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Rusalka ist die erfolgreichste und vorletzte Oper von Antonín Dvořák, die nach einem Libretto von Jarislav Kvapil im Jahr 1901 in Prag uraufgeführt wurde und einen in Europa verbreiteten Märchenstoff über eine Wassernixe verarbeitet und dabei Inhalte auch aus deutschen Erzählungen sowie Andersens Märchen Die kleine Meerjungfrau und La Motte Fouqués Undine schöpft. Seit 2008 ist die Oper in Düsseldorf nicht mehr auf dem Spielplan.
Der Stoff enthält zahlreiche Elemente, die geradezu nach einer modernen Interpretation oder nach einer kritischen Umdeutung verlangen, wenn auch das originale Märchen durchaus stimmige Illusionsräume für die Theaterbühne zu bieten in der Lage ist. Das Libretto zeichnet einerseits die vertraute Wasserwelt der Nixen und anderseits die fremde, verlockende wie enttäuschende Menschenwelt nach. Es wäre nicht der russische Regisseur Vasily Barkhatov, würde er es dabei belassen.
In der aktuellen Düsseldorfer Neuinszenierung, als Koproduktion mit der Oper Graz, verlegt Barkhatov die sagenumwobene Wasserwelt der Nixen in ein orthodoxes Kloster und das Schloss des Prinzen in eine rheinische Kaschemme. Schon zur Ouvertüre wird ein kleines Mädchen, Rusalka genannt, unter die Obhut eines Priesters und der Oberin eines Konvents gestellt. Die hohen Klosterwände, Zucht und Ordnung sollen fortan ihr Leben bestimmen. Für das Wasser, dem entscheidenden Lebenselement der Nixen, steht symbolhaft ein überdimensionales Taufbecken der Klosterkirche, und die Berührung mit Wasser ist stets Kraft- und Sehnsuchtsort einer heranwachsenden Rusalka. Aus dem Wassermann wird ein Pope, die Hexe Ježibaba ist die Mutter Oberin, die Nixen Novizinnen im Konvent, der Prinz ein Kneipier im Motorradoutfit, die fremde Fürstin eine berechnende Nymphomanin und die intrigante Hofgesellschaft ein ausgelassen feierndes Trüppchen im Rheinischen Karneval. Damit sind die Parameter der Neuinterpretation gesetzt und man darf gespannt sein, wie glaubhaft das Regieteam Dvořáks Spätwerk in die Gegenwart transponiert.

Christian Schmidt hat für die häufig wechselnden Spielorte und Szenarien ein komplexes Bühnenbild entworfen, dass sich effektvoll den jeweiligen Schauplätzen zuwenden kann und eine ansehnliche Dynamik in den Gesamtablauf zu bringen vermag. Eine zentrale Drehbühne wird im ersten Akt von einem Mädchenschlafsaal und einem orthodoxen Altarraum mit stimmungsvoll ausgemalten Ikonen und einem großen Taufbecken bestimmt. Auf der Rückseite des Altarraums befindet sich eine Doppeltüre, die einem Tabernakel gleich, Fenster zur Traumwelt der Rusalka wird. Im geöffneten Tabernakel steht gleißend, mit goldenem Wams und goldener Krone geziert eine männliche Gestalt, die Rusalka in die Menschenwelt zu entkommen verhilft. Dort trifft die orientierungslos erscheinende Rusalka auch gleich auf ihren Prinzen, der sie mit in seine Bar nimmt. Zuerst sind dort nur einige versprengte Gestalten zu sehen, im weiteren Verlauf bringt eine feucht-fröhliche Karnevalsfeier alle außer Rand und Band. Am Rande des Getümmels trifft man sich immer wieder auf der Toilette für allerlei Geschäfte, darunter Drogen konsumieren, Umkleiden und auch Anbandeln.
Genau das macht die fremde Fürstin, die es auf den Prinzen abgesehen hat und Rusalka eiskalt aussticht. Das sprachlose, unerfahrene Mädchen kann sich nicht behaupten und muss erkennen, dass sie in der verlogenen Menschenwelt keine Chance hat, sehnt sich zurück ins Kloster, das die Aufnahme jedoch verwehrt. Folglich ist sie hin- und hergerissen und steckt zwischen den Welten in einer Art Niemandsland fest. Der zwischenzeitlich ebenfalls geläuterte Prinz sucht ihre Nähe und Liebe um jeden Preis und sei es der Tod.
Die von Regisseur Barkhatov gewählte abgeschlossene und strenge Welt des Klosters erscheint als Pendant für die abgeschiedene, nicht greifbare Wasserwelt der Nixen durchaus plausibel. Handelt es sich doch um Orte, die von der Wirklichkeit der Welt nicht weiter entfernt sein könnten.
