O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Die Krippe gerockt

NEUJAHRSKONZERT
(Diverse Komponisten)

Besuch am
3. Januar 2025
(Einmalige Aufführung)

 

St. Mariä Himmel­fahrt, Düsseldorf-Unterbach

Jetzt mal ganz ehrlich. Zum Neujahrs­konzert mit Orgel und Klavier in die Kirche? Da braucht es schon einiges an gutem Willen und Überwindung, um den Freitag­abend bei Schnee­regen nicht lieber auf dem heimi­schen Sofa zu verbringen. Offenbar hat Kantor Ingo Hoesch aber mit seiner Reihe Freitags­musik, in deren Rahmen das Neujahrs­konzert statt­findet, schon viel Vertrauen in der Gemeinde aufgebaut, denn die Kirche St. Mariä Himmel­fahrt im Düssel­dorfer Stadtteil Unterbach ist erstaunlich gut besucht.

Wie dem einen oder anderen bekannt sein dürfte, endet die Weihnachtszeit nicht mit dem Auspacken der Geschenke unter dem geschmückten Tannenbaum, sondern im christ­lichen Glauben mit Epiphanias, geläu­figer als Tag der Heiligen Drei Könige, also dem 6. Januar, der als Tag der Taufe Jesu Christi gilt. Dementspre­chend ist in dem Kirchenbau, der im Stil des Bruta­lismus errichtet ist, noch eine feudale Krippe im Altarraum aufgebaut. An der Rückwand der Kirche stehen die drei Figuren der Könige, alles schön ausge­leuchtet. Ein wunder­barer Blickfang.

An der rechten Seite, an der sich auch die Orgel befindet, sind eine Truhen­orgel und ein Stutz­flügel aufgebaut. Bauart­be­dingt weist ein Stutz­flügel Schwächen auf. Die hohen Saiten neigen relativ früh zum „Scheppern“, während die Bass-Saiten schnell dumpf klingen. Hoesch hat sich entschlossen, den Klang des Instru­ments „aufzu­motzen“. Dazu verwendet er erstmalig ein Klang­ver­bes­se­rungs­system, das sein Freund Knut-Michael Senft­leben erfunden hat. Senft­leben ist in Buxtehude geboren, hat im elter­lichen Betrieb Cembalo- und Klavierbau gelernt und 1983 den Meister­brief erworben. Im selben Jahr machte er sich mit einem Repara­tur­be­trieb in Caden­berge bei Cuxhaven selbst­ständig. Vor einigen Jahren entwi­ckelte er eine verblüffend einfache Klang­mem­bran­brücke. Sechs Silikon­kugeln braucht es dazu. Vier werden zwischen Klappe und Deckel, zwei zwischen Deckel und Rahmen des Instru­ments platziert. So schlicht wie genial wird dadurch eine massive Klang­ver­bes­serung erreicht. Das Instrument klingt wärmer und volumi­nöser. Und Hoesch will heute Abend den Beweis antreten, ehe am 16. Februar die Frau des Erfinders ein Konzert mit tsche­chi­scher Klavier­musik im Erkrather Pfarrsaal geben wird, bei dem Senft­leben das System vorstellen will. Und um es vorweg­zu­nehmen: Die Klang­ver­än­derung am Stutz­flügel ist mindestens eindrucksvoll. Ohne die Klang­mem­bran­brücke wäre das Konzert nicht durchführbar.

Ingo Hoesch – Foto © O‑Ton

Wie üblich hat Hoesch einen Gast einge­laden. Heute ist es Torsten Laux. In Worms geboren, studierte er Kirchen­musik, Orgel und Kompo­sition in Frankfurt, Paris und Stuttgart. Nachdem er A‑Prüfung, Konzert­examen und Solis­ten­prüfung erfolg­reich absol­viert hatte, begann eine beein­dru­ckende Karriere, in deren Folge sich nicht nur zahlreiche Preise in Orgel­spiel und Kompo­sition, sondern auch eine Professur für Orgel an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf finden. Verbunden ist Laux dem Orgel­spiel in Düsseldorf auch als Mitgründer des Inter­na­tio­nalen Düssel­dorfer Orgel­fes­tivals neben dem damaligen Inten­danten und heutigen Präsi­denten, Herbert Ludwig, und Andreas Petersen. Hoesch kennt den sympa­thi­schen Musiker als Lehrer. Von 1997 bis 2000 studierte er bei Laux und legte bei ihm auch sein Examen ab. Seitdem sind die beiden freund­schaftlich verbunden. Beste Voraus­set­zungen also für ein Konzert der Spitzenklasse.

