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PAPIERSTÜCK
(Barbara Fuchs)
Besuch am
29. September 2018
(Uraufführung)
Die wenigen Plätze auf der Tribüne im Studio 6 des Tanzhauses NRW sind trotz des traumhaft sonnigen Nachmittags schnell besetzt, in der Kissenlandschaft davor tummeln sich die lieben Kleinen – brav, aufmerksam und bis in die Haarspitzen gespannt, was jetzt auf sie zukommt. Das Studio ist herausgeputzt, die sonst so kahlen Betonwände sind mit schwarzem Samt verhängt und es kommt so etwas wie Theaterzauber auf. Gleich drei Kameras unterstreichen die Bedeutung der kurz bevorstehenden Uraufführung.
Papierstück nennt Barbara Fuchs ihr neuestes Werk und bezeichnet es als ein „Tanzkonzert für Schaulustige von 1 bis 99 Jahren“. Die Choreografin sieht es als Bestandteil ihres Projektzyklus‘ „Der soziale Körper“, in dem sie nach eigenem Bekunden den „menschlichen Körper insbesondere in seiner sozialen Funktion in den Mittelpunkt rückt: als allgegenwärtiger, das Soziale und Beziehungsgeflechte mitgestaltender Körper“. Gern vergleicht sie den menschlichen Körper in Papierstück mit dem Material, das sich jeden Schnitt, jedes Falten, jeden Riss merkt. „Und genauso, wie sich Spuren und äußere Einflüsse in Papier einschreiben, zeichnen sich Erlebnisse und Erfahrungen in unsere Körper ein – durch Narben, Macken, Falten.“ Ein schöner Vergleich, über den man sicher lang und ausführlich diskutieren kann.
Aber die Kinder sind ja nicht gekommen, um zu diskutieren, sondern um zu staunen. Und dazu gibt es viel Grund. Begrüßt werden sie mit flotter Musik von Jörg Ritzenhoff. Der Komponist sorgt nicht nur für Musik, sondern bestreitet die Aufführung gemeinsam mit der Tänzerin Sônia Mota, die in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden ist. Eigentlich kaum der Erwähnung wert, gäbe es nicht die schöne Analogie zum zerknitterten Papier. Was mit dem Aussehen der Tänzerin allerdings herzlich wenig zu tun hat. Bei ihr liegen die Falten vermutlich mehr auf der Seele. Der Aufführung ist das nicht anzumerken. Hier geht es mit leichter Heiterkeit zur Sache. Und Ritzenhoff kann sehr süß lächeln, vor allem, wenn er wie Mota in einer Papiertüte steckt und parallel zu ihr allerlei komische Sachen veranstaltet.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Das Spiel mit dem Papier birgt allerlei Überraschungen, und in 40 Minuten bleibt es meist kurzweilig. Auch dann, wenn Motas Tanz zwischenzeitlich etwas unpräzise und willkürlich wirkt, bleibt es doch locker und gefällig. Und dann passieren wieder Sachen wie die Papierrolle, die quer über die Bühne gerollt wird und eine Art Catwalk darstellt. Oder aus den Papiertüten plötzlich Kleider werden, weil Scheren ins Spiel kommen. Das ist köstlich und bereitet den Kindern viel Spaß. Na ja, ein wenig Murren gibt es doch, als Mota und Ritzenhoff zum zweiten Mal in die Papiertüten schlüpfen. „Das hatten wir schon mal“, merkt ein Knirps gleich kritisch an. Aber da weiß er auch noch nicht, dass aus dem braunen Packpapier gleich Mäntel und Jacken werden, in denen die Scheren verschwinden. Und dass man mit Papier und Pappen interessante Musik erzeugen kann, sorgt auch für einiges Staunen. Dagegen ist die Zauberflöte für Kinder doch wirklich ein alter Hut.

Und wenn der Komponist Ritzenhoff selbst Teil der Aufführung ist, lohnt natürlich auch noch mal ein gesonderter Blick auf die zum Einsatz kommenden Instrumente, die für so viel Spaß sorgen. Links im Hintergrund ist ein Papier-Schlagzeug aufgebaut. Viel spannender und auch wirkungsvoller ist das Pappofon. Das sind Papprollen in unterschiedlicher Länge, die rund um den Instrumententisch angebracht und mit einem Deckel versehen sind, auf den man schlagen und damit ganz vortrefflich Rhythmik in den Saal transportieren kann. Verbunden mit Silben, die Ritzenhoff singt, die keiner kennt, ergibt sich eine formidable Musik. Und wenn die Technik zum Einsatz kommt, natürlich erst recht. Auf dem kleinen Tisch, der am rechten Rand steht, sind eine elektronische Orgel, ein Mischpult auf dem Tabletcomputer und ein elektronisches Schlagwerk untergebracht. Außerdem gibt es – voll im Trend – einen Miniatur-Loop, der einzelne Sequenzen aufnimmt, um sie dann beliebig oft zu wiederholen. Ist gerade der Renner unter den Musikschaffenden, scheint es.
Zum Schluss, nachdem das Publikum begeistert applaudiert hat, gibt es dann noch ganz andere Instrumente. Papprollen in verschiedener Länge, in denen Papierschnitzel abgefüllt sind, erzeugen ganz wunderbare Geräusche. Und hatte man sich bislang gefreut, dass sich die Mitmach-Optionen auf eine gelegentliche Annäherung der Tänzerin an die Kinder beschränken, kommt nun jedes Kind in den – vorübergehenden – Besitz einer solchen Rhythmus-Trommel. Und damit geht der Spaß erst richtig los. Ebenfalls ausgeteilte Papiertüten, die gute, alte Butterbrottüte, kommen ergänzend zum Einsatz und verschonen die Erwachsenen nicht. Da gibt es noch eine richtige Musik-Gaudi, die Ritzenhoff sehr schön nach der Begeisterung steuert. Aller theoretischer Überbau ist vergessen, und die Freude am Spaß der Kinder siegt. Ein rundum schöner Nachmittag für die Kinder geht zu Ende – und da wünscht man sich, dass noch sehr viele Kinder in den Genuss einer solch fantasievollen, abwechslungsreichen und originellen Aufführung kommen.
Michael S. Zerban