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NOW & NEXT
(Diverse Choreografen)
Besuch am
19. Oktober 2017
(Premiere am 18. Oktober 2017)
Zwischen einer erkalteten Traviata in Köln und einem überhitzten Wozzeck in Düsseldorf, beides serviert mit freundlichen Grüßen aus dem Opernmuseum, bietet das Tanzhaus NRW am Donnerstagabend einen Blick in die Zukunft des Tanzes. In der Reihe Now and Next, also etwa Jetzt und als Nächstes, bekommen Nachwuchs-Choreografen oder vielleicht eher ‑Performer Gelegenheit, ihre Arbeiten vorzustellen. Die Begrifflichkeiten scheinen zunehmend zu verschwimmen. Was ja durchaus gewollt sein kann. Gesprengte Genre-Grenzen sind seit Jahrzehnten gewünscht, die Jugend setzt es jetzt einfach um. Studierende dürfen ausprobieren, sind nicht an Rahmenvorgaben gebunden – das gilt zumindest für die Studiensemester, die jetzt noch aus den Hochschulen strömen. Und der heutige Abend zeigt, dass sie ihr Potenzial, ihre Kraft mit Macht nutzen. Wunderbar.
Anstatt nun einem „Nachwuchstalent“ die große Bühne zu öffnen, gibt das Tanzhaus NRW zwei kleinere Bühnen im Hintergrund frei, auf der drei Gruppen ihre Werke im Wechsel zeigen können. An diesem Abend gibt es ein großes Lob für die Organisation, die nicht nur für einen halbwegs pünktlichen Beginn, sondern auch für einen reibungslosen Ablauf und ausreichende Information des Publikums sorgt.
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Und gleich mit dem ersten Auftritt heißt es: Zurück in die Vergangenheit. Dunkel muss es sein auf der Bühne. Dunkelheit bis zur Unkenntlichkeit. Und das ändert sich auch nicht, „until the morning comes“ – so der Titel der Choreografie von Lisa Bless, die ihr Studium in Köln beendet hat und derzeit an einem Postgraduierten-Studium in Portugal teilnimmt. Mit kleinen bizzelnden Bewegungen der Finger entlang der Unterarme nimmt der Körper Energie auf, um sich später zu den Klangbildern aus dem Computer von Maximilian Bach roboterhaft zu bewegen. Bach selbst steht hinter drei aufeinandergestellten Bierkisten, auf denen sein Notebook Platz findet. Auch wenn der Discjockey sich hinter seiner Barriere „verschanzt“, scheint zwischen beiden Körpern eine permanente Kommunikation stattzufinden, die in einer flüchtigen Annäherung der Tänzerin an die Barriere gipfelt. Man muss diese Art von Geräuschkulisse nicht mögen, aber sie hilft, die Spannung zwischen den beiden Punkten im Raum aufzubauen und aufrechtzuerhalten. „Ich mag es, meine eigenen Welten zu schaffen, unterschiedliche Universen zu finden mit ihren eigenen Regeln, Verhaltensmustern, Raum und Zeit“, sagt Bless über ihre Arbeit. Eine dieser Welten hat sie heute Abend gezeigt, hereingelassen hat sie niemanden. Dankbarer Applaus, ehe das Publikum in ein anderes Studio aufbricht, in eine andere Welt, in einen anderen Kosmos des Tanzes eintaucht.

Denn Solo2 von Julia Keren Turbahn könnte gegensätzlicher kaum sein. Nach dem Studium der Kultur- und Medienwissenschaften in Düsseldorf und einem Studienaufenthalt in Sydney vertieft Turbahn ihre Tanzstudien derzeit in Berlin. Bei Now and Next stellt sie ein raffiniertes Stück vor, das mit Sehgewohnheiten und Wahrnehmungsmustern brechen will. Dazu braucht es Licht, aber sonst nicht viel. Die Hintergrundgeräusche von Alois Späth sind so leise, dass sie mitunter eher wie akustische Störungen wirken. Auf dem Boden der sonst vollständig leeren Bühne liegen zwei rothaarige Frauenkörper. Die Gesichter sind nicht erkennbar. Dafür hat Anna Philippa Müller gesorgt. Amöbenhaft beginnt der vordere Körper sich zu bewegen, und es dauert einen Moment, bis man versteht, dass sich die Dinge nicht ganz so verhalten, wie man zunächst glauben mag. Das fasziniert und macht Spaß. Nachdem der erste Körper wieder zur Ruhe gekommen ist, kriecht das Leben in den weiter hinten liegenden. Und erst zum Schluss werden die Gesichter von Julia Keren Turbahn und Rachell Bo Clark erkennbar. Ein überraschendes Stück, das sich Langsamkeit traut und leisten kann und eine Dramaturgie bietet: Das darf man mehr als vielversprechend bezeichnen.
Zurück in die Dunkelheit. Während der gesamten Aufführung von Trompeter Pablo Giw und Tänzer Kelvin Kilonzo wird nicht einmal auch nur annäherungsweise die Notwendigkeit ersichtlich, das Licht auch nur unter Putzlicht-Niveau abzudunkeln. Stattdessen muss man Angst haben, dass noch einer der beiden Künstler über eines der Kabel fällt, die Giw für seine ansonsten wirklich großartige Musik benötigt. Am ehesten könnte man dieses Klangerlebnis vielleicht als performative Musik bezeichnen. Die Trompete ist an vermutlich einen Synthesizer angeschlossen, so dass Giw vom Instrument aus auch andere Klangebenen initiieren kann. Das begeistert technisch wie klanglich – und ist, wie man am Ende erkennen kann, mindestens so anstrengend wie der stark athletisch beeinflusste Tanz von Kilonzo. In Fluid States of Being sind beide Künstler auf der Bühne, aber doch noch jeder sehr für sich. Eine stärkere Verzahnung könnte, so zeigen es die Passagen, in denen die beiden Bezug aufeinander nehmen, mehr Komplexität und Intensität schaffen. Dem Publikum gefällt, was es zu sehen und zu hören bekommt. Und so steht dem angebotenen Gespräch mit den Künstlern im Anschluss nichts mehr im Wege.
Now & Next: Ein schrecklicher Name für eine wirklich schöne Veranstaltung, in der man ganz unprätentiös schon mal einen Blick in die Zukunft werfen kann und mitunter Künstler erlebt, die schon heute die „alten Hasen“ überholt haben. Gemessen an der Zuschauerzahl, ist dieser Abend, der bislang zwei Mal im Jahr stattfindet, sicher noch ein Geheimtipp. Aber er wird es nicht bleiben.
Michael S. Zerban