O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Fotos ähnlich der gezeigten Aufführung - Foto © Hans Jörg Michel

Nur geschüttelt, nicht berührt

LE NOZZE DI FIGARO
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
28. September 2018
(Premiere am 1. Dezember 2012)

 

Deutsche Oper am Rhein, Oper Düsseldorf

Wer als Opern­gänger eher tradi­tionell geprägt ist und die Schreck­ge­spenste des ominösen Regie­theaters gerne meidet, dem sei mitge­teilt, dass in Düsseldorf diese Gefahr bei  Le Nozze di Figaro sicher nicht besteht: Michael Hampes mittler­weile sechs Jahre alte Insze­nierung von Mozarts erster erfolg­reicher Zusam­men­arbeit mit dem konge­nialen Libret­tisten Lorenzo da Ponte, die Adaption von Pierre Augustin Caron de Beaum­ar­chais‘ damals berühmt-berüch­tigtem Bühnenwerk La folle journée ou Le mariage de Figaro für die Opern­bühne, kann man in der Landes­haupt­stadt Nordrhein-Westfalens getrost ohne Risiken goutieren.

Hier darf man mit Fug und Recht behaupten, Mozarts berühmter Opera buffa „gerecht“ geworden sein. In der prachtvoll und sehr schön anzuschau­enden, histo­ri­sie­renden Kulisse und den idioma­ti­schen Kostümen von German Droghetti, der die Stilan­for­de­rungen der Entste­hungszeit gänzlich zu erfüllen versuchte, lässt Hampes Regie­kunst keinen Zweifel daran, dass da einer Partitur und Regie­an­wei­sungen sehr ernst genommen hat.

Doch ist das Eldorado dieser offen­kundig werktreuen Lesart wirklich der Regie­kunst letzter Schluss? Bedeutet zu große Ehrfurcht vor dieser über 230 Jahre alten und viel gespielten Oper nicht auch ein Mangel an Mut?

Sicher ist es für die konser­va­ti­veren Opern­gänger unter uns sehr beruhigend zu wissen, dass hier mal weder Nackte, noch wilde Sexszenen zu erdulden sind oder jemand irgend­welche Körper­aus­schei­dungen auf der Bühne hinter­lässt. Hampes Insze­nierung wirkt aber gleich­zeitig so, als ob da jemand Angst gehabt hätte, eine spezi­fische Haltung zu Mozarts meister­licher Buffo-Oper einzu­nehmen. Aber ist das dann noch Theater von heute für Zuschauer von heute? Das Stück eins zu eins brav und leider etwas zu harmlos so auf die Bühne zu bringen, birgt die Gefahr einer gewissen Musea­lität. Wenn man weiß, wie riskant es zu Mozarts Zeiten war, das Skandal­stück Beaum­ar­chais‘ als Oper über die Stände­un­ter­schiede einer feudalen Gesell­schaft auf die Bühne zu bringen, dann erweist sich dieser angestrebte Histo­rismus doch als eine etwas zahnlose Angelegenheit.

Ein Graf Almaviva, der trotz einer ihm treu ergebenen Ehefrau unver­hohlen hinter jedem Rock seiner Unter­ge­benen hinterher ist, ohne dabei nur im Geringsten damit ein Problem zu haben, ist ja nicht erst seit der #MeToo-Debatte eigentlich ein Skandal. Dass die betrogene Ehefrau dann sofort großmütig am Ende der Wirrungen des vierten Akts diesem Wüterich ohne Weiteres verzeiht, ohne auch nur eine Bedingung für das weitere Zusam­men­leben zu stellen, ist inhaltlich für uns heutzutage doch sehr schwer nachvollziehbar.

Ja, zu Mozarts Zeit erlaubte man sich als Mächtiger des Adelstands offen­sichtlich gerne ungestraft Seiten­sprünge, erotische Abenteuer und delikate Vergnü­gungen. Unter­gebene wie Figaro oder Susanna durften das natürlich nicht, da sie nicht adlig waren.

