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Italienischer Nachmittag

MARIO UND DER ZAUBERER
(Thomas Mann)

Besuch am
27. Januar 2019
(Einmalige Aufführung)

 

Schloss-Konzerte Eller, Düsseldorf

Es gehört zu den Annehm­lich­keiten eines Sonntag­nach­mittags, wenn am Abend kein Theater- oder Opern­besuch ansteht, auch mal eine kleinere Veran­staltung zu besuchen. Hier findet man oft Perlen einer großen Kunst, die mit geringen Mitteln einem überschau­baren Perso­nen­kreis – oft an inter­es­santen Orten – vorge­stellt werden. Ein schönes Beispiel dafür sind die Schloss-Konzerte Eller. Jeweils am letzten Sonntag des Monats gibt es da Ausblicke in die unter­schied­lichsten Musik­rich­tungen. Neben Weltmusik, , Folk, kelti­scher Harfe oder Klezmer im März werden auch 1920-er Jahre Swing und Blues oder Chansons in diesem Jahr aufge­führt. Eröffnet wird der Reigen dieses Jahres aller­dings mit einer ungewöhn­lichen Veranstaltung.

Moritz Führmann – Foto © O‑Ton

Nach durchaus wechsel­voller Geschichte ist das ehemalige Rittergut heute ein Ort, der mit moderner Veran­stal­tungs­technik zu allen möglichen Anlässen wie Hochzeiten, Tagungen oder Kongressen Gelegenheit bietet, aber eben mit seinen histo­risch anmutenden Sälen auch Platz für kultu­relle Auffüh­rungen einräumt. Der umgebende Park wirkt in diesen Tagen ebenso trist wie jede andere Grünanlage, ist aber für die Sommertage sicher ein Geheimtipp. Der Arbeits­kreis Kultur sorgt dafür, dass in den alten Gemäuern auch die Kultur erhalten bleibt.

In diesem Jahr werden die Schloss-Konzerte Eller mit einer Lesung eröffnet. Einer Lesung der beson­deren Art. Der Schau­spieler Moritz Führmann ist angereist, um die Geschichte von Mario und der Zauberer von Thomas Mann vorzu­tragen. Ein tragi­sches Reise­er­lebnis will er erzählen und hat sich dabei großar­tiger Hilfe versi­chert. Die Mezzo­so­pra­nistin Eva Marti und der Pianist Klaus-Lothar Peters werden ihn wirkungsvoll unter­stützen, um von einer Erfahrung zu berichten, die teils schon psyche­de­lisch erscheint.

Ältere Mitmen­schen, und die sind an dem Nachmittag überwiegend erschienen, kennen die Geschichte natürlich ganz genau. Die haben sie schließlich in der Schule im Deutsch­un­ter­richt über sich ergehen lassen müssen. Aber offenbar hat sie über all die Jahre nichts von ihrer Faszi­nation verloren, denn der Saal ist nahezu bis auf den letzten Platz besetzt.

Klaus-Lothar Peters – Foto © O‑Ton

„Wie schön ist ein sonniger Tag, die klare Luft nach dem Sturm! Die frische Luft wirkt wie ein Fest.“ Eva Marti eröffnet den Abend mit dem vielleicht italie­nischsten aller italie­ni­schen Lieder, das eigentlich in Odessa entstand, aber bis heute als Sinnbild für die neapo­li­ta­nische Lebens­freude und Sehnsucht steht. ‘O sole mio wird bis heute besonders gern von Tenören geschmachtet, klingt aber auch aus weiblicher Kehle überzeugend, wie Marti beweist. Führmann beginnt seine düstere Erzählung und bringt die Zuschauer an den Badeort Torre di Venere am Tyrrhe­ni­schen Meer. Mit einer kurzen, aber zitaten­reichen Impro­vi­sation – und es ist mit Sicherheit eine der schönsten Einlagen des Abends – am auf den Klang einer Drehorgel umgestellten E‑Piano malt Klaus-Lothar Peters die Stimmung des Badeortes in den Klang­himmel unter der stuck­ver­zierten Decke des histo­ri­schen Saales. Und es gibt wohl keinen im Saal, der sich in diesem Moment nicht in einen Spätsommer der 1920-er Jahre zurück­ver­setzt fühlt. Von Anfang an macht Führmann keinen Hehl daraus, dass dieser Abend nicht so fröhlich enden wird, wie es das italie­nische Lebens­gefühl dieser Jahre vermitteln will.

Eva Marti – Foto © O‑Ton

Zwar ist das deutsche Ehepaar mit seinen beiden Kindern inzwi­schen gut bei Signora Angio­lieri unter­ge­kommen, bei der Beschreibung der Wirtin zeigen die Blicke Führmanns auf die schlanke, ja, schmale Gestalt der ganz in schwarz geklei­deten Sängerin zu seiner Seite, aber die immer noch anhal­tende Hitze beschwert den Aufenthalt. Die unwirk­liche Schönheit des Strandes langweilt nach wenigen Tagen, und die „inlän­di­schen Mittel­klasse-Touristen“, die den feinen Sand bevölkern, vermögen dem deutschen Ich-Erzähler mit ihrer ungezü­gelten Vitalität, von der Marti auch gleich ein gar scheuß­liches Beispiel einwirft, keine rechte Freude abgewinnen. Auch das politische Klima im faschis­ti­schen Italien jener Zeit sorgt kaum für Urlaubs­freude. Zusätzlich trübt eine Begegnung mit der moralin­sauren Obrigkeit die gute Laune.

Da hilft es, die Stimmung mit einem Rekla­melied zur Seilbahn auf den Vesuv aus dem Jahr 1880 zu heben. Funiculì, funiculà ist bis heute ein Gassen­hauer, auch wenn die besungene Seilbahn längst bei einem Ausbruch des Vulkans zerstört wurde. Fast scheint die Stimme Martis ein wenig zu fein für ein Lied, das man doch heute vorwiegend als Gegröle busrei­sender Kegel­brüder oder mindestens ebenso alkoho­li­sierter Karne­va­listen im Ohr hat. Also weiter in der Handlung, die mit dem Beginn der Zauber­ver­an­staltung allmählich an Fahrt aufnimmt. Nach dem ersten Auftritt des Illusio­nisten Cipolla und seinem „Duell“ mit einem jungen Burschen, das der Hypno­tiseur souverän gewinnt, ist Zeit für ein wenig Entspannung. Da hilft das etwa 500 Jahre alte Volkslied Tiritomba, mit dem die deutsche Sängerin Margot Eskens in den 1960-er Jahren große Erfolge feierte. Führmann gelingt es immer wieder mit feinen Akzenten, Modula­tionen und angedeu­teten Gesten, auch durch die nachfol­gende Schil­derung des Cipolla-Auftritts die Spannung aufrecht­zu­er­halten. Trotzdem kommt der Einwurf der Arietta Caro mio ben aus dem Jahr 1785 gerade recht. Und endlich ist die lyrische Stimme Martis in ihrer Heimat angekommen. Ihre Inter­pre­tation gelingt zum Hochgenuss. Die Aufführung des Hypno­ti­seurs schreitet wortreich weiter voran, bis Marti in der Begleitung von Peters das Lied anstimmt, mit dem Milva 1966 ein Riesen­erfolg gelang: Nessuna di voi – und damit das Publikum in die Pause entlässt.

Gibt es auf dieser Welt eine lyrische Sängerin, die es sich nehmen lässt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Arie Ombra mai fu aus Händels Xerxes vorzu­tragen? Wohl kaum. Aber bis zu diesem Wohlklang ist noch ein bisschen Zeit, in der Führmann die Dramatik analog zur Entwicklung der Geschichte langsam steigert. Und hatte Peters schon im ersten Teil kleinere Versatz­stücke von beispiels­weise Paolo Conte unterlegt, muss es nun das Love Theme von Nino Rota sein – besser bekannt als die Titel­me­lodie zum Kinofilm Der Pate. Wohl frei nach dem Motto: Der Hypno­tiseur hatte Mario ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte.

Zum drama­ti­schen Ende hin schließt Eva Marti mit einem weiteren Bravour­stück der Opern­ge­schichte ab. Ganz zart erklingt Quando m’en vo von Giacomo Puccini, auch bekannt als Musettas Walzer in La Bohème.

Ein wunder­barer, zweistün­diger Abend, der in der Form erstmalig aufge­führt wurde, geht zu Ende, und das Publikum bedankt sich mit reich­lichem Applaus. Viele der Gäste lassen es sich nicht nehmen, sich im Anschluss noch einmal persönlich bei den Akteuren zu bedanken, die selbst richtig glücklich sind, dass ihre Idee so gut angenommen wurde.

Michael S. Zerban

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