Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe, war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
Bestimmte Räume sind mit festgelegten Verhaltensmustern konnotiert. Was passiert, wenn man die Räume und die Verhaltensmuster, die man ja auch als Choreografien verstehen kann, verändert? Dieser Frage sind der Choreograf Sebastian Matthias und sein Team nachgegangen und haben daraus das Stück People looking at people looking at people – etwa Leute schauen auf Leute, die auf Leute schauen – entwickelt. Dazu hat Matthias fünf mehr oder minder öffentliche Räume kategorisiert. Räume, die als reine Durchgangsstationen dienen, institutionelle Räume, in denen das Verhalten reglementiert ist, Kunst- oder künstliche Räume, Spiel- und Freizeiträume. Um in diesen unterschiedlichen Kategorien Kontextänderungen für den Zuschauer erlebbar zu machen und damit womöglich seine Sichtweise zu sensibilisieren, hat Matthias fünf Räume im Stadtteil Flingern ausgewählt, in denen unterschiedliche Kunstformen präsentiert werden, die dort üblicherweise nicht stattfinden.
Los geht es am Bertha-von-Suttner-Platz auf der Rückseite des Düsseldorfer Hauptbahnhofs. Hier werden die Teilnehmer mit den nötigen Unterlagen ausgestattet. Karten- und Informationsmaterial, das eine „Führung“ überflüssig machen soll. Bewusst wird auch auf eine Gruppenbildung verzichtet. Das eigene Erleben, also nicht nur das Sehen, sondern auch das Empfinden soll so geschärft werden. Um zur ersten Station zu gelangen, reicht es, den Bahnhof zu passieren und sich auf dem Konrad-Adenauer-Platz einzufinden. Die typische Durchgangsstation schlechthin. Hier geht es ausschließlich darum, in die eine oder andere Richtung zu wechseln, möglichst schnell, noch nicht auf der Suche nach einem bestimmten Ziel. Lediglich ein paar Imbissbuden am Rand des unattraktiven Platzes können die Ströme ein wenig stören, wenn etwa ein Reisender kurz innehält, um einen Imbiss, Brot oder Getränke zu erwerben. Hier ist jeder bei sich, keiner, der einen Blick für den anderen hat. Wenn man so will, ein gruseliger Ort der kompletten Entfremdung. Verstärkt werden Eile und Zielstrebigkeit noch durch einen Nieselregen. Hier lässt Eva Berendes eine „Stör-Installation“ mit dem Titel Untitled (3 Roll-Screens), 2016 aufführen. Drei fahrbare Wände aus Aluminium, Lack, Lochblech, Plexiglas und Stahl werden immer wieder störend durch die Menge gefahren. Die Tänzerinnen, die dem Publikum auch an den folgenden Stationen immer wieder begegnen werden, haben die Aufgabe, die Wände so zu verschieben, dass möglichst viele Reisende von ihrem direkten Weg abgehalten werden. Die Reisenden, unter ihnen um diese Uhrzeit auch noch viele Berufspendler, sind es gewöhnt, Hindernisse zu umgehen. Und dabei interessiert sie auch überhaupt nicht, um welche Art von Hindernissen es sich handelt. Ein bekanntes Phänomen, das hier noch einmal deutlich vor Augen geführt wird.
POINTS OF HONOR
Musik
Tanz
Choreografie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor
Ungewöhnlicher zeigt sich da schon der Besuch einer Galerie. In einem Raum, der mit Passivität und Abstand arbeitet – schließlich sollen Kunden hier bevorzugt schauen und kaufen – durchbricht Nino Baumgartner mit People looking maneuver, 2016, einer Ausstellung von Spanplatten-Kunstobjekten, die Distanz, indem er selbst die Objekte besteigt, das Publikum auffordert, von den Einzelstücken Besitz zu ergreifen. Tänzerin Harumi Terayama schafft zusätzliche Nähe, indem sie eine Brücke zwischen den Objekten, dem Künstler und dem Publikum herstellt. Dass der Funke dennoch nicht überspringt, liegt wohl eher an der unbekannten Situation, in die das Publikum gestoßen wird. Schließlich arbeiten Galeristen oft jahrelang daran, Vertrauen bei ihrer Kundschaft aufzubauen, ehe zumindest so etwas wie eine geschäftliche Nähe entsteht. In künstlichen wie Kunsträumen ist das Interesse an Kontextänderungen so groß wie die „professionelle Publikumsdistanz“.
Sehr viel erkenntnisreicher und bezaubernder geht es am nächsten Ort zu. In einer Kirche ertönt Tamer Fahri Özgönencs Vier-Kanal-Klanginstallation Plap. Dazu nehmen die Tänzerinnen Malika Ali, Deborah Hofstetter, Lisanne Goodhue und Ildikó Tóth den Sakralraum in Beschlag. Verbliebene Besucher des vorangegangenen Gottesdienstes staunen andächtig, aber offen für das ungewöhnliche Geschehen. Die Regelverletzung bleibt ohne Sanktion. Hier war die Grenzüberschreitung offenbar nicht deutlich genug, aber der Ansatz bleibt verständlich.
Das ändert sich auch nicht in der Turnhalle, in der Andreas Harder mit einer Laser-Show aufwartet. Das ist eindrucksvoll gemacht. Aber Laser-Shows sind immer eindrucksvoll, durchbrechen ständig Verhaltensmuster, dazu sind sie erfunden worden. Also geschenkt oder immerhin berechtigt als Vorstufe für die nächste Stufe, die eine Etage höher in die nächste Turnhalle führt. Hier wird den Zuschauern eine Rugby-Trainingseinheit vorgeführt, in die die Tänzerinnen integrativ eingreifen. Was letztlich überwiegt – die Einmischung der Tänzerinnen oder das kraftvolle und lautstarke Training – bleibt dahingestellt. Immerhin wird hier die Intervention abseits des realen Betriebs als künstlerische Ergänzung empfunden. Vergleichbar der letzten Station, einer Bar, in der Simonne Jones ihren Auftritt als Multi-Instrumtentalistin und Sängerin feiert. Inwiefern hier die Entgrenzung, der ungewöhnliche Vorgang stattfindet, bleibt unklar. Die Tänzerinnen treten hier ein letztes Mal auf, stören aber doch den Betrieb weniger als sie ihn ergänzen.
Die Choreografie bleibt über den gesamten Abend blass, daran ändert auch die körperliche Berührung einzelner Zuschauer nichts, die in sich distanziert wirkt. Insgesamt hätte man sich kraftvollere, ja, vielleicht radikalere Auftritte gewünscht. Es bleibt ein wenig wie Blümchen-Sex. Und der ist ja auch ganz schön, reicht aus, die Botschaft an den Mann zu bringen. In Zukunft wird man mit einem anderen Bewusstsein Räume durchschreiten. In diesem Sinne Gratulation an Sebastian Matthias und sein Team.