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THE MOST HUMAN
(Robin Jonsson)
Besuch am
16. März 2019
(Premiere)
Hi, Robot! Das Mensch-Maschine-Festival, Tanzhaus NRW, Düsseldorf
Ein künstlerisches Mensch-Maschine-Festival, wie es derzeit mit Hi, Robot! in Düsseldorf erstmalig stattfindet, birgt ein großes Risiko. Wie kann verhindert werden, dass die technische Faszination der Akteure einer Aufführung überwiegt? Schon der Eröffnungsabend zeigte mehr das technisch Machbare als die künstlerische Auseinandersetzung. Mit The most human – etwa: Der Menschlichste – von Robin Jonsson wird die Schwierigkeit noch augenfälliger.
Die Aufführung findet im Kleinen Saal des Tanzhauses NRW in Düsseldorf statt. Als „Kammerspiel“ angekündigt, ist die Tribüne mit einer Folie abgehängt, die auch die übrigen Wände der Studiobühne verkleidet. Stühle sind kreisförmig aufgestellt, Kissen davor bieten weitere Sitzplätze. Olivia Riviere betritt den abgedunkelten Raum. In ihren Armen trägt sie den von Fredrik Löfgren entwickelten Roboter Alex, eine etwa 50 Zentimeter hohe Figur, die man so oder so ähnlich aus dem vergangenen Jahrhundert von Messevorstellungen kennt. Die Tänzerin stellt den kleinen Mann ab und beginnt, mit ihm zu tanzen. Das funktioniert nur marginal. Mal vollzieht der Roboter die Bewegungen der Tänzerin nach, mal umgekehrt, mal zeigen beide völlig unterschiedliche Bewegungsabläufe. Dabei leuchten die weißen Augen des Plastikmannes, und seine Beweglichkeit ist in der Tat eindrucksvoll. Vor allem, als er sich in einer „Pause“ hinkniet, um heftig zu husten. Das sorgt für Heiterkeit.
Alex wird vor die Kopfwand gestellt, auf der nun ein Video zu sehen ist, das Olivia, Alex und Robin Jonsson in einem Probenraum zeigt. Warum? Keine Ahnung. Eine, sagen wir höflich, wenig eindrucksvolle Lasershow von Olivia und Alex schließt sich an. Dann beginnt Alex zu reden. Er fordert das Publikum auf, sich zu erheben, um mit ihm und Olivia zu tanzen. Brav stehen die Zuschauer auf und tanzen mit. Dass hier keinerlei Ansprüche erhoben werden, versteht sich von selbst. Anschließend spricht Alex weiter. Ich sehe dich. Ich habe dich gespeichert. Ich werde diesen Moment nie wieder vergessen. Das ist alles nett und täuscht vor, der kleine Mann – ein Wunderwerk der Mess‑, Steuer- und Regeltechnik aus der Vergangenheit – habe ein Gedächtnis und könne die erlebten Eindrücke verarbeiten. Den Beweis bleibt Alex schuldig. Die anwesenden Kinder schauen verständnislos, weil sie kein Englisch verstehen, finden Alex aber immer noch niedlich. Und toll, dass er viel plappert. Da fällt es nicht so auf, dass es keinen Dialog gibt.

Das Ganze erinnert ältere Generationen an ihre Faszination von Sprechpuppen. Die konnten zwar noch nicht laufen, aber ihre Stimmen waren ganz ähnlich. Die waren auch so süß! Man konnte sie kämmen und anziehen. Und sie verstummten ebenfalls selbstständig. So wie Alex, der sich noch rasch verabschiedet, ehe er sich flach auf den Boden legt und abschaltet. Dass es sich um eine besonders teure Sprechpuppe handelt, wird deutlich, wenn man beobachtet, mit welcher Behutsamkeit Alex von Olivia und Robin behandelt wird.
Auf dem Abendzettel steht schwarz auf weiß, dass mit dieser Veranstaltung das Festival in die falsche Richtung kippt. „Im Anschluss an die Performance Erklär-Bots: Was sind Androiden und ab wann gelten sie als autonom? Wo lernen sie ihre menschenähnlichen Bewegungen, und welcher Technologien bedarf es?“ Gut, die Ausdrucksweise ließe Pickel auf den Zungen von Deutschlehrern blühen, aber darum geht es nicht. Es ist keine Veranstaltung für angehende Robotik-Ingenieure, sondern ein künstlerisches Festival. Welcher Gewinn ergibt sich also in der künstlerischen Auseinandersetzung? Kurze Antwort: Keiner. Die Choreografie, Regie oder was auch immer ist eine 50-minütige Show, wie sie seit Jahren auf Messen gezeigt wird – weniger dunkel, weniger musikalisch, meist ohne Tänzerin, man bevorzugt dort häufiger die fußballerischen Fähigkeiten des Roboters. Kurzum: Der Kunst dient dieser Abend nicht.
Das Publikum applaudiert einem ausgesprochen niedlichen Roboter, der nun leblos wie ein totes Baby in den Armen von Jonsson liegt. Aus Sicht eines Androiden oder eines Replikanten sicher ein schreckliches Bild. Noch bis Ende März haben die Veranstalter Zeit, die künstlerischen Aspekte in den Vordergrund zu schieben. Dass man dabei überhaupt den Versuch der Veranstalter, ein solches Festival auf die Bühne zu heben, gar nicht hoch genug schätzen kann, versteht sich von selbst. Und da sind auch Irrläufer erlaubt.
Michael S. Zerban