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Chor der Andreas-Kirche -Foto © O-Ton

Religiöses zum Auftakt

DIE SCHÖPFUNG
(Joseph Haydn)

Besuch am
12. September 2019
(Premiere)

 

Düsseldorf-Festival, Andreas-Kirche, Düsseldorf

Manchmal schreibt doch das Leben die schönsten Geschichten. Frederike Schulten ist in einer Musiker­fa­milie in Wesel aufge­wachsen. Früh erhielt sie Klavier- und Saxofon­un­ter­richt. Aber sie hat sich dem Gesang verschrieben, nimmt privaten Unter­richt bei Heidi Elisabeth Meier und entscheidet sich schließlich, in Rostock Gesang zu studieren. Gerade hat die Mezzo­so­pra­nistin ihren Bachelor bei Wolfgang Klose abgelegt, als der ihr erzählt, dass er demnächst in Düsseldorf auftreten werde. Zusammen mit dem Bass-Bariton Rolf A. Scheider und der Sopra­nistin Heidi Elisabeth Meier. Schulten ist begeistert. Alles passt. Zwei ihrer Lehrer bei einem gemein­samen Auftritt zu erleben, ist ja schon mal was. Zumal sie sich zum Auftritts­termin im Elternhaus aufhält, ehe sie sich demnächst in Frankfurt bei Thomas Heyer auf ihren Master vorbe­reitet. Tenor Klose hat dazu eine ganz andere Idee. Er telefo­niert mit dem Dirigenten Martin Fratz. Schnell ist der Plan gefasst, von dem Heidi Meier erst in letzter Sekunde erfahren wird. Und bei dem etwas mehr heraus­kommt als eine Freikarte zum Konzert.

Rolf A. Scheider – Foto © O‑Ton

Am Vorabend gab es die offizielle Eröff­nungs­feier, jetzt steht die Auftakt­ver­an­staltung für das Düsseldorf-Festival auf dem Programm. Tradi­tionell ist das eine Aufführung in der Andreas-Kirche in Düsseldorf. Die Kloster­kirche ist in Landes­besitz und wird seit 1972 von den Domini­kanern betreut. Die weltof­fenen und kultu­raf­finen Mönche sorgen dafür, dass die ehemalige Jesui­ten­kirche in der Altstadt ein leben­diger Ort der Begegnung auch über religiöse Gepflo­gen­heiten hinaus bleibt. Und so wird die unter Denkmal­schutz stehende Kirche in diesem Jahr für zwei Auffüh­rungen von Joseph Haydns Schöpfung heraus­ge­putzt und organi­siert. Die Organi­sation ist vorbildlich. Hier ist alles bis ins Kleinste ausge­schildert, so dass der Besucher­an­drang nicht einmal auffällt, weil alles vollkommen unauf­geregt abläuft. Wenige Minuten vor Beginn ist die Kirche bis in die Empore vollbe­setzt. Der hauseigene Chor wechselt pünktlich vom gegen­über­lie­genden Andreas-Saal in die Kirche, in der das Orchester bereits vor dem Altarraum Platz genommen hat. Irgendwie schafft hier drang­volle Enge eher so etwas wie ein Gefühl von Intimität. Nach einem Grußwort von Chris­tiane Oxenfort, eine der beiden Künst­le­ri­schen Leiter des Düsseldorf-Festivals, ziehen die vier Solisten ein. Vier? Für die Schöpfung braucht es drei Solisten. Hat Haydn so vorge­sehen. Oder doch nicht so ganz.

Es wird eine großartige Aufführung. Dirigent Fratz nimmt sich Zeit. Zwischen dem zweiten und dritten Teil gönnt er den Auffüh­renden minuten­lange Pausen. Und nicht nur den Akteuren. Auch für das Publikum schaffen die Lücken Tiefen­schärfe und Trans­parenz. Überhaupt ist Fratz ein Freund der Klarheit und Balance. Luzide unter­stützt das Orchester der Andreas-Kirche Sänger und Chor mit farben­froher Lautma­lerei, ohne sich nach dem ersten Pauken­schlag in den Vorder­grund zu drängen. Große Freude bereitet der Chor, der zwar herrlich aufbraust, aber nie versucht, die Akustik zu bezwingen. Und so entsteht eine echte Lobpreisung.

Heidi Elisabeth Meier – Foto © O‑Ton

Viel Vergnügen bereiten auch die Solisten. Rolf A. Scheider als Raphael und Wolfgang Klose als Uriel erzählen die Schöp­fungs­ge­schichte so akzen­tuiert und textver­ständlich, dass die Programm­hefte mit dem Text, die vorbildlich an jedem Platz ausgelegt sind, vielfach unberührt bleiben. Bei der Schaffung der Tierwelt liegt gar ein bisschen Schalk in der Luft, was dem alter­tüm­lichen Text guttut. Heidi Elisabeth Meier entführt das Publikum unange­strengt und sanft in lichte Höhen. Scheider und Meier übernehmen erwar­tungs­gemäß auch die Rollen von Adam und Eva im dritten Teil. Da verspürt man doch tatsächlich so ein leichtes Knistern zwischen den beiden, auch wenn der Text an dieser Stelle nun wirklich antiquiert ist. Immerhin verzichtet Librettist Gottfried van Swieten darauf, Adams Rippe zu erwähnen. Aber wenn Uriel im zweiten Teil auf die Abstammung Evas von Adam besteht – „An seinen Busen schmieget sich für ihn, aus ihm geformt, die Gattin, hold und anmutsvoll“ – vermag man sich ein Lächeln nicht verkneifen. Nun, zur Zeit der Entstehung des Werkes, Ende des 18. Jahrhun­derts, war das Weib dem Manne untertan.

Ganz selbst­be­wusst hingegen erhebt sich zum Schlussteil Frederike Schulten, um sich zu den Solisten zu gesellen. Bei anderen Auffüh­rungen wird diese vierte Stimme schlicht gestrichen oder von einer Chorsän­gerin übernommen. Hier bietet sich jetzt die wunderbare Gelegenheit, dass Lehrer und Schülerin auf einer Bühne stehen. Eine sehr schöne Geste, von der das Publikum gar nichts erfährt. Das aber erhebt sich nach dem Amen ganz beglückt, um sehr lange und sehr intensiv zu applau­dieren. Eine gelungene Einstimmung auf das Düsseldorf-Festival, das noch bis zum 30. September läuft.

Michael S. Zerban

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