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Foto © O-Ton

Aus dem Kontext

PEOPLE LOOKING AT PEOPLE …
(Sebastian Matthias)

Besuch am
14. Juni 2018
(Premiere am 13. Juni 2018)

 

Tanzhaus NRW in Flingern, Düsseldorf

Bestimmte Räume sind mit festge­legten Verhal­tens­mustern konno­tiert. Was passiert, wenn man die Räume und die Verhal­tens­muster, die man ja auch als Choreo­grafien verstehen kann, verändert? Dieser Frage sind der Choreograf Sebastian Matthias und sein Team nachge­gangen und haben daraus das Stück People looking at people looking at people – etwa Leute schauen auf Leute, die auf Leute schauen – entwi­ckelt. Dazu hat Matthias fünf mehr oder minder öffent­liche Räume katego­ri­siert. Räume, die als reine Durch­gangs­sta­tionen dienen, insti­tu­tio­nelle Räume, in denen das Verhalten regle­men­tiert ist, Kunst- oder künst­liche Räume, Spiel- und Freizeit­räume. Um in diesen unter­schied­lichen Kategorien Kontext­än­de­rungen für den Zuschauer erlebbar zu machen und damit womöglich seine Sicht­weise zu sensi­bi­li­sieren, hat Matthias fünf Räume im Stadtteil Flingern ausge­wählt, in denen unter­schied­liche Kunst­formen präsen­tiert werden, die dort üblicher­weise nicht stattfinden.

Los geht es am Bertha-von-Suttner-Platz auf der Rückseite des Düssel­dorfer Haupt­bahnhofs. Hier werden die Teilnehmer mit den nötigen Unter­lagen ausge­stattet. Karten- und Infor­ma­ti­ons­ma­terial, das eine „Führung“ überflüssig machen soll. Bewusst wird auch auf eine Gruppen­bildung verzichtet. Das eigene Erleben, also nicht nur das Sehen, sondern auch das Empfinden soll so geschärft werden. Um zur ersten Station zu gelangen, reicht es, den Bahnhof zu passieren und sich auf dem Konrad-Adenauer-Platz einzu­finden. Die typische Durch­gangs­station schlechthin. Hier geht es ausschließlich darum, in die eine oder andere Richtung zu wechseln, möglichst schnell, noch nicht auf der Suche nach einem bestimmten Ziel. Lediglich ein paar Imbiss­buden am Rand des unattrak­tiven Platzes können die Ströme ein wenig stören, wenn etwa ein Reisender kurz innehält, um einen Imbiss, Brot oder Getränke zu erwerben. Hier ist jeder bei sich, keiner, der einen Blick für den anderen hat. Wenn man so will, ein gruse­liger Ort der kompletten Entfremdung. Verstärkt werden Eile und Zielstre­bigkeit noch durch einen Niesel­regen. Hier lässt Eva Berendes eine „Stör-Instal­lation“ mit dem Titel Untitled (3 Roll-Screens), 2016 aufführen. Drei fahrbare Wände aus Aluminium, Lack, Lochblech, Plexiglas und Stahl werden immer wieder störend durch die Menge gefahren. Die Tänze­rinnen, die dem Publikum auch an den folgenden Stationen immer wieder begegnen werden, haben die Aufgabe, die Wände so zu verschieben, dass möglichst viele Reisende von ihrem direkten Weg abgehalten werden. Die Reisenden, unter ihnen um diese Uhrzeit auch noch viele Berufs­pendler, sind es gewöhnt, Hinder­nisse zu umgehen. Und dabei inter­es­siert sie auch überhaupt nicht, um welche Art von Hinder­nissen es sich handelt. Ein bekanntes Phänomen, das hier noch einmal deutlich vor Augen geführt wird.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Ungewöhn­licher zeigt sich da schon der Besuch einer Galerie. In einem Raum, der mit Passi­vität und Abstand arbeitet – schließlich sollen Kunden hier bevorzugt schauen und kaufen – durch­bricht Nino Baumgartner mit People looking maneuver, 2016, einer Ausstellung von Spanplatten-Kunst­ob­jekten, die Distanz, indem er selbst die Objekte besteigt, das Publikum auffordert, von den Einzel­stücken Besitz zu ergreifen. Tänzerin Harumi Terayama schafft zusätz­liche Nähe, indem sie eine Brücke zwischen den Objekten, dem Künstler und dem Publikum herstellt. Dass der Funke dennoch nicht überspringt, liegt wohl eher an der unbekannten Situation, in die das Publikum gestoßen wird. Schließlich arbeiten Galeristen oft jahrelang daran, Vertrauen bei ihrer Kundschaft aufzu­bauen, ehe zumindest so etwas wie eine geschäft­liche Nähe entsteht. In künst­lichen wie Kunst­räumen ist das Interesse an Kontext­än­de­rungen so groß wie die „profes­sio­nelle Publikumsdistanz“.

Sehr viel erkennt­nis­reicher und bezau­bernder geht es am nächsten Ort zu. In einer Kirche ertönt Tamer Fahri Özgönencs Vier-Kanal-Klang­in­stal­lation Plap. Dazu nehmen die Tänze­rinnen Malika Ali, Deborah Hofstetter, Lisanne Goodhue und Ildikó Tóth den Sakralraum in Beschlag. Verbliebene Besucher des voran­ge­gan­genen Gottes­dienstes staunen andächtig, aber offen für das ungewöhn­liche Geschehen. Die Regel­ver­letzung bleibt ohne Sanktion. Hier war die Grenz­über­schreitung offenbar nicht deutlich genug, aber der Ansatz bleibt verständlich.

Simonne Jones – Foto © O‑Ton

Das ändert sich auch nicht in der Turnhalle, in der Andreas Harder mit einer Laser-Show aufwartet. Das ist eindrucksvoll gemacht. Aber Laser-Shows sind immer eindrucksvoll, durch­brechen ständig Verhal­tens­muster, dazu sind sie erfunden worden. Also geschenkt oder immerhin berechtigt als Vorstufe für die nächste Stufe, die eine Etage höher in die nächste Turnhalle führt. Hier wird den Zuschauern eine Rugby-Trainings­einheit vorge­führt, in die die Tänze­rinnen integrativ eingreifen. Was letztlich überwiegt – die Einmi­schung der Tänze­rinnen oder das kraft­volle und lautstarke Training – bleibt dahin­ge­stellt. Immerhin wird hier die Inter­vention abseits des realen Betriebs als künst­le­rische Ergänzung empfunden. Vergleichbar der letzten Station, einer Bar, in der Simonne Jones ihren Auftritt als Multi-Instr­umten­ta­listin und Sängerin feiert. Inwiefern hier die Entgrenzung, der ungewöhn­liche Vorgang statt­findet, bleibt unklar. Die Tänze­rinnen treten hier ein letztes Mal auf, stören aber doch den Betrieb weniger als sie ihn ergänzen.

Die Choreo­grafie bleibt über den gesamten Abend blass, daran ändert auch die körper­liche Berührung einzelner Zuschauer nichts, die in sich distan­ziert wirkt. Insgesamt hätte man sich kraft­vollere, ja, vielleicht radikalere Auftritte gewünscht. Es bleibt ein wenig wie Blümchen-Sex. Und der ist ja auch ganz schön, reicht aus, die Botschaft an den Mann zu bringen. In Zukunft wird man mit einem anderen Bewusstsein Räume durch­schreiten. In diesem Sinne Gratu­lation an Sebastian Matthias und sein Team.

Michael S. Zerban

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