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LE NOZZE DI FIGARO
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
28. September 2018
(Premiere am 1. Dezember 2012)
Wer als Operngänger eher traditionell geprägt ist und die Schreckgespenste des ominösen Regietheaters gerne meidet, dem sei mitgeteilt, dass in Düsseldorf diese Gefahr bei Le Nozze di Figaro sicher nicht besteht: Michael Hampes mittlerweile sechs Jahre alte Inszenierung von Mozarts erster erfolgreicher Zusammenarbeit mit dem kongenialen Librettisten Lorenzo da Ponte, die Adaption von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais‘ damals berühmt-berüchtigtem Bühnenwerk La folle journée ou Le mariage de Figaro für die Opernbühne, kann man in der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens getrost ohne Risiken goutieren.
Hier darf man mit Fug und Recht behaupten, Mozarts berühmter Opera buffa „gerecht“ geworden sein. In der prachtvoll und sehr schön anzuschauenden, historisierenden Kulisse und den idiomatischen Kostümen von German Droghetti, der die Stilanforderungen der Entstehungszeit gänzlich zu erfüllen versuchte, lässt Hampes Regiekunst keinen Zweifel daran, dass da einer Partitur und Regieanweisungen sehr ernst genommen hat.
Doch ist das Eldorado dieser offenkundig werktreuen Lesart wirklich der Regiekunst letzter Schluss? Bedeutet zu große Ehrfurcht vor dieser über 230 Jahre alten und viel gespielten Oper nicht auch ein Mangel an Mut?
Sicher ist es für die konservativeren Operngänger unter uns sehr beruhigend zu wissen, dass hier mal weder Nackte, noch wilde Sexszenen zu erdulden sind oder jemand irgendwelche Körperausscheidungen auf der Bühne hinterlässt. Hampes Inszenierung wirkt aber gleichzeitig so, als ob da jemand Angst gehabt hätte, eine spezifische Haltung zu Mozarts meisterlicher Buffo-Oper einzunehmen. Aber ist das dann noch Theater von heute für Zuschauer von heute? Das Stück eins zu eins brav und leider etwas zu harmlos so auf die Bühne zu bringen, birgt die Gefahr einer gewissen Musealität. Wenn man weiß, wie riskant es zu Mozarts Zeiten war, das Skandalstück Beaumarchais‘ als Oper über die Ständeunterschiede einer feudalen Gesellschaft auf die Bühne zu bringen, dann erweist sich dieser angestrebte Historismus doch als eine etwas zahnlose Angelegenheit.
Ein Graf Almaviva, der trotz einer ihm treu ergebenen Ehefrau unverhohlen hinter jedem Rock seiner Untergebenen hinterher ist, ohne dabei nur im Geringsten damit ein Problem zu haben, ist ja nicht erst seit der #MeToo-Debatte eigentlich ein Skandal. Dass die betrogene Ehefrau dann sofort großmütig am Ende der Wirrungen des vierten Akts diesem Wüterich ohne Weiteres verzeiht, ohne auch nur eine Bedingung für das weitere Zusammenleben zu stellen, ist inhaltlich für uns heutzutage doch sehr schwer nachvollziehbar.
Ja, zu Mozarts Zeit erlaubte man sich als Mächtiger des Adelstands offensichtlich gerne ungestraft Seitensprünge, erotische Abenteuer und delikate Vergnügungen. Untergebene wie Figaro oder Susanna durften das natürlich nicht, da sie nicht adlig waren.

Aber wir leben nicht mehr in Mozarts Zeit. Hampes Inszenierung von Le Nozze di Figaro vermeidet dazu eine Position aus der Perspektive von heute. Alles wird allzu brav und artig auf die Bühne gebracht, aber kein bisschen mehr. Damit verhindert er gleichzeitig aber auch eine aktuelle Relevanz dieser Parabel einer Klassengesellschaft mit ihren doch evident ungerechten und für uns heute undenkbaren Szenarien.
Muss nicht Oper, die für Menschen inszeniert wird, die nun mal in der heutigen Zeit leben, da etwas mehr leisten, etwas mehr aufarbeiten? Oper soll im Idealfall doch kein Museum sein.
Deswegen ist dieser, aber auch jeder andere Stoff, jede Geschichte eine Herausforderung an den, der sie auf die Bühne bringt. Sicher, Hampes Le Nozze di Figaro zeigt solides Handwerk: Die Personenregie ist erkennbar, die Choreografien von Michal Matys sind sehr gut und schön ins Stück eingebunden. Aber wenn Oper nicht mehr als Dokumentation von längst aus der Jetztzeit gefallenen Darstellungsformen ist, dann wirkt sie zopfig und verliert ihre Brisanz und Aktualität. Mozarts Figaro hat Tempo, hat Frechheit, verspricht in Ansätzen schon das Aushebeln oder besser die Überwindung der Feudalgesellschaft an, die kurz danach durch die Französische Revolution dann tatsächlich überwinden sollte oder wollte. Die Person des Figaros war vielleicht ein Vorläufer eines dieser späteren Revolutionäre, aber bei Mozart kein Jakobiner, sondern eine menschliche Figur mit Bauernschläue und Charme.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
So enttäuscht Hampe mit braver Routine und verpasst, dem Stück Gültigkeit zu verleihen respektive ihm Leben einzuhauchen.
Auch auf der musikalischen Seite ist nicht alles Gold, was glänzt, trotz einem insgesamt guten Sängerniveau. Torben Jürgen in der Titelrolle lässt keinen Zweifel daran, dass er souverän über das richtige Timbre verfügt. Stimmlich gefällt er gut, nur wäre in puncto Charme und Witz noch Luft nach oben. Die umfangreiche Partie der Susanne liegt Heidi Elisabeth Meier sehr gut: Die Stimme ist rund und in allen Lagen sicher geführt. Vielleicht könnte das Opernhaus Düsseldorf aber über ein besseres Italienisch-Coaching nachdenken. Nicht nur bei Meier wäre ein idiomatischeres Italienisch denkbar. Vor allem bei den so wichtigen Secco-Rezitativen, die allesamt nicht wirklich das höchste Gestaltungsglück erreichen, fällt das doch ins Gewicht, obwohl der Pianist Jason Tan am Hammerflügel lebendig und fantasievoll gestaltet.
Kimberley Boettger-Soller gefällt in der Hosenrolle des Cherubino. Ihre beiden Arien gibt sie sehr differenziert wieder und macht auch schauspielerisch ihre Sache überzeugend.
Graf Almaviva wird von Laimonas Pautienius zwar mit einer etwas schwachen Tiefe gesungen; er kann aber durch Bühnenpräsenz und eine sichere Höhe für sich einnehmen. Seine Gattin, die Gräfin Rosina, die bei dieser Vorstellung von Anna Princeva dargestellt wird, ist in ihrer Anlage der Partie etwas defensiv eingestellt und sucht vor allem die inneren und introvertierten Klänge, die der Partie auch durchaus zustehen. Ihre Antrittsarie zu Beginn des zweiten Akts wäre aber etwas langsamer und inniger dieser Tugend noch besser gerecht geworden. Mit einer wunderschönen und runden Stimme ist der eingesprungene Bálint Szabó als Bartolo sehr überzeugend und auch darstellerisch erstaunlich souverän, auch wenn er streng genommen zu jugendlich und zu baritonal für diese Basspartie besetzt ist. Das ist aber kein Mangel. Die Partie der Marzellina gibt das langjährige und bewährte Ensemblemitglied Marta Márquez besonders schauspielerisch sehr quirlig und frech, auch wenn sie stimmlich bei dieser Vorstellung erkältungsbedingt hörbar zu kämpfen hat. Das empfindet man aber ob ihrer Bühnenpräsenz als keinen Mangel.
Die kleineren Rollen von Basilio, Antonio und Don Curzio sind allesamt mit Florian Simson, Daniel Djambazian und Johannes Preißinger gut besetzt, auch wenn man sich Don Curzio in seiner einzigen Szene gerne etwas knorriger vorstellen könnte.
Die kleine, aber feine Partie der Barbarina vom neuen Opernstudiomitglied Daria Muromskaia ist vielleicht etwas über dem Soubrettenfach besetzt, lässt aber vorteilhaft für weitere, hoffentlich größere Aufgaben aufhorchen.
Der Opernchor in der Einstudierung von Gerhard Michalski hinterlässt ebenfalls einen sehr guten Eindruck, auch wenn die Rolle des Chores in dieser Oper eher als klein zu bezeichnen ist. Doch es ist eine Freude, den wenigen Chorstellen zu lauschen als auch sie zu schauen.
GMD Axel Kober lässt es sich nicht nehmen, die zweite Aufführung dieser Wiederaufnahme in der neuen Spielzeit selbst als Dirigent zu betreuen. Sein Mozart klingt unter seinem Dirigat mit den Düsseldorfer Symphonikern größtenteils sehr solide und kapellmeisterlich sicher verwaltet, doch bleiben einige Wünsche offen. Die quirlige Ouvertüre hat zwar durchaus Charme, leidet aber etwas an zu trägen Holzbläsern. Insgesamt ist zu spüren, dass Kober, dessen Wagner-Dirigate ihn sogar zu Bayreuth-Weihen gebracht haben, nicht wirklich auch ein Mozart-Dirigent ist. Hier sind zu wenig Impulse der historischen Aufführungspraxis zu hören, die Zeichnung der Orchestergruppen bleibt etwas pauschal, abgesehen davon, dass die Hörner bei dieser Vorstellung wahrlich nicht ihren besten Abend haben. Wenn man die Mozart-Interpretationen vom Schlage eines René Jacobs oder Teodor Currentzis im Ohr hat, dann ist doch evident, dass ein erfahrenes Orchester wie die Düsseldorfer Symphoniker sicher etwas Inspiration aus dieser Richtung und wahrscheinlich auch ein, zwei Proben mehr für so eine Wiederaufnahme durchaus hätten vertragen können.
So hat Hampes verstaubter Regieansatz mit der nicht mitreißenden Leistung des Orchesters und der Interpretation nicht wirklich begeistern können. Das Premierenfieber der Produktion ist lange erloschen und man erlebt eine typische Repertoirevorstellung. Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Letztlich ist es ein ordentlicher Opernabend, dessen Niveau für ein A‑Haus wie Düsseldorf oder vergleichbare Häuser in Ordnung ist.
Dem an diesem Abend anwesenden, größtenteils doch eher betagteren Publikum gefällt diese Vorstellung nach den letzten gesungenen Tönen des letzten Finales offensichtlich doch so sehr, dass der warme Applaus schon während der Schlusstakte des Orchesternachspiels einbricht. Na also: Mission Repertoirevorstellung ist für die meisten Zuschauer doch geglückt.
Hartmut Rolle