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MYSTISCHE NACHT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
2. November 2024
(Einmalige Aufführung)
Die katholische Pfarrkirche St. Franziskus-Xaverius liegt an der berüchtigten Großkreuzung „Mörsenbroicher Ei“ im Düsseldorfer Stadtteil Mörsenbroich und entstand 1929 als Entwurf der Architekten Hans Tietmann und Karl Haake. Ende der 1940-er Jahre fand sie beim Wiederaufbau ihre heutige Form mit drei Kirchenschiffen. Auf der Orgelempore findet sich eine Klais-Orgel aus dem Jahr 1970.
Hier nimmt der 1959 in Moers am Niederrhein geborene Odilo Klasen in diesem Jahr seinen Abschied als Regionalkantor und Seelsorgebereichsmusiker. Er war also für die musikalische Ausrichtung verschiedener Pfarreien zuständig und hatte seit 1990 seine Heimat in der Pfarrei Rath Oberrath und Mörsenbroich vulgo St. Franziskus-Xaverius, Zum Heiligen Kreuz und St. Josef. Nach seinem Studium in Duisburg, Köln und München machte er sich einen Namen als Kirchenmusiker, Organist und Komponist. 2014 promovierte er über den Komponisten Oskar Gottlieb Blarr, der heuer 90 Jahre alt wurde und ebenfalls zugegen ist, weil eines seiner Werke aufgeführt wird. Von Anfang an ist die Mystische Nacht in St. Franziskus-Xaverius fester Bestandteil des Internationalen Düsseldorfer Orgel-Festivals, und somit findet heute nicht weniger als eine Abschiedsparty für den charismatischen Musiker statt, der sich in jungen Jahren auch als Dirigent und Alte-Musik-Spezialist vor allem im österreichischen Raum einen Ruf erwarb.

„1993 dauerte die Mystische Nacht vier Stunden und begann allerdings erst um 22 Uhr. Am Ende waren es noch 40 Besucher, die in Decken gehüllt waren“, erzählt Klasen und verspricht im gleichen Atemzug, dass der heutige Abend „entschärft“ verlaufen werde. Dass es trotzdem zweieinhalb Stunden statt der angekündigten 110 Minuten werden, verrät er nicht. Aus dem Programmheft ist zu erfahren, dass es die Höhepunkte der letzten 32 Jahre zu hören gibt.
Der Kammerchor St. Franziskus-Xaverius hat auf der Orgelempore Platz genommen und eröffnet mit dem Lobgesang Alta Trinità Beata, also in etwa heilige, erhabene Dreieinigkeit, aus dem 15. Jahrhundert. Nach diesem Labsal für die Seele intoniert Klasen auf der Orgel sub rosa, ein Werk des ebenfalls anwesenden Miro Dobrowolny, zu dem Klasen erzählt, dass Gespräche schon bei den alten Römern geheim gewesen seien. Da Beichtstühle und die Decken der Bürgerhäuser mit Rosen verziert waren, gab es also Unterhaltungen „unter der Rose“, die Dobrowolny ins Musikalische übersetzt.
Im Altarraum dirigiert Christoph Ritter anschließend seine 5 Visions for small orchestra, fünf Miniaturen, die vom Publikum begeistert angenommen werden. Bilder in Musik umzusetzen, ist ein beliebtes Mittel der Komposition, das auch Anthony Plog einsetzt, wenn er sich dem Werk Die Sonne von Edvard Munch in seinem Stück Sun – Night widmet. Trompeterin Susanne Knoop setzt das gemeinsam mit Klasen auf der Empore um. Warten am Ölberg für Flöte und Streichtrio von Oskar Gottlieb Blarr stammt aus dem Jahr 1987. Flötistin Pia Marei Hauser wird begleitet von Martin Schminke an der Geige, Tom Morrison an der Bratsche und der Cellistin Jana Simić. Die vier gehören zum Art-Ensemble NRW, das Miro Dobrowolny 1987 gründete und bis heute leitet. Das vollständige Ensemble tritt an, um mit der Mezzosopranistin Natalie Mol unter der Leitung von Klasen dessen Stück Die Salbung aus der „Musicopera“ Marien Magdalena von 2002 aufzuführen. Gleichsam als Intermezzo interpretiert das Streichtrio Agitato und Meno mosso aus den Études von Dobrowolny, die jetzt als Uraufführung erklingen.
Die „Musicopera“ Judit aus dem Jahr 2000 verlangt nun den vollen Personaleinsatz, wenn unter der Leitung von Klasen am E‑Piano Judits Gebet aufgeführt wird. Die Mezzosopranistin Anke Münther tritt hier aus dem Chor hervor, um mit ihm und dem Musik-Ensemble das Gebet ebenso musikalisch zu interpretieren wie das Finale aus Judit, in dem auch der Bass Achim Hoffmann als Solist singt. Neben den beiden Programmebenen der Kammermusik und des Musicals hat Klasen auch einen Ausflug ins Französische versprochen, den er sich allerdings für die zweite Hälfte des bunten Konzertabends aufhebt. Vorerst weist er ausdrücklich darauf hin, dass Bewegung im Raum auch während des Konzerts erwünscht ist, um beispielsweise Klänge aus anderer Perspektive wahrzunehmen. Es bleibt beim frommen Wunsch, den das Publikum schlicht ignoriert.

Auch nach der Pause eröffnet der Chor wieder von der Empore mit Alta Trinità Beata, diesmal sanft, fast schon subtil, von Orgelklängen untermalt. Oboistin Saskia Buxbaum fällt die Aufgabe zu, die Sonatina bEsidEs in fünf kurzen Sätzen von Norbert Laufer zu interpretieren, nachdem noch ein Stück von Wolfgang Rihm aus der Sinfoniae I, Messe für Orgel aus dem Jahr 1971 als Reminiszenz an den kürzlich verstorbenen Komponisten erklungen ist. Das Programm soll ein bisschen das Arbeitsleben eines Kirchenmusikers widerspiegeln, vermerkt Klasen im Begleittext des Abendzettels. Und dazu gehören ganz sicher die großen Chorauftritte wie die Pavane von Gabriel Fauré oder auch John Rutters Requiem, aus dem „auf besonderen Wunsch“ The Lord is my shepherd und Lux aeterna aus dem Vorjahresprogramm wiederholt werden. Ein letztes Durchatmen gibt es, wenn Kathrin Montero-Küpper an der Harfe Klasens Minchro 7 virtuos darbietet.
Das mitreißende Finale gestaltet nicht der Chor, sondern es wird auf die Empore verlegt. Mit Une Vision de Sainte Thérèse von Augusta Holmes bekommt Mol in Orgelbegleitung Gelegenheit zu einem Auftritt in „Wagnerscher Dimension“, wie Klasen es nennt. Der gelingt ihr höchst eindrucksvoll. Klasen selbst übernimmt das Schlusswort, mit dem er die Klais-Orgel fordert und den Besuchern einen unvergesslichen Eindruck mit auf den Weg gibt. Der Choral III in a‑Moll von César Auguste Franck nimmt das Publikum noch einmal voll und ganz gefangen und erinnert in seiner Wucht und Eindringlichkeit durchaus an Enjott Schneiders Schlafes Bruder. Im Altarraum dürfen sich die Akteure, allen voran Odilo Klasen noch einmal ausgiebig feiern lassen, ehe der Abend nach zweieinhalb Stunden zu Ende geht.
Drei Konzerte gibt es noch bis Montagabend. Das große und schon jetzt empfohlene Finale des diesjährigen Internationalen Düsseldorfer Orgel-Festivals findet am 29. November statt. Dann beginnt um 20 Uhr in St. Antonius im Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel die IDO-Orgelnacht, an der auch Klasen teilnehmen wird. Ein vierstündiger Abend, der noch einmal die ganze Vielfalt des Festivals aufzeigen wird.
Michael S. Zerban