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DAS LIED EINER NACHTIGALL
(Julia Coulmas)
Besuch am
13. April 2019
(Uraufführung)
Eigentlich kümmert sie sich darum, dass ihre Kollegen bei Shows, Galas oder Arienabenden Auftrittsmöglichkeiten bekommen. Zu diesem Zweck hat Sopranistin Julia Coulmas die Düsseldorf Lyric Opera initiiert, ein Netzwerk für alle an einer Opernproduktion Beteiligten. Jetzt tritt Coulmas selbst auf die Bühne, um ein Projekt zu verwirklichen, dass ihr seit ziemlich langer Zeit am Herzen liegt. Genau genommen seit Beginn ihrer Gesangsausbildung, als ihr Lehrer in ihrer Stimme eine Ähnlichkeit zur Stimme von Bidu Sayão zu erkennen glaubte.
Seither ist viel passiert. Nach Gesangsstudium und erster Karriere an der Tampa Bay Opera im amerikanischen Florida ging Coulmas nach Jena. Anders als geplant, verstummte ihr Gesang allmählich – das Leben hatte eine Pause vorgesehen und schickte sie nach Düsseldorf. Aber der Wunsch, eigene Musikprojekte zu gestalten, erlosch nicht. Vor zehn Jahren begann sie, sich mit der stimmverwandten Sayão näher zu beschäftigen. Während sie allmählich ihre Stimme wieder aufbaute, besuchte sie Lebensstationen der Sayão. Sie sammelte Materialien zu der bis heute berühmtesten brasilianischen Opernsängerin, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Weltkarriere absolvierte und ihre größten Erfolge an der Metropolitan Opera in New York feierte. Wer einmal in den Sog eines anderen Lebens gerät, kann sich daraus nur selten befreien. So ergeht es auch Coulmas. Jetzt präsentiert sie ihre erste Multimedia-Aufführung, die sie selbst als Zwischenstation sieht.

Im Düsseldorfer Salzmannbau, einer der „Heimspielstätten“ der Düsseldorf Lyric Opera, zeigt sie die ersten Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung mit der berühmten Kollegin. Die Bühne ist ein erster Versuchsaufbau. Auf der rechten Seite drängen sich Klavier, Cello und Notenständer für die Sängerin, während auf der linken Hälfte viel Platz für die Hintergrundprojektion eingeräumt wird. Beim Licht gibt es im Bürgerzentrum ohnehin wenig Spielraum. Dessen ungeachtet zeigen Sängerin und Musiker den gewohnt professionellen Auftritt. Auch wenn an diesem Abend erst mal alles schief zu gehen scheint, was schief gehen kann. Insbesondere bei der Technik der Projektion hapert es zunächst gewaltig, bis Thomasz Hakuba die Präsentation im Griff hat. Aber wer hierherkommt, will ohnehin nicht das Ergebnis millionenstarker Budgets sehen, die ein Opernhaus in ein paar Neuproduktionen im Jahr steckt, sondern in seiner Freizeit bodenständige Künstler erleben, die mit Herz und Seele bei der Sache und ganz nah am Publikum sind. Da darf es ruhig ein bisschen hemdsärmelig sein. Und wenn Sängerin und Musiker in Gala-Garderobe auftreten, ist das doch auch schon schön. Das ist bei der Düsseldorf Lyric Opera immer wichtig, obwohl gar nicht so ganz klar ist, ob das Publikum so viel Wert darauf legt.
Wäre Coulmas heute in Jeans und Bluse aufgetreten, wäre das womöglich sogar noch wirkungsvoller gewesen. Denn hier steht die wunderbare Geschichte im Vordergrund. In Ich-Form erklingt die Erzählung von der Festplatte über die leistungsarmen Lautsprecher im Saal. Coulmas lässt in bester amerikanischer Erzählweise über ihre Begegnungen mit Sayão berichten. Neben einer überraschenden Fülle an historischem Bildmaterial erklingen Gesang und Interviews. Das ist als Sammlung an sich schon eindrucksvoll, die Mischung mit privaten Fotos von ihren Reisen nach Rumänien oder Paris und den Begegnungen mit den Menschen dort schaffen eine sehr persönliche Atmosphäre, auch wenn ein Dramaturg hier sicher noch einen letzten Pfiff hätte hinzufügen können. Um die emotionale Seite zu unterstreichen, bietet Coulmas rumänische Volksweisen und bekannte Arien mit eigenem Gesang dar. Muss sich natürlich dann auch den Vergleich mit der Kollegin gefallen lassen. Der fällt leicht. Coulmas kann in vielen Facetten mit Sayão gleichziehen. Was sie unterscheidet, ist der Unterschied zwischen der Frau im Getriebe der internationalen Opernwelt und der Frau, die frei ohne Zwänge ihre Arien zum Besten gibt. Mag jeder für sich selbst entscheiden, was einem da besser gefällt. Dass Coulmas die Koloraturen fest im Griff hat und mit wundervoller Textverständlichkeit auch in Fremdsprachen daherkommt, überzeugt jedenfalls auf ganzer Linie. Ja, sie gestattet sich sogar den direkten Vergleich – und den braucht sie tatsächlich nicht zu scheuen.
Ihr zur Seite stehen die vertraute Meghan Behiel, die am Klavier ungezwungen die Begleitung mit ihrem Kollegen Linus Weber am Cello herstellt. Dass ihre Qualität sich nicht auf die Korrepetition beschränkt, beweisen sie in zwei Stücken, die nach der Pause eingeschoben werden. Da gibt es zwei Stücke von französischen Komponisten, einer von ihnen ist Gabriel Fauré, die einfach großartig dargeboten werden.
Am Ende des Abends steht der begeisterte Applaus des spärlich erschienenen Publikums und eine Menge Zukunftspläne. Coulmas erzählt von CD- und DVD-Produktionen, einer Biografie und einer weiteren Aufführung. Denn schließlich steht sie längst mit allen möglichen Menschen in Kontakt, die irgendwie mit Bidu Sayão in Verbindung standen. Da ist also noch einiges zu erwarten. Aber erst, sagt Julia Coulmas, wenn sie in Brasilien war.
Michael S. Zerban