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MINOR MATTER
(Ligia Lewis)
Besuch am
8. Dezember 2017
(Premiere)
Im Tanzhaus NRW wird eine unbedeutende Angelegenheit verhandelt. Minor matter heißt das Stück, mit dem Ligia Lewis ihren Einstand als Residenzkünstlerin – im Tanzhaus heißt das factory artist – gibt. Nach ihrem Abschluss in Tanz und Choreografie an der Virginia Commonwealth University ging Lewis 2005 nach Europa, um dort für verschiedene Künstler und Ensembles als Tänzerin zu arbeiten. Bislang hat sie zwei eigene Arbeiten als Teile einer Trilogie vorgestellt. Nach ihrem Solo Sorrow Swag koproduzierte sie mit dem HAU Hebbel am Ufer in Berlin das Werk minor matter, das sie jetzt auch in Düsseldorf vorstellt, ehe etwa Mitte kommenden Jahres der dritte Teil Uraufführung feiern darf – dann als Ergebnis ihrer Arbeit am Tanzhaus NRW.
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Nachdem sich das Tanzhaus als Gastspielhaus einen starken Namen erarbeitet hat, indem es verschiedene Trends des zeitgenössischen Tanzes aus aller Welt präsentiert hat, sollen die Residenzkünstler – nunmehr im zweiten Durchgang – für mehr Identifikation und Bindung sorgen. Eine Strategieentwicklung, die über die Maßen begrüßenswert ist. Um es salopp-kulinarisch zu formulieren: Wer will schon dauernd Tapas essen, wenn er dafür auf Halve Hahn, Aachener Printen und Düsseldorfer Senf verzichten muss? Nun, ganz so traditionell wird es auch in Zukunft nicht im Tanzhaus werden. Die Residenzkünstler kommen aus dem internationalen Umfeld und bringen ausreichend Impulse mit, um nicht im Alt-Bier zu versauern. Und sie sind vor Ort und bleiben erst mal eine Weile. Was neue Impulse angeht, liefert Lewis gleich ein überzeugendes Beispiel.
Lewis beschäftigt sich mit der Geschichte der Schwarzen. Und ist sich gleichzeitig bewusst, dass es eine solche Geschichte gar nicht gibt. „Der“ Schwarze existiert nicht. Eine Erkenntnis, die auch die Deutschen erstmal verstehen müssen. Wieder verstehen müssen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat Deutschland nicht mehr eine solche Zahl an Schwarzen gesehen. Da sind erst mal Ängste vor dem Unbekannten zu bewältigen. Zeit bleibt dazu nicht. Denn Lewis konfrontiert das Publikum mit den Befindlichkeiten der Schwarzen im historischen Kontext.

Bewusst nutzt die Choreografin die black box der Studiobühne als begrenzten, ja, eingeengten Spielraum, den Schwarze aus ihrer Sicht zur Verfügung haben. Und das über den Lauf der Jahrhunderte. So beginnt das Werk nach gesprochener Einleitung mit höfischen Posen zu barocker Musik. Dass Alona Rodeh dazu nicht mehr eingefallen ist als legere Sportbekleidung – geschenkt. Immerhin kommt so viel Haut zum Vorschein. Eine stilisierte Wrestling-Einlage führt zum Höhepunkt der Choreografie. Auf der Grundlage von Maurice Béjarts Bolero-Ballett – Jassem Hindi hat die Musik modernisiert und an das eigene Klangbild angepasst – lösen Jonathan Gonzales, Tiran Willemse und Lewis das Solo im Gruppentanz auf. Bei der Lichtführung, deren hohe Präzision für Béjarts Choreografie absolut notwendig ist, scheint Andreas Harder etwas mit der Technik zu hadern und so können die Schattenhände nicht ganz die explosive Ausdruckskraft des Originals erreichen. Respektlos gleitet der Bolero in moderne Club-Musik ab, die die Körperlichkeit wieder mehr in den Mittelpunkt rückt. Dabei fällt vor allem die räumliche Aufteilung auf, wenn Lewis die Mitte des Raumes fast zu scheuen scheint. Immer wieder rücken die Tänzer in die Peripherie aus, drücken und drängeln sich an den Außenwänden entlang, Ausbruchsversuche an den Mauern empor inklusive. Linienbildungen, bei denen die drei Körper hintereinanderliegen, geraten ebenso scheinbar in die Raummitte wie immer neue Kumulationen, bei denen die Tänzer selbst in intime Tabuzonen einbrechen. Viele der Schichten dieser Choreografie zeigen deutliche Bilder, ohne die künstlerische Abstraktion endgültig zu verlassen. Eingebettet in die fast vollständige körperliche Verausgabung sprechen auch die beiden Tänzer Statements, die in kaum verständlichem Englisch im Raum versickern. Einmal mehr lässt das Tanzhaus sein deutsches Publikum im Regen stehen, wenn es keine Texthilfen an die Hand gibt. Den Gesamteindruck des Abends vermag das allerdings nicht zu trüben, der insbesondere deshalb so stark ist, weil die Choreografin Tanz als gesamttheatralische Aufgabe versteht.
Wenn Ligia Lewis hier die Frage nach der eigenen Identität, der Zerrissenheit innerhalb der schwarzen „Gemeinschaft“ vor allem im historischen Bewusstsein aufwirft, entfacht sie damit einen Diskurs, der keinesfalls abhängig von der Hautfarbe ist. Im Gegenteil könnte in der Suche nach Antworten auf diese Fragen die gemeinsame Schnittmenge liegen, die eine Annäherung zwischen Schwarz und Weiß ermöglicht, ohne dass am Ende ein hässliches Grau entsteht. Voraussetzung ist, dass beide ihren Kokon – oder um im Bild zu bleiben: ihre black box – verlassen. Lewis verstört. Und erhöht damit die Vorfreude auf die kommenden zwei Jahre in der Auseinandersetzung mit ihrem Werk in Düsseldorf. Und noch etwas ist klar, aber das war es ja eigentlich schon vor der Aufführung: Um unbedeutende Angelegenheiten geht es der Choreografin sicher nicht.
Michael S. Zerban