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Zum Ausklang der Spielzeit hat sich das Tanzhaus NRW in Düsseldorf noch etwas Besonderes einfallen lassen und die Choreografin Özlem Alkis mit ihrem Team aus Köln eingeladen. Alkis wurde in Istanbul geboren. Ihre Ausbildung erhielt sie am Centre Choréographique National de Montpellier, am Centre National de Danse in Anger sowie an der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Hier schloss sie mit einem Master für Tanzvermittlung im zeitgenössischen Kontext ab. Sie war Mitbegründerin und bis 2012 Co-Leiterin des Amber Art and Technology Festivals in Istanbul. Seit 2015 erarbeitet die Choreografin eigene Werke. Als eine der Künstlerischen Leiter wirkt sie in den Kölner Ehrenfeldstudios mit.
In Düsseldorf präsentiert sie nun ihr rund 50-minütiges Werk Reverbs – zu Deutsch: Hall – das Ende Oktober vergangenen Jahres in Köln uraufgeführt, einen Monat später in Bonn gezeigt wurde und nun nach einer einwöchigen Residenz im Tanzhaus in einer Weiterentwicklung auf die Bühne gebracht wird. Die Bühne ist in diesem Fall das Studio 6, ein Raum mit spartanischen Mitteln, der sonst gern für work-in-progress-Aufführungen genutzt wird, also für Präsentationen von „unfertigen“ Stücken, die sich noch weiterentwickeln sollen. Die Kölner Choreografen sind es aufgrund ihrer Arbeitsumfelder in der Domstadt gewohnt, sich auf kleine Räume mit geringen Mitteln einzurichten. Ob das einer echten Weiterentwicklung immer so förderlich ist, mag dahingestellt sein, in diesem Fall funktioniert es. Die improvisierte Tribüne ist abgeräumt, die Fenster sind verhängt. Stühle sind kreisrund, aber versetzt aufgestellt. Einfache Weißlicht-Scheinwerfer sind rundum an Traversen aufgehängt. In der hintersten Ecke ist ein Technik-Pult aufgebaut, an dem die Choreografin Platz genommen hat. Das Licht hat Dietrich Schuckliess sehr mutig eingerichtet. Nachdem die Zuschauer, unter ihnen gar eine Schülergruppe, Platz genommen haben, wird es dunkel. Die Tänzerinnen schleichen sich in die Schwärze des Raums.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Was jetzt beginnt, erinnert mitunter eher an ein workout im Fitness-Studio. Jennifer Döring, Philine Herrlein und Clara Müller absolvieren ein Programm, das selbst jungen, durchtrainierten Menschen Respekt abnötigen dürfte. Dampflokartig bewegen sich die Tänzerinnen im Dreivierteltakt mit schaufelnden Bewegungen zwischen den Stuhlreihen hindurch, ändern immer wieder die Spuren, tanzen in der „Arena“ auf die Zuschauer zu, ehe sie im letzten Moment ausweichen. Es gibt keine musikalische Untermalung, was zählt, ist der Rhythmus der stampfenden, entblößten Füße, der sich mit wechselnden Armbewegungen verstärkt. Folgen die Tänzerinnen anfangs noch einander, verwischen die Beziehungen zusehends, verselbstständigen sich die Tanzrichtungen der Akteure, ehe sie kurzzeitig wieder zu Zellknäueln zusammenzufinden. Schließlich verharren sie in beweglichen Skulpturen. Die Bewegungen verlangsamen bis zur Unkenntlichkeit. Nach einem weiteren Parforce-Ritt greifen die Tänzerinnen zu mannshohen Röhren, mit denen sie, wie auch immer, Töne einer Maultrommel in einer Klanginstallation produzieren. Als sich die Gruppe erneut knäuelt und nur noch die stampfenden Füße zu hören sind, erlischt das Licht. Der Rhythmus bleibt, von Bodenmikrofonen verstärkt.

Da fällt es nach einem langen Arbeitstag schwer, die Augen offenzuhalten, wenn man nicht meditationserfahren ist oder regelmäßig Yoga betreibt. Aber auch der Sekundenschlaf ist ja durchaus erholsam. Und so kann man erfrischt einem weiteren Antritt der Tänzerinnen folgen, zunehmend enthemmt verlieren die Tänzerinnen den Zusammenhalt. Statt Gleichklang steht nun die Ergänzung verschiedener Rhythmen im Vordergrund, ehe die drei sich noch einmal vereinigen. Schweißgebadet wiegen sich die drei Damen in ihrer Alltagskleidung in der Mitte des Runds. Alkis ist es bis hierhin gelungen, Dynamik und Energie bis zum Platzen im Raum aufzubauen. Es klickt in den Kehlen der Tänzerinnen, während sie sich rhythmisch auf der Stelle bewegen. Seidenblusen sind durchnässt, der Schweiß tropft den Akteuren von den Armen. Hätten hier weiter durchdachte Kostüme die Wirkung weiter verstärken können? Denkbar. Und im letzten Teil dieser aufregenden Choreografie schon wieder ad absurdum geführt. Denn endgültig geht das Licht aus, und es beginnt der Nachhall.
Erneut sind die Klänge der Maultrommel zu hören, ehe sie im Raum verteilt in ein Rauschen in den Röhren übergehen. Die Energie wandelt sich zu einem tiefen Seelenfrieden. Hier lässt jeder los. Am Ende der Aufführung fragt niemand mehr danach, was das Stück nun zu bedeuten hat, welche Botschaft ihm möglicherweise innewohnt. Und das ist eine starke Erfahrung. Alkis schafft es wirklich, dass man die Aufführung um der Aufführung willen erlebt. Keine Fragen mehr. Das ist subtil, wirkungsvoll und beeindruckend. Und ganz sicher ein gelungenes Ende der Spielzeit. Die neue Saison beginnt dann am 20. September mit einer Uraufführung der Choreografin, die sie gemeinsam mit dem Michael Douglas Kollektiv im Tanzhaus unter dem Titel Wir wollen verschwinden zeigt.
Was an diesem Abend an Echo bleibt, ist eindrucksvoll. Nach heftigem, aber kurzem Applaus, so kennen wir das beim zeitgenössischen Tanz, flieht das Publikum nicht den Saal. Im Gegenteil. Lange bleiben die Besucher noch sitzen. Harmonie liegt in der Luft. So geht man gern in die Sommerpause. Ein Wermutstropfen bleibt: Die Belichtungsstudien der Fotografin, die hier zu sehen sind, geben nicht einmal ansatzweise die Erfahrung dieses Nachhalls wieder.
Michael S. Zerban