde, das ist so etwas wie das Foyer der Tonhalle. „Vertreter von Stadt und Land“ sollen aus „verbrannten Büchern“ vorlesen, um dann wohl doch nicht an die Bücher­ver­brennung, sondern „an die unter dem Natio­nal­so­zia­lismus diffa­mierten Autoren und ihre Werke“ zu erinnern. An was oder wen soll denn nun eigentlich „erinnert“ werden? Kästner, Heine, Remarque, Feucht­wanger, Keun oder all die anderen Schrift­steller, deren Namen sich längst fest in das kollektive Gedächtnis einge­brannt haben? Oder an die Bücher­ver­brennung? An die braucht man nicht zu erinnern, denn das war nicht mehr als ein für die Natio­nal­so­zia­listen typisches Spektakel, das der Durch­setzung der Ideologie diente. In Düsseldorf war es womöglich nicht mal mehr als ein Dummer-Jungen-Streich ideolo­gisch aufge­heizter Heran­wach­sender, dem mit einer solchen Veran­staltung so viel Beachtung geschenkt wird, wie sie sich die Natio­nal­so­zia­listen wünschten.

Wichtig wäre, das in Erinnerung zu rufen, was 1933 hinter den Kulissen lief. Es waren zu diesem Zeitpunkt die Deutsche Stunden­ten­schaft und ihre willfäh­rigen Helfer, die in ideolo­gi­scher Verwirrung die Biblio­theken von „undeut­schem Schrifttum“ säubern wollten. Es ging also um nicht mehr oder weniger, als deutsche Sprache und Gedanken und damit das Volk im NS-ideolo­gi­schen Sinne zu beein­flussen. Damit wird auch das Paradoxon des Nachmittags deutlich. Während Frederike Krenz, Wissen­schaft­liche Mitar­bei­terin der Mahn- und Gedenk­stätte, mit Automa­ten­stimme einen Vortrag über Bücher­ver­bren­nungen hält, nutzt sie die Gelegenheit, ihre Gender-Ideologie an das überwiegend ältere Publikum zu vermitteln. Auch die Begrüßung der „Lesenden“ durch Klinke ist nichts anderes, denn „Lesende“ gibt es in dem Moment überhaupt nicht. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, hier den Wolf im Schafspelz zu erleben, der über Äußer­lich­keiten spricht, um vom Kern des Themas abzulenken.

Mona Neubaur – Foto © O‑Ton

Und dazu hat man einiges unter­nommen. Denn nicht nur Vorleser der Regie­rungs­in­sti­tu­tionen Stadt und Land sind gekommen. Statt­dessen haben die Veran­stalter sich um Proporz bemüht. Nicht der Erste Bürger, wie ihn Michael Serrer, Leiter des Litera­tur­büros NRW begrüßt, sondern der Oberbür­ger­meister Stefan Keller ist gekommen, um den Augen­zeu­gen­be­richt von Kästner vorzu­tragen. Katharina Schunck, Bildungs­re­fe­rentin beim Jugendring Düsseldorf, liest aus Im Westen nichts Neues und bildet damit offenbar die Jugend ab, die hier nicht vertreten ist. Als jüdischer Vertreter ist Herbert Rubin­stein einge­laden, der einen eher befremd­lichen Ausschnitt aus Jakob Wasser­manns Mein Weg als Deutscher und Jude vorliest. An den Roman Das kunst­seidene Mädchen von Irmgard Keun braucht wirklich niemand zu erinnern. Aber der Vortrag von Mona Neubaur, Stell­ver­tre­tende Minis­ter­prä­si­dentin des Landes Nordrhein-Westfalen, ist sehr gelungen. Es ist müßig, hier nun alle Vorleser zu nennen – den Schwulen, die Muslima, den SPD-Abgeord­neten oder eine weitere Vertre­terin der Grünen – die allesamt aus bekannten Werken noch bekann­terer Autoren vortragen. Allen­falls Pater Christoph Bergmann sorgt mit seiner Wahl Die Sünder der Hölle aus der Hauspos­tille Bertolt Brechts für Erhei­terung. Dass es auch diesmal mit dem Proporz nicht klappt, ist selbst­ver­ständlich. Der Bäcker, die Putzfrau und der Fabrik­ar­beiter haben hier augen­scheinlich nichts verloren.

Es läuft, wie es laufen soll. Ein netter Nachmittag geht nach anderthalb Stunden mit einem Schlusswort von Keller zu Ende, der allge­meine Zustimmung erntet, wenn er auf die Notwen­digkeit solcher Erinne­rungstage für die Zukunft verweist. Von den ideolo­gi­schen Hinter­gründen bis zum Schluss kein Wort, die Zukunft, sprich: die Jugend, ist nicht vertreten. Diskus­si­ons­bedarf gibt es nach dem ergötz­lichen Litera­tur­nach­mittag nicht. Dann ist ja alles gutge­gangen. Es wird in den nächsten Wochen noch viele solcher „Erinne­rungs­ver­an­stal­tungen“ in Deutschland geben. Da ist dann vielleicht auch eine dabei, die einen Vergleich zwischen den Sprach­ideo­logien gestern und heute thema­ti­siert. Denn das wäre wichtig, um Spaltungs­ver­suchen der Gesell­schaft im Hier und Heute zu begegnen. Am Ende des heutigen Tages bleibt immerhin eine Erkenntnis, die seit 1933 nichts von ihrer Bedeutung verloren hat. „Bücher kann man nicht verbrennen“.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: