O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Sie sind zurück

MUSIK IM MAUTZ
(Diverse Komponisten)

Besuch am
10. August 2020
(Einmalige Aufführung)

 

Düsseldorf Lyric Opera, Café Mautz, Düsseldorf

Man hat sich zwischen­durch mal geschrieben. Geht ja nicht nur um Künstler und Journa­listen, sondern auch um Menschen. Julia Coulmas, die Künst­le­rische Leiterin der Düsseldorf Lyric Opera, hat voller Freude von ihrer Schwan­ger­schaft berichtet. Glück­wünsche folgten. Und haben offenbar gewirkt. Nach einem halben Jahr meldet sich die Truppe zurück. Vorher ging nicht, weil Auftritte im Bürgerhaus des Salzmannbaus in Düsseldorf nicht möglich waren. Jetzt hat sich das Café Mautz zwei Häuser weiter bereit erklärt, eine Freiluft­ver­an­staltung zu unter­stützen. Die Bedin­gungen scheinen angesichts der geltenden Virus-Regelungen ideal. Der Innenhof im Salzmannbau ist groß genug, um eine großzügige Terrasse für viele Gäste aufzu­bauen. Zwischen dem schmie­de­ei­sernen Zaun, der das Grund­stück nach vorne abgrenzt und dem Bau, in dem sich das Café befindet, liegt ein breiter Rasen­streifen, auf dem man die „Bühne“ aufbauen kann. Unter einem Zeltdach sind zwei Mikrofone und Noten­ständer vorbe­reitet, rechts daneben ist Platz für die Technik, ein elektro­ni­sches Piano und die Rückzugs­räume der Künstler. Gut, zum Umziehen muss man aufs Klo. Aber sonst ist irgendwie alles da. Nur eben ohne Mauern.

Ekaterina Somicheva – Foto © O‑Ton

Coulmas ist ein wenig nervös. Mit der Schwan­ger­schaft läuft alles prima, auch wenn sie froh ist, wenn im kommenden Monat das Kind da ist. Aber die Aufführung. Kaum etwas ist geplant, das Programm wird am selben Abend entwi­ckelt, ist schließlich erst mal ein Experiment. Die Künst­ler­gruppe will auspro­bieren, was geht und was weniger. Wunderbar. Und die Nachbarn wissen davon nichts. Die besetzen alle Plätze auf der Terrasse. Da gibt es keinen freien Stuhl mehr. Und es gibt seltsam viele Großfa­milien. Wen inter­es­siert das? Alle fühlen sich mit ihren Abständen wohl und genießen die ganz leichte Brise, die den Innenhof statt angekün­digter Hitze­ge­witter durch­zieht. Wenn dich bei 35 °C auch nur ein Luftzug erreicht, erscheint das schon himmlisch. Die Stimmung ist gelöst, das Café hat vermutlich lange nicht mehr so viele Gäste gesehen, die auch gern und oft bestellen. Eine herrlich entspannte Atmosphäre, in der sich die wenigen Mitglieder der Düsseldorf Lyric Opera auspro­bieren können. Schließlich geht Coulmas – vermutlich berechtigt – davon aus, dass es noch länger dauert, bis wieder „normale Zustände“ einkehren und Auffüh­rungen im Bürgerhaus möglich werden. Und wenn man mal ganz ehrlich ist, darf man sich nach diesem Abend wünschen, dass noch viele dieser Freiluft-Auftritte notwendig sind. Hier wird einfach Kunst produ­ziert, entspannt, mit unglaublich viel Freude, ohne jedes Schicki­micki, aber vom Herzen her ehrlich und aufrichtig.

Zum Auftakt stimmen Michael Carleton am elektri­schen Klavier und Luis Pallarolas am Saxofon mit dem Klassiker In the Mood von Glenn Miller ein. Den Anfang des Sängerreigens macht Coulmas selbst mit Can’t help lovin‘ that man. Das Lied, mit dem sie ihren Mann überzeugte, verrät sie. Ja, heute Abend ist alles ein bisschen familiärer. Beim Publikum kommt das gut an. Und alle rücken im übertra­genen Sinne ein wenig enger zusammen. Carleton und Meghan Behiel leiten mit der vierhän­digen Inter­pre­tation von The Arrival of the Queen of Sheba von Georg Friedrich Händel am Klavier zur klassi­schen Abteilung über. Ekaterina Somicheva puscht das Publikum mit La Pastorella delle Alpi von Gioachino Rossini, einen Walzer, den sie im Dirndl präsen­tiert. Aber auch das kann von ihrem wunder­baren lyrischen Sopran nicht ablenken. Thomas Huy ist der Shutdown sehr gut bekommen. Seine Stimme klingt gereifter, runder, was nach seinem Schwei­ne­züchter noch nicht ganz zum Ausdruck kommt, wenn er in Ja, das Schreiben und das Lesen aus dem Zigeu­ner­baron von Johann Strauss Sohn die Sau rauslässt. Aber bevor er seine Verbes­se­rungen so richtig zeigen kann, ist erst mal Julia Langeder dran, die das Publikum mit in Die lustige Witwe von Franz Lehár nimmt und Es lebt eine Vilja leich­ter­dings unter das Volk bringt. Nein, es gibt kein neues Programm. Die Sänger verlassen sich nach dem Shutdown auf Altbe­währtes. Und so ist keine große Überra­schung, dass Tenor Frank Schnitzler den Evergreen Granada des unglück­lichen Musikers Agustín Lara voller Inbrunst darbietet. Unglücklich deshalb, weil er den späteren Welthit für lediglich ganz kleines Entgelt an einen Verlag abtrat.

Meghan Behiel und Michael Carleton – Foto © O‑Ton

Carleton und Pallarolas wollen eigentlich nur ein bisschen Pausen­musik spielen. „Es ist nur für die Pause, redet weiter!“ ruft Carleton dem Publikum zu, das ganz entzückt Klavier- und Saxofon-Klängen lauscht. Der nächste Höhepunkt wartet schon. Là ci darem la mano ist das klassische Duett zwischen Don Giovanni und Zerlina aus Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart. Eine Steil­vorlage für Somicheva und Huy. Beim „Andiam‘“ geht eine gefühlte Feuer­werks­salve nach oben, und wenn die beiden Hand in Hand abtreten, johlen die Besucher. Da ist das vierhändige Klavier­spiel von Behiel und Carleton im Anschluss eine angenehme Erholung, mit der sie an den Barbier von Sevilla erinnern. Huy kehrt danach zurück, um die glück­selige Prahlerei des Leporello aus Don Giovanni anzubiedern. Den Humor bekommt er auch mit neu gewon­nener Stimm­qua­lität hin. Das ist wirklich erfreulich. Neid wird er später hervor­rufen, wenn er erzählt, dass er sich im Shutdown zehn Kilo abtrai­niert hat. Der Bariton ist also perfekt für kommende Aufgaben aufge­stellt. Das ist nicht jedem in dieser Zeit gelungen. Aber Sopra­nistin Langeder lockt das Publikum noch mal mit Heia, heia in den Bergen ist mein Heimatland aus der Csárdás­fürstin, die Emmerich Kálmán zu Weltruhm führte, zum Mitsingen. Das funktio­niert mehr oder weniger gut, ändert aber nichts an der Lebens­freude, die hier versprüht wird. Zum Schluss gibt es kein Feuerwerk, sondern eine Romanze von Arthur Hamilton. Coulmas wächst über sich hinaus. So klar, so rein hat man ihre Stimme selten vorher gehört – obwohl sie immer eine Freude fürs Ohr ist – wenn sie sich in Cry me a River verliert. Auch auf die Gefahr hin, Kitsch zu produ­zieren: Da singt die Zukunft in Gestalt werdenden Lebens mit. Und Schnitzler gibt noch einmal alles, wenn er ‘O sole mio von Eduardo di Capua intoniert.

Der Abend, der als Experiment begonnen hat, wird trotz oder gerade wegen eines sehr konven­tio­nellen Programms zu einem riesigen Erfolg, vielleicht auch überhaupt wegen der Wieder­se­hens­freude. Das Publikum tritt anschließend an, um sich einzeln und persönlich bei den Inter­preten zu bedanken. Wieder­holung wird schnellst­möglich verlangt, im umher­ge­henden Hut klimpert es nicht. Aber jetzt wird Julia Coulmas sich erst mal um sich selbst kümmern, bevor sie mit der Düsseldorf Lyric Opera zu neuen Abenteuern aufbricht – und das sei ihr gegönnt.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: