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PLAY DEAD
(People Watching)
Besuch am
14. September 2024
(Premiere am 13. September 2024)
Es ist eine der schönsten Beschäftigungen im Sommer. Im Straßencafé zu sitzen, an seinem Getränk zu nippen und die vorübergehenden Menschen zu beobachten. Die Fantasie dabei spielen zu lassen. Wäre es womöglich noch schöner, wenn aus solchen Gedankenspielen Konsequenzen entstehen, man die so gewonnenen Erkenntnisse auf die Bühne bringt? Eine sechsköpfige Gruppe aus Montreal hat „Ja“ gesagt, ein Kollektiv gegründet und es People Watching genannt. Die Besonderheit: Es handelt sich dabei um erfahrene Artisten des „neuen Zirkus“. Wenn Künstler Menschen auf der Straße beobachten, wird dabei möglicherweise etwas anderes herauskommen als „Schau mal, die geht bestimmt gerade zu ihrem Ex, um die Kohle für den Unterhalt einzutreiben“ oder „Na, der ist ja frisch verliebt“. Oder wenn sie zu den gleichen Interpretationen kommen, vielleicht etwas Neues auf der Bühne daraus entstehen lassen. Und plötzlich sitzt People Watching nicht mehr in einem Straßencafé, sondern in staatlich verordneter Quarantäne in einer Wohnung fest. Muss sich beschäftigen, damit die Zeit herumgeht. Der Wahnsinn, mit dem wir alle während der Pandemie umgehen mussten. „Dann spielen wir eben tot“, sagten die jungen Leute sich und begannen, ihre Trainingseinheiten in ein Stück zu verwandeln. Play Dead stellen sie jetzt beim Düsseldorf-Festival als Deutschlandpremiere vor. Der gelungene Kniff dabei: Sie müssen den Zirkus nicht neu erfinden. Sie müssen ihn nur in neue Schläuche gießen.
Im Theaterzelt am Düsseldorfer Burgplatz blicken die Besucher auf ein Wohnzimmer. Gut, es ist deutlich überdimensioniert. Vielleicht erübrigt sich deshalb die Warnung „Imitieren Sie die folgenden Handlungen bitte nicht im eigenen Wohnzimmer“. Neuerdings tendieren Theater ja dazu, Besucher vor ihrem Haus zu warnen. Hier also nicht. Links ist eine Essecke mit einem soliden Tisch aufgebaut. Im Hintergrund, etwas versetzt, ein Garderobenschrank. Daneben ein Vorhang, vor dem eine Sitzecke mit Teppich, einem Tischchen und einem Tête-à-Tête, also einem zweisitzigen Sofa, dessen Sitzflächen und Rückenlehnen der einzelnen Plätze einander entgegengerichtet sind. Das sieht alles sehr entspannt, großbürgerlich aus der Zeit vielleicht des Fin de Siècle, fast gemütlich aus. Gemütlich wird hier allerdings in den kommenden 70 Minuten nichts.

Ruben Ingwersen, Jérémi Lévesque, Natasha Patterson, Brin Schoellkopf, Jarrod Takle und Sabine Van Rensburg heißen die Artisten, die die Inszenierung nicht nur gemeinsam entwickelt haben, sondern sie auch zusammen stemmen. Nach einem kurzen Einstieg legt Patterson schon mal den Schwierigkeitsgrad des Abends fest, wenn sie den Kopf nach hinten fast bis zu den Kniekehlen beugt. Überhaupt scheinen die Artisten ihre Wirbelsäulen durch Gummischläuche ersetzt zu haben. Van Rensburg betritt die Bühne von hinten, indem sie den meterhohen Vorhang überwindet und damit das hängende Seil variiert. Sie wird später auch zeigen, dass ein Garderobenschrank sich eigentlich viel mehr als Turngerät eignet denn als Aufbewahrungsort. Eine Jonglage mit zehn Tellern findet ebenfalls im Wohnzimmer eine neue Variation, wenn die Stangen, auf die die Teller platziert werden, über den ganzen Raum verteilt sind. Dazwischen immer wieder kleine Einlagen von Bodenakrobatik als Duett oder Gruppenveranstaltung. Die Darbietungen erfolgen so dicht gedrängt, dass man die Musik aus der Konserve von einem gleich vierköpfigen Team – Colin Gagne, Olivier Landry-Gagnon, Stefan Boucher und Francisco Cruz – kaum noch wahrnimmt.
Und doch wird gerade die Musik zu einem weiteren Höhepunkt des Abends führen, wenn Schoellkopf mit Sonnenbrille, in Unterhosen und Western-Stiefeln I’m Sorry von Brenda Lee als Karaoke-Ereignis präsentiert. Dabei kommt dann auch eine der zahlreichen Ideen von Lichtdesigner Emile Lafortune zum Tragen, der dem „Sänger“ kurzerhand eine Taschenlampe mitgibt. Im späteren Verlauf – Schoellkopf hat sich inzwischen als Balance-Künstler daran versucht, auf stehenden Flaschen über die Bühne zu laufen, was auch halbwegs gut funktioniert – reduziert Lafortune das Licht zu sehr auf eine in der Bühnenmitte herabhängende Lampe, die von den Artisten in Schwingungen versetzt wird. Da verschwindet viel an optischem Genuss im Schatten. Zuvor darf man noch erleben, wie der Tisch halb heruntergeklappt und als glitschige Plattform für eine Tanzeinlage herhält.
Nahezu unbemerkt geraten die Gegenstände auf der Bühne mehr und mehr an den Rand, so dass zum Finale eine große Fläche bleibt, die den Darstellern ausreichend Raum bietet, um einen laufenden Kreis zu bilden, aus dem immer wieder zwei Artisten aufeinander zu hechten, sich ineinander verdrehen und blitzschnell wieder in den Kreis zurückzufinden. Derart temporeich findet das Ereignis nach eineinviertel Stunden zum Ende. Die Zuschauer, die vorher immer schon mal einen Szenenapplaus versuchten, wenn sie nicht gerade aufgeregt auf der Stuhlkante saßen, sind trotz der einen oder anderen kleinen Panne hellauf begeistert und halten es schließlich auf ihren Plätzen nicht mehr aus. Der Applaus hält auch dann noch an, als die Artisten sich eigentlich längst erschöpft nach der Garderobe sehnen. Ach ja, „tot sein“ haben sie zwischenzeitlich auch gespielt, aber das kam in der hochenergetischen Atmosphäre nicht so recht zur Geltung. Schön so.
Michael S. Zerban