Die Vorstadtkneipe während der fünften Jahreszeit ist ebenfalls ein aufmerksam gewählter Ort für all das, was sich im Zusammenspiel menschlicher Niederungen ereignen kann. Die Polonaisen, die skurrilen Kostüme der Karnevalisten, das Gesaufe und Gegröle einer enthemmten Meute, es ist genau das, was die sehnsuchtsgetriebene Rusalka abstößt und zur Verzweiflung bringt und letztlich zerbrechen lässt. Einst aus ihrem unterkühlten und gefühlslosen Wasserreich geflohen, um die vermeintlich wärmende Liebe der Menschen zu erfahren, sieht sie sich gescheitert. Folgerichtig ist es ihr Wunsch, in die behütete Gemeinschaft des Klosters zurückkehren zu dürfen. Wie im wahren Märchen schlägt das Schicksal abermals grausam zu und der Weg zurück bleibt ihr versperrt. Sie hat die Konsequenzen zu tragen und Barkhatov lässt im dritten Akt das Leben Rusalkas noch einmal in Auszügen an ihr vorüberziehen, während sie selbst apathisch am Bühnenrand kauert. Die Rückblende beginnt mit dem kleinen Mädchen, das in den Konvent kommt, die Teenagerin, die kopfüber in das Taufbecken taucht, die junge Frau, die sich in die Hochglanzfotos der Illustrierten verguckt. Schließlich steht eine gescheiterte Rusalka einsam und verlassen auf der Bühne, der das Scheitern auf den Leib geschnitten zu sein scheint. Ist Rusalka von Beginn an ein sensibles, zartes Geschöpf, so zeigt sie sich am Ende gänzlich desillusioniert und gebrochen. Selbst die kaum mehr erwartete, bedingungslose Liebe des Prinzen hilft nicht, dem unausweichlichen Schicksal zu entrinnen. Es ist eine bewegend traurige Parabel auf ungestillte Sehnsucht nach der allesvereinenden, allesversprechenden idealisierten Liebe, die es aber weder im Märchen noch in der Realität zu geben scheint.
Die Kostüme von Kirsten Dephoff bleiben im klösterlichen Zuschnitt noch überschaubar geschlossen bevor sie in der realen Wirklichkeit einen Querschnitt bunter Gegenwartsgarderobe zusammenfindet. Der unermüdliche Eintänzer im grasgrünen Kermit-Kostüm ist da nur ein Akzent unter vielen, der polarisiert. Die Lichtregie von Alexander Sivaev verleiht dem Bühnengeschehen stimmungsvolle Konturen und eine zusätzliche atmosphärische Dichte. Es ist ungemein viel Material, das in dieser Produktion bebildert wird. Während komplexe Handlungsstränge gegen Ende meist zusammenführen, treibt die Inszenierung Barkhatovs immer neue enigmatische Knospen, die sich in Gänze kaum entfalten und erschließen lassen. Obwohl die Schauplätze des rigiden Klosterlebens und der verlotterten Fastnacht höchst trefflich gewählt sind, stürmt die Regie weit über das Ziel einer stimmigen Aktualisierung hinaus.
Die intensive, bis ins kleinste Detail gezeichnete Personenführung ist jedoch bemerkenswert. Die langsam rotierende Drehbühne ist mit viel Personal besetzt. Barkhatov versteht es, die Tableaus eindrucksvoll zu besetzen und zu bewegen. Dennoch bleibt der Gesamteindruck der opulenten Regiearbeit ambivalent und mit großen Fragezeichen behaftet.

Eine Sensation ist die Mezzosopranistin Nicole Chevalier als Rusalka. Ihre ungeschminkte, ungemein intensive Darstellung der Titelfigur ist stets fühlbar und grenzt an Schmerz. Die große Anspannung im Publikum entlädt sich dann auch am Ende in einen Bravosturm, den es an der Rheinoper in den letzten Jahren so nicht mehr gegeben hat. Furios ihre Bühnenpräsenz. Selten hat die Mond-Arie so berührt und verzaubert. Ungemein zart und geschmeidig im Piano. Enormes Aufblühen in der Höhe. Eine stimmgewaltige Charakterdarstellerin, deren Rollen- und Hausdebut zu einem wahren Siegeszug gerät.
Überwältigend auch Anna Harvey als strenge Ježibaba. Die Strahlkraft ihres dramatischen Mezzosoprans geht in die Glieder. Auch Sarah Ferede als fremde Fürstin zeigt sich ungemein spielfreudig und authentisch als leidenschaftliche Verführerin. Ihre schöne, dunkle Stimme ist dabei wunderbar ausbalanciert. Giorgi Sturua verfügt über beeindruckendes, gar gewaltiges Stimmmaterial, das es aber ein Stück weit zu domestizieren gilt. Enorm kraftvoll in der Höhe, aber ein wenig unstet in den zarteren, lyrischen Passagen. Sonor und durchdringend der profunde Bass von Luke Stoker als Wassermann, der auch über ein großes darstellerisches Repertoire verfügt.
Das Terzett der drei Nymphen ausgesprochen klangschön und ausgewogen besetzt mit Mara Gruseynova, Elisabeth Freyhoff und Katya Semenisty, denen auch schauspielerisch sehr viel abverlangt wird. Kimberley Boettger-Soller als Küchenjunge und Jorge Espino als Wildhüter sind hochkarätige Interpreten für die kleineren Rollen, die auch nur ein Haus dieser Größenordnung so kompetent besetzen kann. Abgerundet wird das intensiv spielende Ensemble von Henry Ross als Jäger.
Der Chor der Deutschen Oper am Rhein präsentiert sich in der Einstudierung von Patrick Francis Chestnut in allerbester Spiellaune und Form. Die schauspielerische Leistung ist bemerkenswert.
Die romantische, stark von Wagners Leitmotivik beeinflusste Musik Dvořáks strömt unter der Leitung von Harry Ogg wohldifferenziert aus dem Orchestergraben. Die Düsseldorfer Symphoniker entfalten einen rauschhaften Klangteppich, der mit seinen vielfältigen Nuancen allen Klangfarben der Partitur gerecht wird.
Nach gut dreieinhalb Stunden feiert das Publikum im nahezu ausverkauften Düsseldorfer Haus Solisten, Chor und Orchester stürmisch. Die Reaktionen auf das Regieteam sind ambivalent, wobei die Ablehnung überwiegt.
Bernd Lausberg