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THE PREMIERES
(Diverse Komponisten)
Besuch am
27. März 2024
(Uraufführung)
Woran krankt der Jazz? Er schweigt sich tot. Noch immer glauben allzu viele Musiker, es reiche, wenn sie irgendwo auftreten, um das Publikum magisch anzuziehen. Sorgten nicht einige Festival-Veranstalter dafür, dass ihre Namen mal auf Plakaten auftauchten, würden vermutlich sogar die Besten unter ihnen in der Versenkung verschwinden. Das sind Assoziationen, die man hat, wenn man zu einem Saxofon-Abend in der Düsseldorfer Jazz-Schmiede geht. Die Ankündigung der Aufführung ist marginal. Set-31 spielt The Premieres. Die Jazz-Schmiede weist darauf hin, dass es keine ihrer Veranstaltungen ist, sondern sie lediglich den Raum zur Verfügung stellt, Gastronomie gibt es keine und außerdem handele es sich um „Neue Musik“. Gibt es mehr Argumente, die gegen einen Besuch sprechen? Immerhin erfährt man noch, dass vierzehn Uraufführungen vorgesehen sind.
Die Begrüßung ist freundlich, der Anblick traurig. Fünf Besucher, ein Pressevertreter, der Haustechniker, ein Moderator und drei Musiker sind in dem Saal zugegen. Später wird noch Oskar Gottlieb Blarr dazustoßen, Komponist und Kirchenmusiker. Die Aufführung soll als Video aufgezeichnet werden, ist gefördert, also findet sie auch statt. Der Moderator ist Christian Banasik, Düsseldorfer Komponist und Freund der Musiker, der eine der Uraufführungen beisteuert. Es wird die beste des Abends sein. Vorerst verrät er immerhin, dass es das Gründungskonzert des Ensembles Set-31 ist.

Eigentlich hätten schon die Namen der Musiker für einen Auflauf sorgen müssen. Aubrey Snell studierte klassisches Saxofon in Den Haag bei Frank Timpe. In Utrecht schloss sie ihr Master-Studium mit Auszeichnung ab. Seither war sie in vielen Ensembles in den Niederlanden und international unterwegs. In der jüngeren Vergangenheit fiel sie vor allem als Schauspielerin und Regisseurin in verschiedenen musiktheatralischen Produktionen auf. Als Mitglied renommierter internationaler Ensembles, Dirigent von Big Bands und Lehrer hat sich Elmar Frey einen Namen gemacht. Altmeister ist Frank Timpe, der in Hannover geboren ist, in Den Haag klassisches Saxofon und Bassklarinette studierte und mit Auszeichnung abschloss. Internationale Festival-Auftritte, vielfache Preise und Professuren in Den Haag und Mainz kennzeichnen seinen Lebensweg. Als Studiomusiker nahm er über 30 Alben mit Orchestern, Kammermusik-Ensembles und verschiedenen Bands auf.
Nun haben sich die drei Musiker also zu einem Ensemble zusammengeschlossen und für ihren ersten Auftritt einige Vorarbeit geleistet. Sie haben Komponisten auf der ganzen Welt gebeten, ihnen Miniaturen für ihre Instrumente zu schreiben. Im Vordergrund soll dabei das Bass-Saxofon stehen. Und allzu gern sind die Tonsetzer ihrer Bitte gefolgt. Egal, ob die kurzen Kompositionen aus den Niederlanden, Schweden, Irland, Island, Amerika, Frankreich oder Deutschland kommen: Besser können die Saxofonisten die Universalität von Musik nicht zeigen, als sie kommentarlos aneinanderzureihen. So ergibt sich aus den ersten dreizehn Uraufführungen ein vielfältiges und abwechslungsreiches Stück, in dessen Vordergrund wunschgemäß das Bass-Saxofon Timpes steht, ergänzt um zusätzliche Instrumente wie Rasseln, eine Spieluhr oder andere geräuscherzeugende Kleinteile. Snell und Frey steuern die Klänge ihrer Alt-Saxofone bei, hochkonzentriert ob virtuoser Stellen oder pünktlicher Einsätze.

Dass bei den Komponisten offenbar eine Freundesliste abtelefoniert wurde, ergibt, dass sich die Männer in der Überzahl befinden, aus Deutschland mit Moritz Eggert, Ove Volquartz, Thomas RW Zander und Oskar Gottlieb Blarr gar ausschließlich Männer zu Gehör kommen. Schön, dass hier lieber auf Qualität statt auf Quote geschaut wird. Möglicherweise war auch die Verfügbarkeit das entscheidende Kriterium, denn das Bass-Saxofon gehört nicht zu den am häufigsten eingesetzten Instrumenten bei modernen Kompositionen.
Christian Banasik hat in Düsseldorf, Köln und Frankfurt studiert. In seiner beruflichen Laufbahn steht die Entwicklung elektronischer Musik im Vordergrund, was ihn nicht daran hinderte, auch für andere Besetzungen zu schreiben. Und so hat er das letzte Stück des Abends Set-31 denn auch für zwei Alt-Saxofone und Bass-Saxofon verfasst. Den dreien auf der Bühne also, so möchte man meinen, „auf den Leib“ geschrieben. Das Werk erinnert stark an die Minimal Music und kommt mit frischem Elan daher. Ein gelungenes Finale.
Nach einer halben Stunde ist das Konzert beendet. Da hätte man sich doch noch ein Viertelstündchen mehr gewünscht. Obwohl die Anwesenden eigentlich dankbar sein dürfen, dass die Musiker ihren Einstand trotz der geringen Zahl der Gäste gegeben haben. Bleibt Set-31 zu wünschen, dass sie am 18. Mai um 13 Uhr in der Kölner Kunststation St. Peter ein größeres Publikum finden, wenn sie das Programm dort noch einmal spielen.
Michael S. Zerban