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LIGHTTRAVELER
(Pascal Touzeau)
Besuch am
24. April 2025
(Premiere)
Manchmal scheinen die Orte, an denen Aufführungen stattfinden, fast noch spannender als die Veranstaltungen selbst. Ein solcher Ort ist der Worringer Platz in Düsseldorf. Wenn hier die aktuelle Entwicklung des Platzes erzählt wird, dann deshalb, weil es solche Areale wohl in jeder größeren Stadt gibt und er so in gewisser Weise stellvertretend steht. 1906 erhielt der Verkehrsknotenpunkt etwa 500 Meter nördlich vom Hauptbahnhof seinen Namen. Damit begann eine wechselvolle Geschichte, die 2007 in einem architektonischen Fiasko mündet. Als „Platz der Kommunikation“ apostrophiert, erlebt der dreieckige Platz, der von Straßenbahnschienen zerschnitten und von vielbefahrenen Straßen flankiert wird, wohl seinen absoluten Tiefpunkt als idealer Treffpunkt für Drogensüchtige und Obdachlose. Um ihn herum Dönerbuden, ehemalige Traditionsgeschäfte sind längst vertrieben. Dieses Jahr hat die Stadt durchgegriffen, die Bebauung radikal abgeräumt. Stattdessen gibt es nun ein paar asoziale Bänke, das sind die Sitzmöbel, in deren Mitte Bügel eingebaut sind, damit niemand die Gelegenheit hat, sich dort niederzulegen. Die Bankrotterklärung einer jeden Stadtentwicklung.

Dabei gab es an dem Platz mal Kultur. Dafür steht die Bauruine der Botschaft Worringer Platz. In den 1950-er Jahren als Operettentheater erbaut, wurde daraus später ein Kino, dann Baumarkt und Büroartikelverkauf. Das Forum Freies Theater nutzte es kurzzeitig als Probenraum, zeigte ein paar Aufführungen dort. Mit dem Einzug in das neugebaute Theater verlor es das Interesse an dem eigentlich schönen Bau. Investoren wollten ihn abreißen und ein Mikroappartementhaus errichten, was wohl schließlich am Widerstand der Anwohner scheiterte. Heute ist das vor sich hin siechende Gebäude ein trauriger Anblick. Der Worringer Platz 8 ist ein Eckhaus schräg gegenüber, ehemals Kölner Straße 73. Hier fand der 1992 gegründete Künstlerverein WP8 sein Unterkommen. Inzwischen scheint sich im Stadtrat die Idee durchzusetzen, dass man dem Worringer Platz eine Zukunft geben könnte, indem man dort Kunst und Kultur ansiedelt – das Ganze wirkt allerdings eher halbherzig und vage. Der größere Teil des Erdgeschosses im Worringer Platz 8 ist ein Ladenlokal, den Fassadenbeschriftungen zufolge wohl zuletzt der Versuch einer Art Wellness-Oase. Vom Friseur über die Nagelpflege, die Massage und den Festsaal sollte es hier wohl alles geben, um den Anwohnern ein besseres Körpergefühl zu vermitteln. Gescheitert. Und Marco Fuligni griff zu. Genau, das ist der Mann, der das ES 365 als Kulturort belebt hat, an der Hansaallee im Stadtteil Oberkassel eine ehemalige Fabrik zum Ort einer Kunstmesse erkoren hat. Im Februar dieses Jahres übernahm er das Ladenlokal am Worringer Platz 8, um daraus einen neuen Ort der Kultur erstehen zu lassen.

Noch sind die alten Strukturen des Ladenlokals erkennbar. Eine Bar jeweils links und rechts, ein Podium am Kopf des Saals, zahlreiche Abgänge in Nebenräume. Ja, dieser Raum macht Lust, daraus ein Kulturzentrum zu entwickeln, schon so, wie er jetzt da liegt. Fuligni will ihn Freibad nennen. Und weil es das neue Freibad noch nicht gibt, bekommt Pascal Touzeau Gelegenheit, das „zukünftige Freibad“ zu bespielen. Die Heimat des Choreografen und seiner Compagnie ist eigentlich das ES 365. Dort waren allerdings die ursprünglich vorgesehenen Folgevorstellungen von Lighttraveler, seiner neuesten Choreografie, die er am 27. März uraufführte, wegen Umbauarbeiten nicht möglich, also bekommen die Tänzerinnen die Gelegenheit, als erste die neue Spielstätte, in der über den Sommer Ausstellungen und Aufführungen stattfinden sollen, auszuprobieren.
Eine kluge Entscheidung. Zur Erinnerung: Der Lichtreisende ist eine Kooperation von Touzeau und Desislava Staykova-Learn. Die Künstlerin steuert das Lichtkonzept zur Choreografie bei. Wie also wird das in den neuen Räumlichkeiten wirken? Für die Tänzerinnen Alice Hunter, Luisa Stehmann, Caroline Powell und Valeria di Mauro scheint der neue Wirkungsort – abgesehen davon, dass hier erheblich angenehmere Temperaturen als im ehemaligen Autohaus herrschen – bedeutungslos. Sie tanzen grandios wie in der ersten Minute der Compagnie. Das könnten sie vermutlich auch auf dem neugestalteten Worringer Platz unter freiem Himmel. Aber hier gibt es keinen das Licht von Staykova-Learn beflügelnden Nebel. Der subjektive Eindruck: Hier ist alles besser. Der kleinere, durch zwei Säulen begrenzte Raum gibt mehr Struktur und Halt für das Auge. Der fehlende Nebel sorgt für bessere Sicht, und die Ideen Staykova-Learns zur Lichtgestaltung sind klarer erkennbar. Der Abend wird zu einem Reduce to the Max. Das gilt auch für den Auftritt des Lichtreisenden in Gestalt von Thomas Huy, der hier sehr viel unmittelbarer und damit bedrohlicher, aber auch kränkelnder wirkt. Der alte Mann, von der Last der Welt beschwert, der mit seinen Stöcken noch unbarmherziger aufschlägt, muss nun einfach Stehmann nach ihrem Solo mit sich ziehen. Die musikalischen Einwürfe klingen heute Abend noch unmittelbarer.
Das Publikum, nun geordnet auf dem Podium sitzend, zeigt sich tief beeindruckt und applaudiert nachhaltig. Ein gelungener Einstand in der neuen Spielstätte, egal, ob es nun ein preview oder der Beginn einer neuen Veranstaltungsreihe sein wird.
Am 25. April wird es eine weitere Aufführung geben. Und am Tag darauf präsentiert die Compagnie eine neue Choreografie mit dem Namen Wings im Rahmen der Nacht der Museen, dann im BBK in der Birkenstraße, eine nicht ganz so spektakuläre, aber auf jeden Fall lohnende Spielstätte.
Michael S. Zerban