Foto © Hans Jörg Michel

Aber wir leben nicht mehr in Mozarts Zeit. Hampes Insze­nierung von Le Nozze di Figaro vermeidet dazu eine Position aus der Perspektive von heute. Alles wird allzu brav und artig auf die Bühne gebracht, aber kein bisschen mehr. Damit verhindert er gleich­zeitig aber auch eine aktuelle Relevanz dieser Parabel einer Klassen­ge­sell­schaft mit ihren doch evident ungerechten und für uns heute undenk­baren Szenarien.

Muss nicht Oper, die für Menschen insze­niert wird, die nun mal in der heutigen Zeit leben, da etwas mehr leisten, etwas mehr aufar­beiten? Oper soll im Idealfall doch kein Museum sein.

Deswegen ist dieser, aber auch jeder andere Stoff, jede Geschichte eine Heraus­for­derung an den, der sie auf die Bühne bringt. Sicher, Hampes Le Nozze di Figaro zeigt solides Handwerk: Die Perso­nen­regie ist erkennbar, die Choreo­grafien von Michal Matys sind sehr gut und schön ins Stück einge­bunden. Aber wenn Oper nicht mehr als Dokumen­tation von längst aus der Jetztzeit gefal­lenen Darstel­lungs­formen ist, dann wirkt sie zopfig und verliert ihre Brisanz und Aktua­lität. Mozarts Figaro hat Tempo, hat Frechheit, verspricht in Ansätzen schon das Aushebeln oder besser die Überwindung der Feudal­ge­sell­schaft an, die kurz danach durch die Franzö­sische Revolution dann tatsächlich überwinden sollte oder wollte. Die Person des Figaros war vielleicht ein Vorläufer eines dieser späteren Revolu­tionäre, aber bei Mozart kein Jakobiner, sondern eine mensch­liche Figur mit Bauern­schläue und Charme.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



So enttäuscht Hampe mit braver Routine und verpasst, dem Stück Gültigkeit zu verleihen respektive ihm Leben einzuhauchen.

Auch auf der musika­li­schen Seite ist nicht alles Gold, was glänzt, trotz einem insgesamt guten Sänger­niveau. Torben Jürgen in der Titel­rolle lässt keinen Zweifel daran, dass er souverän über das richtige Timbre verfügt. Stimmlich gefällt er gut, nur wäre in puncto Charme und Witz noch Luft nach oben. Die umfang­reiche Partie der Susanne liegt Heidi Elisabeth Meier sehr gut: Die Stimme ist rund und in allen Lagen sicher geführt. Vielleicht könnte das Opernhaus Düsseldorf aber über ein besseres Italie­nisch-Coaching nachdenken. Nicht nur bei Meier wäre ein idioma­ti­scheres Italie­nisch denkbar. Vor allem bei den so wichtigen Secco-Rezita­tiven, die allesamt nicht wirklich das höchste Gestal­tungs­glück erreichen, fällt das doch ins Gewicht, obwohl der Pianist Jason Tan am Hammer­flügel lebendig und fanta­sievoll gestaltet.

Kimberley Boettger-Soller gefällt in der Hosen­rolle des Cherubino. Ihre beiden Arien gibt sie sehr diffe­ren­ziert wieder und macht auch schau­spie­le­risch ihre Sache überzeugend.

Graf Almaviva wird von Laimonas Pauti­enius zwar mit einer etwas schwachen Tiefe gesungen; er kann aber durch Bühnen­präsenz und eine sichere Höhe für sich einnehmen. Seine Gattin, die Gräfin Rosina, die bei dieser Vorstellung von Anna Princeva darge­stellt wird, ist in ihrer Anlage der Partie etwas defensiv einge­stellt und sucht vor allem die inneren und intro­ver­tierten Klänge, die der Partie auch durchaus zustehen. Ihre Antrittsarie zu Beginn des zweiten Akts wäre aber etwas langsamer und inniger dieser Tugend noch besser gerecht geworden. Mit einer wunder­schönen und runden Stimme ist der einge­sprungene Bálint Szabó als Bartolo sehr überzeugend und auch darstel­le­risch erstaunlich souverän, auch wenn er streng genommen zu jugendlich und zu baritonal für diese Basspartie besetzt ist. Das ist aber kein Mangel. Die Partie der Marzellina gibt das langjährige und bewährte Ensem­ble­mit­glied Marta Márquez besonders schau­spie­le­risch sehr quirlig und frech, auch wenn sie stimmlich bei dieser Vorstellung erkäl­tungs­be­dingt hörbar zu kämpfen hat. Das empfindet man aber ob ihrer Bühnen­präsenz als keinen Mangel.

