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So schön kann Depression sein

WINTERREISE
(Franz Schubert et al.)

Besuch am
30. Mai 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Schumannfest, Tonhalle Düsseldorf

Der Kopf gebeugt, die Schultern tragen eine schwere Last, die Bitternis ist ihm ins Gesicht geschrieben. So sieht jemand aus, der sich auf langer Reise mehr und mehr von sich und der Welt entfernt. Für Julian Prégardien gehört die feine, präzise Körper­arbeit zum Gesang. Und beides beherrscht er meisterhaft. Jetzt kommen die Besucher des Schumann­festes in der Tonhalle in den Genuss dieses Erlebnisses.

Ziemlich gewagt: Ein Lieder­abend an einem Feiertag im großen Konzertsaal der Tonhalle. Zwar lobt Intendant Michael Becker die Intimität des Parketts und lädt konse­quent auch die Gäste ein, sich in den „inneren Kreis“ zu setzen, die weiter wegsitzen. Aber mehr werden es davon auch nicht. Und die Akustik des Konzert­saals ändert sich auch nicht. Da fehlt es für zumindest diesen Lieder­abend schon deutlich an Wärme. Aber es hilft ja nichts. Offenbar standen in der Planungs­phase die anderen Auffüh­rungs­mög­lich­keiten in Düsseldorf nicht zur Verfügung. Und deshalb auf den Auftritt Prégar­diens und seines Klavier­be­gleiters Michael Gees zu verzichten, wäre, so viel kann man am Ende des Abends sagen, eine Schande gewesen.

Zumal die beiden nicht einfach nur die Winter­reise von Franz Schubert auf dem Programm haben, sondern mit einer origi­nellen Idee antreten, die bislang eher von Ragna Schirmer bekannt ist. In der Zeit, in der Clara Schumann als Pianistin ihre größten Erfolge feierte, hätte das Publikum es als Affront empfunden, wären ihm schlicht 24 Lieder von Schubert vorge­setzt worden. Null Unter­hal­tungswert. Also entwi­ckelten Schumann und der Bariton Julius Stock­hausen ein Abend­pro­gramm, das Prégardien und Gees nun wieder aufgreifen.

Foto © Susanne Diesner

Da werden in den Lieder­zyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller einfach mal andere Stücke einge­streut. Als besondere Würze wählen die heutigen Künstler nicht nur Werke aus, die auch von Schumann gespielt wurden, sondern Gees bietet auch noch eigene Impro­vi­sa­tionen an. Eine erste gibt es gleich nach den ersten beiden Liedern, also Gute Nacht und Die Wetter­fahne. Nach Gefrorne Tränen und Erstarrung spielt Gees die Sonate in c‑moll von Domenico Scarlatti. Weitere vier Lieder später – Der Lindenbaum, Wasserflut, Auf dem Flusse und Rückblick – gibt es die Gavotte in g‑moll von Johann Sebastian Bach. So gesellen sich noch zwei weitere Impro­vi­sa­tionen, Werke von Scarlatti und drei Stücke von Felix Mendelssohn Bartholdy hinzu. Ohne die Qualität des Klavier­spiels von Gees auch nur im Geringsten in Abrede zu stellen, wirkt das alles sehr brav und aus mehr oder minder einem Guss. Da könnte man sich stärkere Kontraste wirkungs­voller vorstellen.

Vermutlich weiß Prégardien selbst nicht einmal genau, wie oft er die Winter­reise schon darge­boten hat. Aber anders ist die Natür­lichkeit und Souve­rä­nität des Vortrags wohl kaum zu erreichen, die der Tenor hier zeigt. Und während sein Körper weiter zu verfallen scheint – das ist wirklich großartig gemacht, spätestens, wenn die rechte Hand noch einmal erschöpft das Rad der Leier allen­falls andeu­tungs­weise noch einmal dreht, ist auch drama­tur­gisch der absolute Höhepunkt erreicht – zieht er stimmlich alle Register. Eigentlich gilt bis heute Dietrich Fischer-Dieskau als Maß aller Dinge. Ob das im direkten Vergleich standhält, darf man nach diesem Abend zumindest mal bezweifeln. Das Publikum zumindest ist plötzlich komplett erkäl­tungsfrei und hat auch keine Zeit für wichtige Zwischen­mit­tei­lungen an den Nachbarn. Das vielleicht Schönste ist jedoch, dass Prégardien am Ende seines Vortrags die Körper­spannung hält und so das Publikum auffordert, noch einen Moment innezu­halten, um das eben Erlebte nachhallen zu lassen.

Dann aber lässt sich die lautstarke Begeis­terung nicht mehr bremsen. Laut hallen die Bravo-Rufe durch den Saal, bis Gees noch einmal vortritt und eine Zugabe ganz beson­derer Art ankündigt. „Die linden Lüfte sind erwacht, sie säuseln und weben Tag und Nacht“, so beginnt das Gedicht Frühlings­glaube von Ludwig Uhland aus dem Jahr 1812. „Die Musik dazu erfinden wir – jetzt“, sagt Gees. „Nun muss sich alles, alles wenden“, lässt der Sänger die letzten Worte des Gedichtes verklingen. Ein Vortrag von vollendeter Schönheit, den man nicht einmal diesen beiden Künstlern als bloße Eingebung des Moments abnehmen mag. Aber wen inter­es­siert das?

Ein wunder­barer Abend, der sich vor allem im zweiten Teil zu großer Blüte entfaltet, geht zu Ende. Das Schumannfest nicht. Bis zum 8. Juni sprudelt es in der bislang gezeigten bunten Vielfalt weiter. Da schmücken nicht nur „große Namen“, sondern auch abwechs­lungs­reiche Programme aus allen Zeiten seit Clara Schumann den Veran­stal­tungs­ka­lender. Als Fazit nach drei exempla­risch besuchten Auffüh­rungen bleibt festzu­halten: Ein altes Fest entwi­ckelt sich zu einem hochka­rä­tigen Klassik-Festival, in dem Aufbruch­stimmung spürbar wird.

Michael S. Zerban

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