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Foto © Tessa Langhans

Nachhall im Dunkel

REVERBS
(Özlem Alkis)

Besuch am
11. Juli 2018
(Premiere)

 

Tanzhaus NRW, Studio 6, Düsseldorf

Zum Ausklang der Spielzeit hat sich das Tanzhaus NRW in Düsseldorf noch etwas Beson­deres einfallen lassen und die Choreo­grafin Özlem Alkis mit ihrem Team aus Köln einge­laden. Alkis wurde in Istanbul geboren. Ihre Ausbildung erhielt sie am Centre Choréo­gra­phique National de Montpellier, am Centre National de Danse in Anger sowie an der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Hier schloss sie mit einem Master für Tanzver­mittlung im zeitge­nös­si­schen Kontext ab. Sie war Mitbe­grün­derin und bis 2012 Co-Leiterin des Amber Art and Technology Festivals in Istanbul. Seit 2015 erarbeitet die Choreo­grafin eigene Werke. Als eine der Künst­le­ri­schen Leiter wirkt sie in den Kölner Ehren­feld­studios mit.

In Düsseldorf präsen­tiert sie nun ihr rund 50-minütiges Werk Reverbs – zu Deutsch: Hall – das Ende Oktober vergan­genen Jahres in Köln urauf­ge­führt, einen Monat später in Bonn gezeigt wurde und nun nach einer einwö­chigen Residenz im Tanzhaus in einer Weiter­ent­wicklung auf die Bühne gebracht wird. Die Bühne ist in diesem Fall das Studio 6, ein Raum mit sparta­ni­schen Mitteln, der sonst gern für work-in-progress-Auffüh­rungen genutzt wird, also für Präsen­ta­tionen von „unfer­tigen“ Stücken, die sich noch weiter­ent­wi­ckeln sollen. Die Kölner Choreo­grafen sind es aufgrund ihrer Arbeits­um­felder in der Domstadt gewohnt, sich auf kleine Räume mit geringen Mitteln einzu­richten. Ob das einer echten Weiter­ent­wicklung immer so förderlich ist, mag dahin­ge­stellt sein, in diesem Fall funktio­niert es. Die impro­vi­sierte Tribüne ist abgeräumt, die Fenster sind verhängt. Stühle sind kreisrund, aber versetzt aufge­stellt. Einfache Weißlicht-Schein­werfer sind rundum an Traversen aufge­hängt. In der hintersten Ecke ist ein Technik-Pult aufgebaut, an dem die Choreo­grafin Platz genommen hat. Das Licht hat Dietrich Schuck­liess sehr mutig einge­richtet. Nachdem die Zuschauer, unter ihnen gar eine Schüler­gruppe, Platz genommen haben, wird es dunkel. Die Tänze­rinnen schleichen sich in die Schwärze des Raums.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Was jetzt beginnt, erinnert mitunter eher an ein workout im Fitness-Studio. Jennifer Döring, Philine Herrlein und Clara Müller absol­vieren ein Programm, das selbst jungen, durch­trai­nierten Menschen Respekt abnötigen dürfte. Dampf­lok­artig bewegen sich die Tänze­rinnen im Dreivier­teltakt mit schau­felnden Bewegungen zwischen den Stuhl­reihen hindurch, ändern immer wieder die Spuren, tanzen in der „Arena“ auf die Zuschauer zu, ehe sie im letzten Moment ausweichen. Es gibt keine musika­lische Unter­malung, was zählt, ist der Rhythmus der stamp­fenden, entblößten Füße, der sich mit wechselnden Armbe­we­gungen verstärkt. Folgen die Tänze­rinnen anfangs noch einander, verwi­schen die Bezie­hungen zusehends, verselbst­stän­digen sich die Tanzrich­tungen der Akteure, ehe sie kurzzeitig wieder zu Zellknäueln zusam­men­zu­finden. Schließlich verharren sie in beweg­lichen Skulp­turen. Die Bewegungen verlang­samen bis zur Unkennt­lichkeit. Nach einem weiteren Parforce-Ritt greifen die Tänze­rinnen zu manns­hohen Röhren, mit denen sie, wie auch immer, Töne einer Maultrommel in einer Klang­in­stal­lation produ­zieren. Als sich die Gruppe erneut knäuelt und nur noch die stamp­fenden Füße zu hören sind, erlischt das Licht. Der Rhythmus bleibt, von Boden­mi­kro­fonen verstärkt.

Foto © Tessa Langhans

Da fällt es nach einem langen Arbeitstag schwer, die Augen offen­zu­halten, wenn man nicht medita­ti­ons­er­fahren ist oder regel­mäßig Yoga betreibt. Aber auch der Sekun­den­schlaf ist ja durchaus erholsam. Und so kann man erfrischt einem weiteren Antritt der Tänze­rinnen folgen, zunehmend enthemmt verlieren die Tänze­rinnen den Zusam­menhalt. Statt Gleich­klang steht nun die Ergänzung verschie­dener Rhythmen im Vorder­grund, ehe die drei sich noch einmal verei­nigen. Schweiß­ge­badet wiegen sich die drei Damen in ihrer Alltags­kleidung in der Mitte des Runds. Alkis ist es bis hierhin gelungen, Dynamik und Energie bis zum Platzen im Raum aufzu­bauen. Es klickt in den Kehlen der Tänze­rinnen, während sie sich rhyth­misch auf der Stelle bewegen. Seiden­blusen sind durch­nässt, der Schweiß tropft den Akteuren von den Armen. Hätten hier weiter durch­dachte Kostüme die Wirkung weiter verstärken können? Denkbar. Und im letzten Teil dieser aufre­genden Choreo­grafie schon wieder ad absurdum geführt. Denn endgültig geht das Licht aus, und es beginnt der Nachhall.

Erneut sind die Klänge der Maultrommel zu hören, ehe sie im Raum verteilt in ein Rauschen in den Röhren übergehen. Die Energie wandelt sich zu einem tiefen Seelen­frieden. Hier lässt jeder los. Am Ende der Aufführung fragt niemand mehr danach, was das Stück nun zu bedeuten hat, welche Botschaft ihm mögli­cher­weise innewohnt. Und das ist eine starke Erfahrung. Alkis schafft es wirklich, dass man die Aufführung um der Aufführung willen erlebt. Keine Fragen mehr. Das ist subtil, wirkungsvoll und beein­dru­ckend. Und ganz sicher ein gelun­genes Ende der Spielzeit. Die neue Saison beginnt dann am 20. September mit einer Urauf­führung der Choreo­grafin, die sie gemeinsam mit dem Michael Douglas Kollektiv im Tanzhaus unter dem Titel Wir wollen verschwinden zeigt.

Was an diesem Abend an Echo bleibt, ist eindrucksvoll. Nach heftigem, aber kurzem Applaus, so kennen wir das beim zeitge­nös­si­schen Tanz, flieht das Publikum nicht den Saal. Im Gegenteil. Lange bleiben die Besucher noch sitzen. Harmonie liegt in der Luft. So geht man gern in die Sommer­pause. Ein Wermuts­tropfen bleibt: Die Belich­tungs­studien der Fotografin, die hier zu sehen sind, geben nicht einmal ansatz­weise die Erfahrung dieses Nachhalls wieder.

Michael S. Zerban

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