Die kleineren Rollen von Basilio, Antonio und Don Curzio sind allesamt mit Florian Simson, Daniel Djambazian und Johannes Preiß­inger gut besetzt, auch wenn man sich Don Curzio in seiner einzigen Szene gerne etwas knorriger vorstellen könnte.

Die kleine, aber feine Partie der Barbarina vom neuen Opern­stu­dio­mit­glied Daria Murom­skaia ist vielleicht etwas über dem Soubrett­enfach besetzt, lässt aber vorteilhaft für weitere, hoffentlich größere Aufgaben aufhorchen.

Der Opernchor in der Einstu­dierung von Gerhard Michalski hinter­lässt ebenfalls einen sehr guten Eindruck, auch wenn die Rolle des Chores in dieser Oper eher als klein zu bezeichnen ist. Doch es ist eine Freude, den wenigen Chorstellen zu lauschen als auch sie zu schauen.

GMD Axel Kober lässt es sich nicht nehmen, die zweite Aufführung dieser Wieder­auf­nahme in der neuen Spielzeit selbst als Dirigent zu betreuen. Sein Mozart klingt unter seinem Dirigat mit den Düssel­dorfer Sympho­nikern größten­teils sehr solide und kapell­meis­terlich sicher verwaltet, doch bleiben einige Wünsche offen. Die quirlige Ouvertüre hat zwar durchaus Charme, leidet aber etwas an zu trägen Holzbläsern. Insgesamt ist zu spüren, dass Kober, dessen Wagner-Dirigate ihn sogar zu Bayreuth-Weihen gebracht haben, nicht wirklich auch ein Mozart-Dirigent ist. Hier sind zu wenig Impulse der histo­ri­schen Auffüh­rungs­praxis zu hören, die Zeichnung der Orches­ter­gruppen bleibt etwas pauschal, abgesehen davon, dass die Hörner bei dieser Vorstellung wahrlich nicht ihren besten Abend haben. Wenn man die Mozart-Inter­pre­ta­tionen vom Schlage eines René Jacobs oder Teodor Currentzis im Ohr hat, dann ist doch evident, dass ein erfah­renes Orchester wie die Düssel­dorfer Sympho­niker sicher etwas Inspi­ration aus dieser Richtung und wahrscheinlich auch ein, zwei Proben mehr für so eine Wieder­auf­nahme durchaus hätten vertragen können.

So hat Hampes verstaubter Regie­ansatz mit der nicht mitrei­ßenden Leistung des Orchesters und der Inter­pre­tation nicht wirklich begeistern können. Das Premie­ren­fieber der Produktion ist lange erloschen und man erlebt eine typische Reper­toire­vor­stellung. Nur um keine Missver­ständ­nisse aufkommen zu lassen: Letztlich ist es ein ordent­licher Opern­abend, dessen Niveau für ein A‑Haus wie Düsseldorf oder vergleichbare Häuser in Ordnung ist.

Dem an diesem Abend anwesenden, größten­teils doch eher betag­teren Publikum gefällt diese Vorstellung nach den letzten gesun­genen Tönen des letzten Finales offen­sichtlich doch so sehr, dass der warme Applaus schon während der Schluss­takte des Orches­ter­nach­spiels einbricht. Na also: Mission Reper­toire­vor­stellung ist für die meisten Zuschauer doch geglückt.

Hartmut Rolle

Teilen Sie O-Ton mit anderen: