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Foto © Tatraum-Projekte Schmidt

Aktionismus im atonalen Raunen

REMEMBERING THE SILENCE
(Michael Schmidt)

Besuch am
20. August 2025
(Urauf­führung)

 

Tatraum-Projekte Schmidt im Freibad, Düsseldorf

Das pseudo­elitäre Getue der Kultur­ar­beiter nervt. Und verschreckt das Publikum oft und immer öfter. Da heißt es in der Ankün­digung des neuen Stücks von Tatraum-Projekte Schmidt: „Mit Remem­bering the Silence kreiert Tatraum eine neue inter­dis­zi­plinäre Perfor­mance frei nach Murakamis Roman After Dark.“ Nein, kein Mensch muss „Murakami“ kennen und schon gar nicht den Roman After Dark. Wie wäre es mit: Haruki Murakami ist in Kyoto geboren und lebte längere Zeit in den USA und Europa. 2005 veröf­fent­lichte er den Roman After Dark – nach Einbruch der Dunkelheit. Michael Schmidt, künst­le­ri­scher Leiter und Regisseur von Tatraum-Projekte Schmidt, ließ sich von dem Werk zu seinem neuesten Stück inspi­rieren. Geht auch und ist auf Augenhöhe mit einem Publikum, das nicht die Zeit hat, nach neuen Romanen Ausschau zu halten, sondern sich freut, inter­es­sante Hinweise auf Lesens­wertes von den Kultur­ar­beitern zu bekommen. Und lesenswert scheint Afterdark, wie die deutsche Übersetzung übertitelt ist, allemal zu sein.

Eine Kamera streift über das Panorama der nächt­lichen Großstadt Tokyo. Leucht­re­klamen und digitale Riesen­bild­schirme, Hiphop aus Lautspre­chern, Ströme erleb­nis­hung­riger Angestellter und weißblonder Teenager in Miniröcken. Orte nächt­licher Handlungen verbinden sich hier unter dem Brennglas drama­tisch und entfalten sich. Da gibt es das Mädchen Mari mit einem Musiker in der Filiale einer Restaurant-Kette sowie die Geschäfts­füh­rerin eines Stunden­hotels, in dem gerade eine chine­sische Prosti­tu­ierte von einem Freier misshandelt wurde. Es entspinnt sich ein Geflecht, das mit dem Ende der Nacht aufhört. Dann schickt Murakamis beunru­hi­gende Prosa nach sich überstür­zenden und myste­riösen Ereig­nissen den Leser von der Nacht zurück in den Tag. Klingt nach verlo­ckender Lektüre.

Foto © Tatraum-Projekte Schmidt

Oder einem packenden Theater­stück. Schmidt inter­es­siert sich dabei weniger für die Handlung als für die Atmosphäre des Romans. Es geht ihm um die „verschwim­menden Reali­täts­ebenen, die die Identität des Indivi­duums und seine Verortung in der Welt ins Wanken bringen“. Das Freibad ist die neue Spiel­stätte für die so genannte Freie Szene am Worringer Platz in unmit­tel­barer Nähe zum Haupt­bahnhof in Düsseldorf und besticht mit ihrer Flexi­bi­lität. Die nutzt das Team von Tatraum-Projekte Schmidt weidlich aus. Auf der rechten Seite des Saals sind Abend­kasse und Getränke-Ausgabe unter­ge­bracht. Im Hinter­grund auf einem Podium steht ein stoff­be­hängtes Geviert, das eingangs mit seinem weißen Stoff für Video­pro­jek­tionen dient. Auf der linken Seite ist eine Bar angesiedelt, neben der ein Bett steht. Überall im Raum verteilt stehen Monitore. Für das Publikum ist kein Platz oder der ganze Raum vorge­sehen, ganz, wie man es sehen will. Aller­dings müssen die Besucher im Laufe des Abends mehrfach aufge­fordert werden, aus dem Weg zu gehen, weil sie gerade ungünstig stehen oder sitzen.

Der Abend beginnt beschaulich. Der Barkeeper tritt hinter die Theke einer Jazz-Bar und beginnt mit der Zubereitung von Getränken. Dabei bespielt Perkus­sionist Marius Lamm mit seinen Schlegeln alle möglichen Gegen­stände, wird damit auch den Rest der Aufführung begleiten. Nach und nach gesellen sich die übrigen Akteure hinzu, nehmen vor dem Tresen Platz, prosten einander zu. Dann nimmt das Geschehen Fahrt auf. Kristin Schuster eröffnet mit einer ersten Tanzeinlage, die sie quer durch den Raum führt und immer wieder mit den zahlreichen Barho­ckern in Verbindung bringt. Damit gibt sie den roten Faden der tänze­ri­schen Szenen vor. Breiten Raum nehmen die ständigen Umbauten von Monitoren, Beamern und Kameras ein, oft eilig bis bisweilen hektisch. So entstehen unter Feder­führung von Ae Ran Kim künst­le­rische Projek­tionen mit urbanem Charakter. Später wird das Lattenrost mit Matratze und Bettzeug auf einer Matte in die Mitte des Raumes gezogen.

Foto © Tatraum-Projekte Schmidt

Wer nun auf spannende Bettge­schichten hofft, darf enttäuscht zusehen, wie das Geviert vom Podium um das Bett herum aufge­stellt wird und so nur noch die Einblicke der Kamera übrig­bleiben. Im Bett wälzt sich derweil Tänzer Damiaan Veens. In das Geschehen mischen sich immer wieder Kontra­bas­sistin Anna Größbrink und Saxofonist Benjamin Jones. Ihre Inter­ven­tionen geschehen meist leise bis kaum hörbar, mal solis­tisch, mal im Verbund mit den anderen Musikern. Wenn Lena Müller nicht kurze Textstellen aus dem Roman vorträgt – hier ist die Technik unzurei­chend und nimmt ihr die Verständ­lichkeit – reiht die Schau­spie­lerin sich bei den Tänzern und ihren Barho­ckern ein.

Inwiefern der Abend an die Stille erinnert oder ob man sich nach dem Trubel im Aktionsraum an die Stille danach erinnern soll, bleibt offen. Allmählich wird das Geschehen zurück­ge­fahren, die elektro­ni­schen Geräte werden zusam­men­ge­räumt und das Ensemble trifft sich wieder an der Bar. Auch im Roman geht es aus den Aufre­gungen der Nacht zurück in die spieß­bür­ger­liche Norma­lität einer Reihen­haus­siedlung, in der am frühen Morgen Ruhe herrscht. Ehe die Hektik des Tages herein­bricht und den Zyklus fortsetzt, möchte man hinzu­fügen. Aber das werden die Besucher vielleicht in einer späteren Aufführung erfahren. Denn Remem­bering the Silence ist der erste Teil einer geplanten Trilogie über das Werk Haruki Murakamis. Das Publikum im Freibad zeigt sich erst einmal begeistert, auch wenn es nach einein­viertel Stunden zügig den inzwi­schen völlig überhitzten und gefühlt sauer­stoff­be­freiten Raum verlässt.

Weitere Auffüh­rungen sind am 22. bis 24. August mit Beginn um jeweils 20.30 Uhr vorgesehen.

Michael S. Zerban

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