„Um die Herzen der Besucher zu öffnen“, wie Hoesch sagt, erklingt zum Einstand das Concerto für zwei Orgeln Nr. 6 in G‑Dur von Antonio Soler in vier Sätzen mit Laux an der Truhen­orgel und Hoesch an der Orgel. Es sind eher weltliche Klänge, und wer will, kann hier Programm­musik über Fürsten bei der Fuchsjagd wahrnehmen. Ein wenig langatmig ist es schon, das Werk aus dem 18. Jahrhundert, vor allem, weil der Blick in den Abend­zettel durchaus Aufre­gen­deres erwarten lässt. Und mit dem nachfol­genden Stück liefert Laux. Puh, na klar, du bist in der Kirche, also gibt es Bach – Johann Sebastian Bach. Aber was der Organist mit dem Präludium und der Fuge in D‑Dur, BWV 532, in der Kirche an Erhabenheit und durch­dachtem Wohlklang verströmen lässt, gerät zum Fest. Laux gelingt es, einen Bach zu spielen, der nicht nach alter Musik klingt, sondern direkt in die Herzen fährt. Kompliment.

Ein Jahrhundert später versprüht César Franck Sehnsucht­s­klänge. Mit Prélude, Fugue et Variation, die 1868 in der Origi­nal­fassung für Orgel und Flügel erschienen, hat Franck nicht nur ein wunder­bares Zusam­men­spiel der beiden Instru­mente erschaffen, sondern auch viele Melodien kompo­niert, die seiner Zeit weit voraus scheinen. Die beiden Musiker – Laux an der Orgel, Hoesch am Flügel – bilden dafür das perfekte Team, und spätestens hier wird deutlich, was Senft­leben zu einem gelun­genen Abend beiträgt.

Torsten Laux – Foto © O‑Ton

Im zweiten Teil des Abends kommt der Komponist Laux zu Wort. Seine Fünf Psalmen für Orgel stammen aus dem vierten Jahr des IDO-Festivals. Für den heutigen Abend haben die Musiker sich etwas Beson­deres einfallen lassen. Im Abend­zettel finden sich die Psalmen in der Übersetzung von Martin Luther. Pasto­ral­re­ferent Martin Grote liest die Psalmen in der Übersetzung des Rabbiners Naftali Herz Tur-Sinai. So können die Besucher sich etwa ganz dem Klang der geübten Stimme Grotes überlassen oder den Vergleich der beiden Überset­zungen ziehen. Im Vergleich aller­dings verliert der Rabbiner stilis­tisch. Jeweils nach einem verle­senen Psalm ertönt die musika­lische Inter­pre­tation Laux‘. Was sie mit den Psalmen verbindet, mag sich allein dem Kompo­nisten erschließen. Aber die Musik, bisweilen durchaus düster, ist großartig. Verwendete man sie als Filmmusik, würde sich so mancher Horrorfilm ebenso damit schmücken können wie der Film über die beendete Liebe, in der die unglück­liche Frau im Morgen­nebel in den mysti­schen Wald entschwindet.

Noch einmal finden die beiden Musiker zusammen, um dem Anspruch, „ein musika­li­sches Feuerwerk für zwei Tasten­in­stru­mente“ abzuliefern, gerecht zu werden. Ein wenig ungewöhnlich ist es schon, Maurice Ravels Bolero in der Kirche zu hören. Die Origi­nal­fassung für zwei Klaviere haben sie auf Orgel und Flügel übertragen. Vielleicht irritiert hier tatsächlich der Blick auf die Krippe, wenn sich das eksta­tische Werk in einen Rausch verwandelt. Aber der Klang ist grandios. Laux an der Orgel und Hoesch am getunten Stutz­flügel steigern sich in die wechselnde Führung hinein, werden furios, am Ende stimmt so manche Note nicht mehr, aber wen inter­es­siert das? Die Klang­ex­plosion geht den Besuchern unter die Haut, bis in die Haarspitzen reicht das.

Erschöpft, aber glücklich springen die Besucher auf, um Laux und Hoesch zu einem heraus­ra­genden Abend zu gratu­lieren. Vermutlich vibrieren ihre Finger noch vom enthu­si­as­ti­schen Zugriff auf Ravel, während sie die verdienten Gratu­la­tionen nach dem offizi­ellen Schluss­ap­plaus entge­gen­nehmen. Beim anschlie­ßenden Empfang im Pfarrsaal werden sie von einem begeis­terten Publikum gefeiert. So muss ein Neujahrs­konzert sein, dann klappt es auch mit dem Rest des Jahres.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: