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SCHUMANN 4
(Robert Schumann, René Staar)
Besuch am
3. Mai 2024
(Premiere)
René Staar ist ein österreichischer Komponist, Geiger und Dirigent. Geboren 1951 in Graz, absolvierte er ein umfangreiches Studium in Wien und Helsinki. Er absolvierte eine erfolgreiche Karriere als Geiger, gründete eigene Ensembles und komponiert von Kindesbeinen an. 2021 erhielt er einen Kompositionsauftrag der Düsseldorfer Tonhalle. Anlässlich eines Menschenrechtskonzerts von Adam Fischer sollte sein etwa 30-minütiges Werk aufgeführt werden. Dazu kam es nicht. Immer wieder verzögerte sich die Aufführung. Heute, am Tag der internationalen Pressefreiheit, soll es endlich so weit sein. Schwarzer Schnee ist ein kleines Oratorium über die Pressefreiheit.

So richtig aus dem Vollen schöpfen. Zweimal Schumann, einmal Staar. Letzterer mit Sopran, Sprecherin, vollem Orchester und Chor. Da ist die Hütte voll. Woran es genau liegt, wird man nicht herausfinden. Aber es fällt schon auf, dass etliche jüngere Menschen erschienen sind, die man nach der Uraufführung nicht mehr sieht. Der Reihe nach. Eröffnet wird der Abend mit der Ouvertüre zu Goethes Hermann und Dorothea. Irgendwann zwischen 1850 und 1852 entstanden, war sie wohl als Vorarbeit für ein Singspiel oder ein Oratorium gedacht. Dazu kam es bekanntlich nicht mehr. Das Reizvolle an der Ouvertüre ist die Mischung aus der Marseillaise und dem Hermann-Thema. 2010 wurde das zehnminütige Werk das letzte Mal in der Tonhalle aufgeführt, damals unter der Leitung von Andrey Boreyko. Jetzt steht David Reiland im kleidsamen Frack am Pult. Der überaus erfahrene Dirigent übt sich in großer Geste, zackigem Auftritt oder wagt auch schon mal tänzerische Schritte. Und er macht keinen Hehl daraus, dass er mit viel Freude arbeitet, wenn man dem strahlenden Lächeln Glauben schenken darf, mit dem er seine Musiker bedenkt.
Für den Schwarzen Schnee betritt der Chor des Städtischen Musikvereins die hintere Empore. Als Sopranistin hat die Tonhalle niemand Geringeres als Marisol Montalvo, bekannte Spezialistin für zeitgenössische Musik, und als Sprecherin die Burgschauspielerin Sylvie Rohrer gewinnen können. Zusätzlich nimmt am Cimbalom, der ungarischen Ausführung des Hackbretts, Enikő Ginzery Platz. Und damit kann die durchaus als dramatisch zu bezeichnende Aufführung beginnen. Montalvo intoniert das Gedicht Le moteur blanc – Der weiße Motor – von André du Bouchet. Eher düster-melancholisch gefärbt, geben die Zeilen die Tonalität des Werkes vor. Nach einem Intermezzo des Männerchors trägt Rohrer Zeilen aus einem Vorwort Cem Özdemirs zur deutschen Ausgabe von Aslı Erdoğans Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch vor. Erdoğan ist in Istanbul geboren. Heute lebt die Schriftstellerin, die sich unter anderem für Journalisten in Haft und die kurdische Minderheit in der Türkei einsetzt, in Deutschland. Staar hat die für die Sprecherin vorgesehenen Texte alle aus dem Buch entnommen und für die musikalische Tauglichkeit bearbeitet. Das verlangt Rohrer schon fast sängerische Fähigkeiten ab, die sie aber mühelos und eindrucksvoll bewältigt. Es sind nicht die Texte von gefangenen Journalisten, sondern das Leid derjenigen, die die Inhaftierten und Getöteten zurücklassen. Und so sind sie von Wut, Trauer und Verzweiflung geprägt.

Montalvo bekommt zwei weitere Gedichte – Non gridate più von Giuseppe Ungaretti und ein griechisches Werk von Jannis Ritsos – sowie Kantilenen zugewiesen, die sie gewohnt exzellent vorträgt. Der Mittelteil ist überschrieben mit Stele für ermordete Journalisten. „Wer schließt sie uns auf, jene Tore zur Wahrheit? Wer schützt all jene, die uns wissend machen und ehrt die, die dafür verfolgt und ermordet werden?“ leitet der Chor die beispielhafte Aufzählung von Journalisten ein, die sich Montalvo und Rohrer aufteilen, indem die Namen gesungen und das ihnen geschehene Unrecht gesprochen wird. So werden die, die vor- und nachher namenlos besungen werden, zur Konkretheit, die das Entsetzen noch größer werden lässt. Vielstimmig flankiert das Orchester das Geschehen und beschreibt das, was nicht gesagt werden kann, wenn es nicht die Stimmung der Worte unterstreicht. Das Publikum feiert nicht nur die Akteure auf der Bühne, sondern auch den Komponisten frenetisch.
Staar – und den Interpreten – gelingt etwas sehr Seltenes in der neuen Musik: Das Publikum ist aufgewühlt. Allerorten versuchen die Gäste in der Pause, das eben Gehörte in Worte zu fassen. Im Grunde wäre jetzt der rechte Zeitpunkt für ein Gespräch im Saal. Stattdessen wird die vierte Sinfonie von Robert Schumann aufgeführt. Romantische Musik vom Feinsten, wunderbar ausgeführt, aber im Nachgang zum Schwarzen Schnee doch nicht mehr als der misslingende Versuch einer Ablenkung und nach einer halben Stunde beendet.
Michael S. Zerban