O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Freiheitskampf

SCHUMANN 4
(Robert Schumann, René Staar)

Besuch am
3. Mai 2024
(Premiere)

 

Mendelssohn-Saal, Tonhalle, Düsseldorf

René Staar ist ein öster­rei­chi­scher Komponist, Geiger und Dirigent. Geboren 1951 in Graz, absol­vierte er ein umfang­reiches Studium in Wien und Helsinki. Er absol­vierte eine erfolg­reiche Karriere als Geiger, gründete eigene Ensembles und kompo­niert von Kindes­beinen an. 2021 erhielt er einen Kompo­si­ti­ons­auftrag der Düssel­dorfer Tonhalle. Anlässlich eines Menschen­rechts­kon­zerts von Adam Fischer sollte sein etwa 30-minütiges Werk aufge­führt werden. Dazu kam es nicht. Immer wieder verzö­gerte sich die Aufführung. Heute, am Tag der inter­na­tio­nalen Presse­freiheit, soll es endlich so weit sein. Schwarzer Schnee ist ein kleines Oratorium über die Pressefreiheit.

Foto © Susanne Diesner

So richtig aus dem Vollen schöpfen. Zweimal Schumann, einmal Staar. Letzterer mit Sopran, Sprecherin, vollem Orchester und Chor. Da ist die Hütte voll. Woran es genau liegt, wird man nicht heraus­finden. Aber es fällt schon auf, dass etliche jüngere Menschen erschienen sind, die man nach der Urauf­führung nicht mehr sieht. Der Reihe nach. Eröffnet wird der Abend mit der Ouvertüre zu Goethes Hermann und Dorothea. Irgendwann zwischen 1850 und 1852 entstanden, war sie wohl als Vorarbeit für ein Singspiel oder ein Oratorium gedacht. Dazu kam es bekanntlich nicht mehr. Das Reizvolle an der Ouvertüre ist die Mischung aus der Marseil­laise und dem Hermann-Thema. 2010 wurde das zehnmi­nütige Werk das letzte Mal in der Tonhalle aufge­führt, damals unter der Leitung von Andrey Boreyko. Jetzt steht David Reiland im kleid­samen Frack am Pult. Der überaus erfahrene Dirigent übt sich in großer Geste, zackigem Auftritt oder wagt auch schon mal tänze­rische Schritte. Und er macht keinen Hehl daraus, dass er mit viel Freude arbeitet, wenn man dem strah­lenden Lächeln Glauben schenken darf, mit dem er seine Musiker bedenkt.

Für den Schwarzen Schnee betritt der Chor des Städti­schen Musik­vereins die hintere Empore. Als Sopra­nistin hat die Tonhalle niemand Gerin­geres als Marisol Montalvo, bekannte Spezia­listin für zeitge­nös­sische Musik, und als Sprecherin die Burgschau­spie­lerin Sylvie Rohrer gewinnen können. Zusätzlich nimmt am Cimbalom, der ungari­schen Ausführung des Hackbretts, Enikő Ginzery Platz. Und damit kann die durchaus als drama­tisch zu bezeich­nende Aufführung beginnen. Montalvo intoniert das Gedicht Le moteur blanc – Der weiße Motor – von André du Bouchet. Eher düster-melan­cho­lisch gefärbt, geben die Zeilen die Tonalität des Werkes vor. Nach einem Inter­mezzo des Männer­chors trägt Rohrer Zeilen aus einem Vorwort Cem Özdemirs zur deutschen Ausgabe von Aslı Erdoğans Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch vor. Erdoğan ist in Istanbul geboren. Heute lebt die Schrift­stel­lerin, die sich unter anderem für Journa­listen in Haft und die kurdische Minderheit in der Türkei einsetzt, in Deutschland. Staar hat die für die Sprecherin vorge­se­henen Texte alle aus dem Buch entnommen und für die musika­lische Tauglichkeit bearbeitet. Das verlangt Rohrer schon fast sänge­rische Fähig­keiten ab, die sie aber mühelos und eindrucksvoll bewältigt. Es sind nicht die Texte von gefan­genen Journa­listen, sondern das Leid derje­nigen, die die Inhaf­tierten und Getöteten zurück­lassen. Und so sind sie von Wut, Trauer und Verzweiflung geprägt.

Foto © Susanne Diesner

Montalvo bekommt zwei weitere Gedichte – Non gridate più von Giuseppe Ungaretti und ein griechi­sches Werk von Jannis Ritsos – sowie Kanti­lenen zugewiesen, die sie gewohnt exzellent vorträgt. Der Mittelteil ist überschrieben mit Stele für ermordete Journa­listen. „Wer schließt sie uns auf, jene Tore zur Wahrheit? Wer schützt all jene, die uns wissend machen und ehrt die, die dafür verfolgt und ermordet werden?“ leitet der Chor die beispiel­hafte Aufzählung von Journa­listen ein, die sich Montalvo und Rohrer aufteilen, indem die Namen gesungen und das ihnen geschehene Unrecht gesprochen wird. So werden die, die vor- und nachher namenlos besungen werden, zur Konkretheit, die das Entsetzen noch größer werden lässt. Vielstimmig flankiert das Orchester das Geschehen und beschreibt das, was nicht gesagt werden kann, wenn es nicht die Stimmung der Worte unter­streicht. Das Publikum feiert nicht nur die Akteure auf der Bühne, sondern auch den Kompo­nisten frenetisch.

Staar – und den Inter­preten – gelingt etwas sehr Seltenes in der neuen Musik: Das Publikum ist aufge­wühlt. Aller­orten versuchen die Gäste in der Pause, das eben Gehörte in Worte zu fassen. Im Grunde wäre jetzt der rechte Zeitpunkt für ein Gespräch im Saal. Statt­dessen wird die vierte Sinfonie von Robert Schumann aufge­führt. Roman­tische Musik vom Feinsten, wunderbar ausge­führt, aber im Nachgang zum Schwarzen Schnee doch nicht mehr als der misslin­gende Versuch einer Ablenkung und nach einer halben Stunde beendet.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: