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Spannend erzähltes Schauermärchen

SCHADE, DASS SIE EINE HURE WAR
(Anno Schreier)

Besuch am
16. Februar 2019
(Urauf­führung)

 

Deutsche Oper am Rhein, Oper Düsseldorf

Noch vor der Urauf­führung der Kurzoper Mörder Kaspar Brand am 14. Juni 2012 im Düssel­dorfer Central, so will es die Legende, habe Intendant Christoph Meyer dem Kompo­nisten Anno Schreier einen weiteren Auftrag versprochen. Meyer hat Wort gehalten. Gerade mal gute sechs­einhalb Jahre später steht die nächste Urauf­führung eines Werkes von Schreier auf dem Programm der Deutschen Oper am Rhein. Eine zweistündige Oper mit dem Titel Schade, dass sie eine Hure war ruft beträcht­liches Publi­kums­in­teresse hervor.

Kerstin Maria Pöhler hat auf der Grundlage der Geschichte ‘Tis Pity She’s a Whore von John Ford, einem Zeitge­nossen William Shake­speares, ein Libretto verfasst, das von dem Geschwis­terpaar Annabella und Giovanni erzählt, die nicht nur Zwillinge, sondern einander auch sexuell zugewandt sind. Als die attraktive Annabella, die bislang sämtliche Heirats­be­werber aus ihrer Heimat­stadt Parma abgelehnt hat, weil sie doch ihren Bruder Giovanni liebt, schwanger wird, beginnt die Katastrophe. Quasi über Nacht wird der ursprünglich vom Vater festge­legte Heirats­kan­didat Soranzo akzep­tiert. Weil aber weder Giovanni noch Saranzo mit der geänderten Situation klarkommen, endet alles in einem Blutrausch.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Bis heute ist die Geschwis­ter­liebe, die in einer sexuellen Orien­tierung ausufert, straf­be­wehrt. Und so kann Regisseur David Hermann den zeitlichen Bogen weit spannen, war offenbar das inzes­tuöse Verhältnis doch bereits im 17. Jahrhundert als Tabu bekannt. Gleich­zeitig bringt er die vergiftete Atmosphäre in den Verhält­nissen zum Ausdruck, indem er den Fliegenpilz als zentrales Motiv einsetzt. Das Programmheft bringt hier erstaunlich wenig zustande. Da reicht es gerade mal zu einem Gespräch mit dem Kompo­nisten – was der Regisseur sich gedacht hat, bleibt außen vor. Statt­dessen gibt es Bilder­strecken und Zitate. Das zeigt mögli­cher­weise die Klugheit der Drama­turgin, dem Besucher hilft es kaum. Da ist Michaela Barth schon weiter, die für die Kostüme zuständig ist. Das Fliegen­pilz­motiv findet sich auch bei Annabella und Giovanni zunächst in ihren Kleidern wieder. Bergetto, ein angese­hener Bürger der Stadt, tritt wie Florio, Vater von Annabella und Giovanni, im Rokoko-Kostüm auf, Saranzo wie sein Diener im gegen­wär­tigen Anzug. Überall flirren die Zeitebenen. Das Spannungsfeld wird verstärkt auf der Bühne von Jo Schramm, der zunächst nur Bühnen­bild­ele­mente als Zeichen einer verwor­renen Situation mit einem übergroßen Fliegen­pilz­motiv im Vorder­grund zeigt, um im weiteren Verlauf zu einer eher natura­lis­ti­schen, histo­ri­schen Stadt­szene zu finden, vor der zwischen­zeitlich der moderne Konfe­renzraum hochge­zogen wird, der schon zuvor in verklei­nerter Form bei Bedarf von der Seite herein­ge­schoben wurde. Das Licht von Tobias Löffler unter­streicht mit kräftigen Farbtupfern die teils schaurige Atmosphäre. Hermann gibt also den Augen reichlich Futter, ohne zu überdrehen. Dass er in das doch aus morali­scher Sicht grauen­hafte Geschehen immer wieder – insbe­sondere in der Gestalt von Putana, Annabellas Amme – komische Momente einstreut, mag einer­seits wie beabsichtigt das Grauen in seiner Gegen­sätz­lichkeit zu verstärken, wirkt aber bisweilen auch schon mal absurd und stört damit die Kontem­plation ein wenig. Als Konzept aber funktio­niert es, zumal die Idee auch schlüssig durch­ge­halten wird.

Foto © Hans Jörg Michel

Überzeugend gestaltet Susan Maclean die Komik der Putana, die sehr passend in einem Kostüm auftritt, das an einen Clown erinnern könnten. Florian Simson hat mit Bergetto den zweiten komischen Part, den er liebevoll-tänze­risch absol­viert. Und Sergej Khomov muss den Trottel Grimaldi geben, was ihm, so weit es die Rolle erlaubt, gelingt.

Auch die übrigen Akteure können sich getrost einer glaub­wür­digen, niemals langwei­ligen und vollständig ohne Rampen­gesang auskom­menden Perso­nen­führung anver­trauen und so ein äußerst gelun­genes Schau­spiel abliefern. Der gelun­genste Augen­blick ist dann tatsächlich ein Moment des Still­stands, als nämlich Hermann zu Beginn des vierten Aktes ein präch­tiges Tableau des Hochzeits­festes abliefert. Das ist Augen­schmaus pur und wirkt wohl auch deshalb besonders stark, weil es in der Bewegung ansonsten keinen Still­stand gibt. Gleichwohl sich die gesang­liche Leistung bei einer Urauf­führung der Beurteilung weitest­gehend entziehen muss, klingt das zu Hörende durchweg überzeugend und wohlge­formt. Insbe­sondere Sami Luttinen scheint die Rolle von Soranzos Diener Vasquez in die Kehle geschrieben zu sein. Sehr schön scheinen auch die – einzigen – Kolora­turen auf, die Paula Iancic als Philotis formvoll­endet präsen­tiert. Durch die Bank weg sind die Figuren wunderbar besetzt. Beginnend mit Lavinia Dames, die eine absolut glaub­hafte Annabella gibt. Ihr Zwillings­bruder Giovanni, wild und verwegen, ein Trotzkopf, wird ausge­zeichnet von Jussi Myllys mit stroh­blonder Perücke gezeigt. Vater Florio, in der Rolle eher als Wasser­träger angelegt, bekommt mit der großar­tigen Stimme von Günes Gürle einen kräftigen Schub. Richard Šveda zeigt auch im Straßen­anzug noch ganz den Edelmann Soranzo. Bogdan Taloȿ verleiht den Drohungen des Mönchs mit rundem, dunklem Bass den nötigen Schauer. Als angeb­licher Arzt Richar­detto kann David Jerusalem in kurzen Auftritten glänzen. Und ein beson­derer Höhepunkt sind Stimme und erotisch anmutendes Erschei­nungsbild von Sarah Ferede.

Spiel­freude darf auch der Chor in seinen histo­risch anmutenden Kostümen zeigen, der von Hermann sehr gelungen bewegt wird und in der Einstu­dierung von Patrick Francis Chestnut stimmlich für die beabsich­tigte Empörung sorgt.

Neben einer stimmigen Insze­nierung überzeugt die erstmals zu hörende Musik von Anno Schreier. Er verzichtet bewusst darauf, das Rad neu zu erfinden, sondern reiht Zitate anein­ander, die aber immer wieder überra­schend aufgelöst werden, so dass der Hörer das Gefühl bekommt, sich in Bekanntem wohlfühlen zu dürfen, ohne auf Neues verzichten zu müssen. Ja, hier darf man im besten Sinne von einer Fortschreibung der Oper in die Neuzeit sprechen. Dass es ihm dabei gelingt, den Charakter einer Schau­er­musik mit ihren atmosphä­ri­schen Beson­der­heiten durch­zu­halten, ist das Sahne­häubchen auf einem Werk, das sich so gekonnt in das Gesamt­kunstwerk Oper einfügt, dass man sich nicht so recht vorstellen kann, ob sie überhaupt allein funktio­nieren könnte. Besseres kann man wohl kaum über die Musik einer Oper sagen. Und so darf man dem Kompo­nisten zu einer überaus geglückten Partitur gratu­lieren, die sich als absolut reper­toire­tauglich erweist. Hier keimt die Hoffnung auf, eine Urauf­führung erlebt zu haben, die auch an anderen Häusern ihren Fortgang erleben darf und nicht nach den Vorstel­lungen am Düssel­dorfer Haus wieder in der Versenkung verschwindet.

Dazu trägt die hervor­ra­gende Leistung der Düssel­dorfer Sympho­niker unter Leitung von Kapell­meister Lukas Beikircher bei. Man glaubt, förmlich die Freude zu hören, mit der die Musiker ans frische Werk gehen. Hin und wieder schießt das auch mal über die rechte Lautstärke hinaus, aber weil es die Ausnahme bleibt, nimmt man das gern in Kauf. Ebenfalls lobend zu erwähnen ist die Banda, die erst im letzten Auftritt zeigen darf, dass die vorher gehörten Fehler gewollt gespielt waren und es sich auch bei diesem Quartett um ausge­zeichnete Bläser handelt.

Das Publikum im sehr gut besuchten Saal, darunter etliche Kompo­nisten und Inten­danten, ist mit allen gezeigten Leistungen des Abends außer­or­dentlich zufrieden und bedankt sich mit langan­hal­tendem Applaus, unter den sich auch vereinzelt Bravo-Rufe mischen.

Michael S. Zerban

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