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Bilder ähnlich der besuchten Aufführung - Foto © Alexander Galliez

Über Tisch und Schrank

PLAY DEAD
(People Watching)

Besuch am
14. September 2024
(Premiere am 13. September 2024)

 

Düsseldorf-Festival, Theaterzelt, Düsseldorf

Es ist eine der schönsten Beschäf­ti­gungen im Sommer. Im Straßencafé zu sitzen, an seinem Getränk zu nippen und die vorüber­ge­henden Menschen zu beobachten. Die Fantasie dabei spielen zu lassen. Wäre es womöglich noch schöner, wenn aus solchen Gedan­ken­spielen Konse­quenzen entstehen, man die so gewon­nenen Erkennt­nisse auf die Bühne bringt? Eine sechs­köpfige Gruppe aus Montreal hat „Ja“ gesagt, ein Kollektiv gegründet und es People Watching genannt. Die Beson­derheit: Es handelt sich dabei um erfahrene Artisten des „neuen Zirkus“. Wenn Künstler Menschen auf der Straße beobachten, wird dabei mögli­cher­weise etwas anderes heraus­kommen als „Schau mal, die geht bestimmt gerade zu ihrem Ex, um die Kohle für den Unterhalt einzu­treiben“ oder „Na, der ist ja frisch verliebt“. Oder wenn sie zu den gleichen Inter­pre­ta­tionen kommen, vielleicht etwas Neues auf der Bühne daraus entstehen lassen. Und plötzlich sitzt People Watching nicht mehr in einem Straßencafé, sondern in staatlich verord­neter Quarantäne in einer Wohnung fest. Muss sich beschäf­tigen, damit die Zeit herumgeht. Der Wahnsinn, mit dem wir alle während der Pandemie umgehen mussten. „Dann spielen wir eben tot“, sagten die jungen Leute sich und begannen, ihre Trainings­ein­heiten in ein Stück zu verwandeln. Play Dead stellen sie jetzt beim Düsseldorf-Festival als Deutsch­land­pre­miere vor. Der gelungene Kniff dabei: Sie müssen den Zirkus nicht neu erfinden. Sie müssen ihn nur in neue Schläuche gießen.

Im Theaterzelt am Düssel­dorfer Burgplatz blicken die Besucher auf ein Wohnzimmer. Gut, es ist deutlich überdi­men­sio­niert. Vielleicht erübrigt sich deshalb die Warnung „Imitieren Sie die folgenden Handlungen bitte nicht im eigenen Wohnzimmer“. Neuer­dings tendieren Theater ja dazu, Besucher vor ihrem Haus zu warnen. Hier also nicht. Links ist eine Essecke mit einem soliden Tisch aufgebaut. Im Hinter­grund, etwas versetzt, ein Garde­ro­ben­schrank. Daneben ein Vorhang, vor dem eine Sitzecke mit Teppich, einem Tischchen und einem Tête-à-Tête, also einem zweisit­zigen Sofa, dessen Sitzflächen und Rücken­lehnen der einzelnen Plätze einander entge­gen­ge­richtet sind. Das sieht alles sehr entspannt, großbür­gerlich aus der Zeit vielleicht des Fin de Siècle, fast gemütlich aus. Gemütlich wird hier aller­dings in den kommenden 70 Minuten nichts.

Foto © Melika Dez

Ruben Ingwersen, Jérémi Lévesque, Natasha Patterson, Brin Schoellkopf, Jarrod Takle und Sabine Van Rensburg heißen die Artisten, die die Insze­nierung nicht nur gemeinsam entwi­ckelt haben, sondern sie auch zusammen stemmen. Nach einem kurzen Einstieg legt Patterson schon mal den Schwie­rig­keitsgrad des Abends fest, wenn sie den Kopf nach hinten fast bis zu den Kniekehlen beugt. Überhaupt scheinen die Artisten ihre Wirbel­säulen durch Gummi­schläuche ersetzt zu haben. Van Rensburg betritt die Bühne von hinten, indem sie den meter­hohen Vorhang überwindet und damit das hängende Seil variiert. Sie wird später auch zeigen, dass ein Garde­ro­ben­schrank sich eigentlich viel mehr als Turngerät eignet denn als Aufbe­wah­rungsort. Eine Jonglage mit zehn Tellern findet ebenfalls im Wohnzimmer eine neue Variation, wenn die Stangen, auf die die Teller platziert werden, über den ganzen Raum verteilt sind. Dazwi­schen immer wieder kleine Einlagen von Boden­akro­batik als Duett oder Gruppen­ver­an­staltung. Die Darbie­tungen erfolgen so dicht gedrängt, dass man die Musik aus der Konserve von einem gleich vierköp­figen Team – Colin Gagne, Olivier Landry-Gagnon, Stefan Boucher und Francisco Cruz – kaum noch wahrnimmt.

Und doch wird gerade die Musik zu einem weiteren Höhepunkt des Abends führen, wenn Schoellkopf mit Sonnen­brille, in Unter­hosen und Western-Stiefeln I’m Sorry von Brenda Lee als Karaoke-Ereignis präsen­tiert. Dabei kommt dann auch eine der zahlreichen Ideen von Licht­de­signer Emile Lafortune zum Tragen, der dem „Sänger“ kurzerhand eine Taschen­lampe mitgibt. Im späteren Verlauf – Schoellkopf hat sich inzwi­schen als Balance-Künstler daran versucht, auf stehenden Flaschen über die Bühne zu laufen, was auch halbwegs gut funktio­niert – reduziert Lafortune das Licht zu sehr auf eine in der Bühnen­mitte herab­hän­gende Lampe, die von den Artisten in Schwin­gungen versetzt wird. Da verschwindet viel an optischem Genuss im Schatten. Zuvor darf man noch erleben, wie der Tisch halb herun­ter­ge­klappt und als glitschige Plattform für eine Tanzeinlage herhält.

Nahezu unbemerkt geraten die Gegen­stände auf der Bühne mehr und mehr an den Rand, so dass zum Finale eine große Fläche bleibt, die den Darstellern ausrei­chend Raum bietet, um einen laufenden Kreis zu bilden, aus dem immer wieder zwei Artisten aufein­ander zu hechten, sich inein­ander verdrehen und blitz­schnell wieder in den Kreis zurück­zu­finden. Derart tempo­reich findet das Ereignis nach einein­viertel Stunden zum Ende. Die Zuschauer, die vorher immer schon mal einen Szenen­ap­plaus versuchten, wenn sie nicht gerade aufgeregt auf der Stuhl­kante saßen, sind trotz der einen oder anderen kleinen Panne hellauf begeistert und halten es schließlich auf ihren Plätzen nicht mehr aus. Der Applaus hält auch dann noch an, als die Artisten sich eigentlich längst erschöpft nach der Garderobe sehnen. Ach ja, „tot sein“ haben sie zwischen­zeitlich auch gespielt, aber das kam in der hochen­er­ge­ti­schen Atmosphäre nicht so recht zur Geltung. Schön so.

Michael S. Zerban

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