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Foto © Peter van Heesen

Perfekte Choreografie

SHAME
(Maura Morales)

Besuch am
6. Dezember 2024
(Premiere)

 

Forum Freies Theater, Düsseldorf

Bereits am 11. Oktober konnte die Coope­rativa Maura Morales die Urauf­führung ihrer neuesten Produktion im Münste­raner Theater im Pumpenhaus feiern. Wie längst gewohnt: Beide Auffüh­rungen dort waren ausver­kauft und wurden mit stehendem Applaus gefeiert. Im November wurde das Stück im Heinz-Hilpert-Theater in Lünen auf die Bühne gebracht. Nun, zwei Monate später, wird Shame auch in der „Heimat“ des Ensembles, im Forum Freies Theater am Düssel­dorfer Haupt­bahnhof, gezeigt. Dabei scheint inzwi­schen egal zu sein, welchen Titel die Produktion trägt, solange nur Maura Morales drübersteht.

Tanzpu­blikum scheint perfekt sozia­li­siert zu sein. Thema und inhalt­liche Überle­gungen spielen keine Rolle, solange das Geschehen auf der Bühne gefällt. Im Forum Freies Theater gibt es – vielleicht deshalb – schon nicht einmal mehr einen Abend­zettel. Sollte sich mögli­cher­weise doch jemand für etwas anderes als die bewegten Körper inter­es­sieren, kann er ja ins Internet gehen. Da werden dann immerhin neben einem kurzen Werbetext noch die betei­ligten Personen aufge­führt. Auch die Kompanien zeigen immer unver­hoh­lener ihre Gleich­gül­tigkeit gegenüber dem Publikum. Eigentlich begrü­ßenswert, dass Choreo­grafen ihre Scheu vor dem Wort in der Verbindung mit Tanz ablegen, wird auf deutsche Sprache ebenso wenig Wert gelegt wie auf die Verständ­lichkeit des engli­schen Textes.

Foto © Peter van Heesen

Unter shame, pardon, Scham versteht man das Gefühl, bloßge­stellt zu werden oder zu sein. Maura Morales will sich dem peinlichen Gefühl, wie sie es nennt, „aus weiblicher Perspektive“ nähern. Das ist so legitim wie die Frage, die dem voran­gehen sollte und hier nicht gestellt wird. Denn nach gängiger Auffassung ist Scham ein angebo­rener Affekt, der bereits bei Säuglingen auftritt und sich nicht geschlechts­be­zogen äußert. Des Weiteren will das Stück „dekon­struktiv hinter­fragen“, welche Rolle dem Betrachter und dem Betrach­teten zukommt. Dabei wird das Publikum einge­laden, „sich diesem Wechsel­spiel von Scham und Offenheit zu stellen und dabei die eigenen Grenzen von Privatheit und Öffent­lichkeit, Intimität und Fremdheit, Selbst- und Fremd­wahr­nehmung“, ja, was? Ist auch nicht so wichtig, denn das Publikum ist ja gekommen, um den Tanz zu sehen.

Die Bühne ist leer, die Seiten­bühnen sind offen. Auf dem Hinter­grund ist eine Leinwand angebracht, auf der inter­mit­tierend Projek­tionen von Manfred Borsch zu sehen sind, die man eher als ästhe­ti­sie­rende Erotik denn als künst­le­rische Visua­li­sierung eines Scham­ge­fühls inter­pre­tieren möchte. Gerne nutzt Licht­de­si­gnerin Grace Morales Suso solche Gelegen­heiten, um die Tänze­rinnen in Dunkelheit zu tauchen.

Anhänger der Coope­rativa kennen die Tänze­rinnen aus voran­ge­gan­genen Produk­tionen. Kira Metzler, Giulia Rosso, Einav Berkovich und Martha Gardner bestreiten den Abend. Die Perfektion des Tanzes begeistert bei jeder einzelnen. Diszi­pli­niert bis in die Haarspitzen zeigen die Damen immer neue Einfälle der Choreo­grafin, abgezirkelt und auf den Zenti­meter vermessen bewegen sie sich über weite Strecken auf dem Boden, gefallen sich später in roboter­haften Bewegungen, die von den Stereo­typen gekonnt abweichen, oder lassen sich auf immer neue Figuren­kon­stel­la­tionen ein. Und das außer­or­dentlich schamlos. Morales hat die Kostüme diesmal selbst entwi­ckelt. Da treten die Tänze­rinnen in weißen Hosen und mit weißem Pflaster verklebten Brüsten auf. Später tragen sie weiße Westen. Allein, wo hier die Ausein­an­der­setzung mit Scham aus weiblicher Sicht statt­findet, ist zumindest für den alten weißen Mann nicht einmal dann erkennbar, wenn rote Papier­schnitzel auf die Bühne gestreut werden.

Ebenso begeis­ternd wie der Tanz ist die Musik von Michio Woirgardt, die, so ist in Proben­be­richten zu lesen, minutiös auf die Choreo­grafie und deren Erfor­der­nisse angepasst ist. Wermuts­tropfen ist sicher, dass die Musik nicht wie gewohnt von Woirgardt selbst aufge­führt wird, sondern von der Festplatte kommt. Da geht doch Authen­ti­zität verloren.

Wenn die Tänze­rinnen, nunmehr lediglich mit Schlüpfern bekleidet, zum Standbild erstarren, könnte die Botschaft lauten, dass die Scham überwunden ist. Das wäre ja dann noch eine gute Nachricht, die auch in Düsseldorf im Stehen beklatscht wird.

Michael S. Zerban

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