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Keine Perspektive

REBOUND
(Alida Dors)

Besuch am
7. März 2019
(Deutsche Erstaufführung)

 

Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Europas Außen­grenzen sind dicht, in den Fernseh-Nachrich­ten­ma­ga­zinen hört man hier und da, dass die Abschie­bungen funktio­nieren – und die Bevöl­kerung ist es zufrieden. Es gibt keine Flücht­linge mehr. Es herrscht Ruhe im Land. Das menschen­un­würdige Konzept einzelner deutscher Politiker scheint aufge­gangen. Was wir in Deutschland erlebt haben, ist in seiner histo­ri­schen Dimension noch gar nicht absehbar. Es wird ein bitteres Erwachen.

Bis dahin werden hoffentlich die Unent­wegten nicht aussterben. Menschen wie Alida Dors, die sich auch weiterhin mit dem Thema der Flucht ausein­an­der­setzen. Dem Verlust seiner kompletten Habe, sozialen Rückhalts, seiner Heimat. Dors ist Choreo­grafin und hat sich mit ihrer Compagnie BackBone in ihrem neuen Stück Rebound, das sie jetzt im Tanzhaus NRW als deutsche Erstauf­führung zeigt, mit der Frage ausein­an­der­ge­setzt, woher Menschen in scheinbar ausweg­losen Situa­tionen ihre „übermensch­liche“ Wider­stands­kraft nehmen, sich aufzu­lehnen, durch­zu­halten, immer wieder neu anzulaufen gegen alle Barri­kaden. Nein, die Rede ist nicht von Deutschen, die sich mit aller Härte gegen Regie­rungs­be­schlüsse wenden, die der Menschen­würde zuwider­laufen. Die Rede ist von Menschen, die in der eigenen Heimat so sehr um ihr Leben fürchten müssen, dass sie alles in Kauf nehmen, um in Sicherheit zu gelangen.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Auf der Bühne stehen drei Tänze­rinnen vor vier schräg­ge­stellten, weißen Trampo­linen und warten geduldig darauf, dass die wenigen Besucher Platz nehmen. Dann präsen­tiert Jeffrey Steen­bergen seinen großar­tigen Einfall, wie er Szenen­wechsel bewerk­stel­ligen will. Er blendet das Publikum so brutal, dass selbst der letzte die Augen schließen muss, will er keine Schäden nehmen. Er verdirbt beinahe den Abend, noch ehe er richtig begonnen hat. Nachdem das Licht erloschen ist, haben die Tänze­rinnen ihr „HipHop-Outfit“ abgelegt und tanzen in eierscha­len­far­benen Latzhosen mit braunen T‑Shirts, weißen Tennis-Socken und Turnschuhen. Die Kostüme von Isis Vaand­rager sind alles andere als aufregend, das gilt auch für die drei Männer, die nach einem weiteren Szenen­wechsel auftreten, nachdem die Damen abgetreten sind. Erst im nächsten Bild werden sie alle gemeinsam auftreten. Aber praktisch ist die Bekleidung. Und das ist auch dringend notwendig bei dem, was die Tänzer zeigen.

Foto © Bowie Verschuuren

Hier werden sie alle gezeigt. Die Überle­bens­künstler, die versuchen, ihren eigenen Weg zu gehen und gegen alle Gegner mit Überzeugung antreten, auch wenn kein Durch­kommen zu sein scheint. Die Menschen, die sich auf dem Rücken ihrer Solidar­ge­mein­schaft zu profi­lieren versuchen. Aber auch die, die sich zusam­men­schließen, um gemeinsam stark zu sein. Dors setzt auf starke, ja, mitunter martia­lische Bilder. Figuren aus dem HipHop-Tanz, Akrobatik und kräfte­zeh­rende Gruppen­tänze sind ihr Material. Genial die Idee, die Trampo­lin­wände einzu­setzen. Da wäre choreo­gra­fisch mehr drin gewesen. Erst gegen Ende kommen die Wände verstärkt zum Einsatz.

Vernon Chatlein hat eigens für das Stück die Musik kompo­niert und führt sie auch selbst live auf. Vorsichts­halber werden vor Beginn der Aufführung Ohren­stöpsel verteilt. Warum muss die Musik so laut sein, dass Ohren­stöpsel notwendig sind? In diesem Fall bleibt die Lautstärke moderat, die Stöpsel sind wohl eher für besonders geräusch­emp­find­liche Menschen verteilt worden. Schlagzeug und Synthe­sizer beherr­schen das Klangbild. Das passt gut zum Thema und ist auch dann noch aufrüt­telnd, wenn die Tänzer mal nicht auf den Punkt kommen.

Insgesamt ein tänze­risch und musika­lisch kraft­voller Abend, der insbe­sondere deshalb ein gutes Gefühl hinter­lässt, weil bei aller Perspek­tiv­lo­sigkeit immer noch das Fünkchen Hoffnung in der Energie der Tänzer bleibt. Wir werden es schaffen, ist die Botschaft des Abends, die vom Publikum nach einer Stunde begeistert applau­diert wird. Ein Sonder­ap­plaus für die Choreo­grafin, die an dem Abend nicht in Erscheinung tritt, dass sie weiter daran arbeitet, unser Weltbild zu korrigieren.

Michael S. Zerban

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