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DIE SCHÖNE MAGELONE
(Johannes Brahms, Robert Zeigermann)
Besuch am
20. Juni 2025
(Premiere)
Es ist wunderbar, dass sich das alljährlich stattfindenden Schumannfest der Tonhalle in Düsseldorf mehr und mehr in der Stadt ausbreitet. Und so kommt es zu einer grundsätzlich begrüßenswerten Zusammenarbeit mit dem Forum Freies Theater. Pech, dass die mit den Bemühungen der Stadt zusammenfällt, den nahegelegenen Worringer Platz zu „reinigen“. Denn seitdem bietet sich vor dem Eingang des KAP 1, also dem Gebäude, in dem sich die Zentralbibliothek und das FFT befinden, wenige Meter von dem Platz entfernt, ein mehr als unappetitliches Ambiente. Ein übler Gestank liegt in der Luft, der Platz sieht aus wie eine Müllkippe. Viele der Menschen, die vom Worringer Platz vertrieben wurden, finden sich jetzt hier wieder. Heute Abend im intensiven Gespräch mit dem Ordnungsamt, dessen Vertreter einen mehr als hilflosen Eindruck hinterlassen. Vor der Eingangstür Sicherheitsdienst. Nein, hier gefährdet niemand niemanden, allenfalls, dass man mal angesprochen wird. Und trotzdem hat niemand Lust, über eine Müllkippe ins Theater zu waten. Ein Ordnungsamt, das sich nicht in der Lage sieht, einen Platz sauber zu halten, sprich, mal einen Besen in die Hand zu nehmen oder mindestens jemanden zu informieren, der das erledigt, ist ein Armutszeugnis. Im FFT sei man sich des Problems bewusst und man bemühe sich um eine Lösung, ist zu hören. Hier, im ersten Obergeschoss des KAP 1, haben sich für die Zustände eine Treppe tiefer erstaunlich viele Menschen versammelt, um das Schumannfest zu feiern.

Musikalisches Theater hat sich Regisseur und Autor Robert Zeigermann mit Die schöne Magelone auf die Fahnen geschrieben. Seine Idee ist, die romantische Musik Johannes Brahms‘ über die Liebe eines Ritters und einer Prinzessin, die der Komponist in 15 Romanzen mit Kommentaren vertont hat, dem Zeitpunkt gegenüberzustellen, an dem die große Verliebtheit vorüber ist und es um das Überleben der Beziehung im Alltag geht. Üblicherweise findet Die schöne Magelone als vornehmer Liederabend statt, bei dem der Sänger vor dem Flügel steht und gern auch die Zwischentexte selbst spricht. Zeigermann hat den Aufwand deutlich nach oben geschraubt. Da gibt es nun gleich ein ganzes Musiktheater, das der Behauptung Brahms‘ folgt, er habe mit der Magelone seine Oper geschrieben, die er tatsächlich nicht komponiert hat. Dazu hat ihm Paulina Barreiro eine ungewöhnliche Bühne entworfen. Die Rückwand bildet eine weiße Folie, die sich sowohl für Projektionen als auch für Silhouetten-Spiele eignet. Davor sind, zu Beginn der Vorstellung in Malerfolie gehüllt, ein Flügel und ein Notenständer aufgebaut. Im Laufe der Handlung werden ein Schloss gebaut, das heißt, eine Pappe auf eine Leiter gehängt, reichlich Umzugskartons hereingetragen, eine Liege aus Pappe findet Platz, die später erweitert werden wird, und es gibt ein Regal, das nach Art des schwedischen Möbelhauses zusammengesteckt wird, auf dem dann sogar nachgebildete Bücher Platz finden.
Ähnlich fantasievoll hat Justine Loddenkemper die Kostüme entworfen. Leichte bequeme Kleidung, die mit Tüll und Accessoires wie selbstgebastelten Krönchen, Schleier und Brustpanzern angereichert werden. Dass es dazu Turnschuhe gibt, mag dem Zeitgeist geschuldet sein. Allerdings ist im Konzept von Zeigermann für die nunmehr fünf Personen auf der Bühne, nämlich zwei Sänger, zwei Darsteller und die Pianistin, die Notwendigkeit, sich zu bewegen, nicht eben überbordend. Wird gesungen, verschwinden die Darsteller im Halbdunkel und umgekehrt. Hin und wieder gibt es Schattenspiele oder eben den Zusammenbau des Regals, bei dem sich die Frau dem Mann hoch überlegen zeigt. So hat Zeigermann immer wieder auch mal etwas zum Schmunzeln eingebaut, selbst die mindestens viermalige Erwähnung, wie „krass“ etwas ist, kann man hier als running gag verstehen.

Dass die Sprache eine besondere Kunst ist, beweisen die Akteure in den gut anderthalb folgenden Stunden. Da sind zunächst die Mezzosopranistin Marie Seidler und Bariton Äneas Humm, die mit Wortverständlichkeit beim Liedvortrag begeistern. Hier braucht es tatsächlich keine Textvorlage für das Publikum, um die Inhalte zu verstehen. Die Stimmen beider Sänger sind ohnehin über jeden Zweifel erhaben, so dass die Besucher auch ohne die Parallelhandlung ganz auf ihre Kosten kommen, zumal sie am Klavier wunderbar von Shushan Hunanyan begleitet werden, die sich beim Spiel auch durchaus eine eigene Auffassung der Brahmsschen Musik leistet. Fenna Benetz und Ahmet Ilker sind im richtigen Alter, um das junge Paar zu verkörpern, das nach der großen Verliebtheit nun in das eigene Sommerschloss am Meer einzieht. Da es sich beim Ritter um einen Fahrensmann aus fremdem Land handelt, ist der überdeutliche Akzent des türkischstämmigen Darstellers eine Bereicherung – allein bei der Textverständlichkeit bleiben Wünsche offen. Der hat es allerdings, von Zeigermann verfasst, durchaus in sich, wechselt er doch von einem „altdeutschen“ Duktus erst allmählich in die Gegenwartssprache und gibt so auch den zeitlichen Verlauf der Handlung schön wieder.
Dass am Ende eine völlig neue Deutung der Ereignisse steht, um nicht zu sagen, eine komplette Umkehr, die dem überraschten Zuschauer eher wie ein Bruch der Beziehung aus heiterem Himmel erscheint, ist der Wermutstropfen des Abends. Zumindest für den, der sich bei allen Missverständnissen ein glückliches Ende erhofft hat. Was soll’s? Dem Publikum gefällt’s, das Ensemble darf mit der Gesamtleistung zufrieden und sicher sein, dem diesjährigen Schumannfest eine ganz besondere Note verliehen zu haben.
Michael S. Zerban