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Schmerztherapie

RAUMSTATION
(Diverse Komponisten)

Besuch am
15. November 2017
(Einmalige Aufführung)

 

Tonhalle Düsseldorf, Mendelssohn-Saal

So segens­reich die Freundes- und Förder­kreise kultu­reller Insti­tu­tionen sind – es gibt wohl heute kein Haus mehr, das ohne auskommt – so selten geschieht es, dass solche Förderer gleich die Verant­wortung für einen ganzen Abend übernehmen und in die Rolle des Veran­stalters schlüpfen. Da möchte man meinen, dass es für einen solchen Abend dann gleich reihen­weise Freikarten für die Mitglieder gibt. Aber nichts dergleichen. Lediglich ein „Vorkaufs­recht“ wird ihnen einge­räumt. Das heißt, sie konnten ihre Karten schon vor Beginn des regulären Vorver­kaufs erwerben. Was ja wohl das Mindeste ist.

Die Tonhalle Düsseldorf hat verschiedene Veran­stal­tungs­reihen aufgelegt. Inzwi­schen infor­miert darüber auch verständlich der Inter­net­auf­tritt. Eine davon ist Raumstation, kammer­mu­si­ka­lische Auffüh­rungen, die seit der letzten Spielzeit im großen Konzertsaal, dem Mendelssohn-Saal, statt­finden. Und so kommt zusammen, was zusam­men­gehört. Die privaten Förderer laden Christian Gerhaher und James Cheung zu einem Abend dieser Reihe ein, nennen das „eine Stern­stunde der Freunde und Förderer der Tonhalle Düsseldorf“ und sorgen so dafür, dass nicht nur ein wenig mehr Glanz unter der Kuppel der Tonhalle aufscheint, sondern auch gleich um die 1.300 Besucher an einem Lieder­abend teilnehmen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Publikum
Chat-Faktor

Fragt man Sänge­rinnen oder Sänger nach dem, was sie am meisten an Lieder­abenden schätzen, kommen regel­mäßig zwei Antworten: die Intimität eines solchen Abends und die Kommu­ni­kation mit dem Publikum. Die Kommu­ni­kation Christian Gerhahers beschränkt sich in annähernd zwei Stunden auf exakt drei Worte, als er die Zugabe ankündigt: „Ein letztes Lied.“ Dafür äußert er sich im Vorfeld ausgiebig zu seinem Programm. „Ich glaube, das Defizitäre zu beleuchten und sich damit ausein­an­der­zu­setzen, ist die eigent­liche Motivation, dass es Kunst geben kann. Das ist der dialek­tische Ausdruck des mensch­lichen Seins, dass man sich nicht mit den erträg­lichen Seiten reflek­tierend ausein­an­der­setzt, sondern dass man sich künst­le­risch mit dem Transzen­den­talen ausein­an­der­setzt. Das Transzen­dentale entsteht natürlich aus der Erfahrung der Begrenztheit“, sagt er. Kann also der Lieder­abend Schmerz­the­rapie für die geschun­denen Seelen der Besucher sein, wie die Tonhalle aus diesen Worten schließt? Die Frage wird dieser Abend nicht klären. Gerhaher und Cheung haben Lieder von Gesualdo di Venosa, Brahms, Britten, Debussy und Schubert zusam­men­ge­stellt, die von Wesen handeln, „die das Glück sehen, es aber nicht erreichen und daran zerbrechen“.

Foto © Susanne Diesner

Bariton und Pianist treten im Frack auf die Bühne. Nach knapper Verbeugung, Cheung hat gerade noch Zeit, am Flügel Platz zu nehmen, erklingen schon die ersten Worte von Carlo Gesualdo di Venosas Moro, lasso, al mio duolo, eine sechs­zeilige Wehklage, die den Tod des Protago­nisten herbei­sehnt. Weniger wehleidig geht es in der Romantik zu. Die Lieder, die Gerhaher anschließend von Johannes Brahms vorträgt, handeln von verpassten Chancen und unglück­lichen Erinne­rungen. Das haben sie mit dem anschlie­ßenden Britten-Zyklus Lieder und Sprich­wörter von William Blake gemeinsam, auch wenn es hier eine ganze Spur düsterer wird. Der typische Klang von Benjamin Brittens Musik wird von Gerhaher in hoher Perfektion intoniert, was aber nicht zwingend zu einer Belebung des Abends beiträgt. Geradezu erfri­schend erklingen dann die Lieder von Claude Debussy, auch wenn in der franzö­si­schen Sprache gern mal Silben oder ganze Wörter verloren gehen.

Wo Christian Gerhahers echte Stärken oder Vorlieben liegen, wird im letzten Teil des Abends deutlich, wenn er Beispiele aus Franz Schuberts Schwa­nen­gesang zum Besten gibt. Eindeutig stärkster Vortrag ist der Atlas, mit dem es dem Bariton gelingt, über die eigenen Grenzen zu schreiten. Ähnliches gelingt ihm ansatz­weise noch zum Abschluss mit dem Doppel­gänger. Und damit geht ein pracht­voller Abend zu Ende, den James Cheung par excel­lence in allen Klang­farben begleitet hat.

Dem Publikum gefällt’s, und im langan­hal­tenden Beifall erklingen auch Bravo-Rufe. Bei aller Begeis­terung für einen Vortrag auf hohem Niveau: Die Schmerz­the­rapie bleibt aus.

Michael S. Zerban

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