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POSTCARDS FROM VIETNAM
(Raimund Hoghe)
Besuch am
31. Januar 2020
(Uraufführung)
Nun also ist er auch Officier de l’Ordre des Arts et des Lettres. Bereits Ende vergangenen Jahres teilte Raimund Hoghe das französische Kulturministerium die Ernennung mit. Den Orden, der in Deutschland etwa vergleichbar ist mit einem Bundesverdienstkreuz für Künstler, nimmt Hoghe jetzt im Tanzhaus NRW nach der Uraufführung seines neuen Stücks entgegen. Dazu muss man wissen, dass der Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres etwa 450 Mal im Jahr verliehen wird. Damit kann man also so ziemlich jeden Intendanten, Regisseur, Sänger, Schauspieler, die in irgendeiner Form auf sich aufmerksam machen, mit diesem Titel ehren. Wer ihn fünf Jahre lang trägt und sich „bewährt“, darf auf den Officier hoffen. Bei Hoghe, der in Frankreich zu den Choreografen ersten Ranges zählt, wird der Chevalier gleich übersprungen. Stolz ist Hoghes Sache ohnehin nicht, also nutzt er seine Rede vor Wegbegleitern und Finanziers seiner Karriere auch weniger dazu, sich bei der französischen Regierung ausgiebig zu bedanken, sondern darauf hinzuweisen, dass sein Anliegen sich im Laufe seiner künstlerischen Karriere nicht geändert habe. Der Respekt vor dem anderen sei ihm höchstes Gut und inzwischen sei er in der Lage, nicht mehr um die Gunst des Publikums buhlen zu müssen, sondern seine Anliegen in seiner Sprache erzählen zu können. Dafür sei er dankbar.

Auch in seiner Uraufführung Postcards from Vietnam hält er an dieser Sprache fest. Hoghe, und das macht ihn stark, interessiert sich nicht für das, was in der Welt passiert. Er bleibt sich treu, um genau das zu erzählen, was ihn beschäftigt. Die Bühne ist leer, hell erleuchtet, und am Ende steht der kleine Mann. Aus den Lautsprechern erschallt die Aufzeichnung seiner Stimme, denn er selbst bleibt angesichts der schrecklichen Ereignisse stumm. Im vergangen Jahr sind 39 Vietnamesen tot in einem LKW gefunden worden. Und er erzählt von der 19-Jährigen, die im Sterben noch ihre Mutter anruft. Wie weit geht dieses Elend denn eigentlich noch? Hoghe ist dünnhäutig geblieben, und er mutet das seinem Publikum genauso zu wie die Langsamkeit der Aufführung. Statt der angekündigten anderthalb Stunden werden es 110 Minuten. In denen erzählt der Choreograf von den Postkarten aus Vietnam, die er bei einem Straßenhändler in Paris gefunden hat. Und die hält er in Ehren. Sorgsam werden sie aufgetragen. Von ihm, von den Tänzern Ji Hye Chung und Takashi Ueno. Zeremoniell. Im Laufe des Abends wird ihre Anordnung verändert, ehe sie schlussendlich als wertvolle Erinnerung wieder eingesammelt werden. Eine Leihgabe also, die den Rahmen für das ganz normale Wahnsinnsleben von Flüchtlingen vorgibt. Während Hoghe sich als der Obdachlose gibt, der ohne Anspruch immer wieder seinen Platz in der Gesellschaft sucht, indem er sich scheinbar schlafend dazulegt, beschreiben die Tänzer die Lebensausschnitte derjenigen, die eine neue Heimat suchen. Da gibt es das Leid des einzelnen, der sich in Soli auslebt, ebenso wie das Glück der Liebenden, die sich leichtfüßig in fliegenden Tänzen ergeben. Hin und wieder werden sie unterstützt von Luca Giacomo Schulte. Dessen Auftritt ist nicht zwingend notwendig, aber er hat das Werk mitentwickelt und gehört also auch mit auf die Bühne.
Die schwarzgekleideten Tänzer verlassen sich dabei ebenso auf asiatische Handbewegungen wie auf Tanzrhythmen aus dem Swing. Dass die Melange gelingt, hängt zu großen Teilen von der Musik ab, die von der Festplatte kommt. Allein die Auswahl an Stücken ist es wert, sich fast zwei Stunden im Großen Saal des Tanzhauses NRW aufzuhalten und sich auf die Reise in die Vergangenheit zu begeben. Da bekommt man Raritäten zu hören, von denen man nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Bei aller Freiheit der Interpretation lässt der Choreograf seine Tänzer doch immer mit der Musik tanzen und gestaltet so sein Gesamtkunstwerk.
Das Publikum ist von der langanhaltenden Intensität erschöpft, applaudiert aber begeistert und feiert die Akteure, die ein Werk gegen jeden Mainstream aufgeführt haben. Einmal mehr ist Raimund Hoghe ein Meisterwerk gelungen.
Michael S. Zerban