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Bereits am 11. Oktober konnte die Cooperativa Maura Morales die Uraufführung ihrer neuesten Produktion im Münsteraner Theater im Pumpenhaus feiern. Wie längst gewohnt: Beide Aufführungen dort waren ausverkauft und wurden mit stehendem Applaus gefeiert. Im November wurde das Stück im Heinz-Hilpert-Theater in Lünen auf die Bühne gebracht. Nun, zwei Monate später, wird Shame auch in der „Heimat“ des Ensembles, im Forum Freies Theater am Düsseldorfer Hauptbahnhof, gezeigt. Dabei scheint inzwischen egal zu sein, welchen Titel die Produktion trägt, solange nur Maura Morales drübersteht.
Tanzpublikum scheint perfekt sozialisiert zu sein. Thema und inhaltliche Überlegungen spielen keine Rolle, solange das Geschehen auf der Bühne gefällt. Im Forum Freies Theater gibt es – vielleicht deshalb – schon nicht einmal mehr einen Abendzettel. Sollte sich möglicherweise doch jemand für etwas anderes als die bewegten Körper interessieren, kann er ja ins Internet gehen. Da werden dann immerhin neben einem kurzen Werbetext noch die beteiligten Personen aufgeführt. Auch die Kompanien zeigen immer unverhohlener ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Publikum. Eigentlich begrüßenswert, dass Choreografen ihre Scheu vor dem Wort in der Verbindung mit Tanz ablegen, wird auf deutsche Sprache ebenso wenig Wert gelegt wie auf die Verständlichkeit des englischen Textes.

Unter shame, pardon, Scham versteht man das Gefühl, bloßgestellt zu werden oder zu sein. Maura Morales will sich dem peinlichen Gefühl, wie sie es nennt, „aus weiblicher Perspektive“ nähern. Das ist so legitim wie die Frage, die dem vorangehen sollte und hier nicht gestellt wird. Denn nach gängiger Auffassung ist Scham ein angeborener Affekt, der bereits bei Säuglingen auftritt und sich nicht geschlechtsbezogen äußert. Des Weiteren will das Stück „dekonstruktiv hinterfragen“, welche Rolle dem Betrachter und dem Betrachteten zukommt. Dabei wird das Publikum eingeladen, „sich diesem Wechselspiel von Scham und Offenheit zu stellen und dabei die eigenen Grenzen von Privatheit und Öffentlichkeit, Intimität und Fremdheit, Selbst- und Fremdwahrnehmung“, ja, was? Ist auch nicht so wichtig, denn das Publikum ist ja gekommen, um den Tanz zu sehen.
Die Bühne ist leer, die Seitenbühnen sind offen. Auf dem Hintergrund ist eine Leinwand angebracht, auf der intermittierend Projektionen von Manfred Borsch zu sehen sind, die man eher als ästhetisierende Erotik denn als künstlerische Visualisierung eines Schamgefühls interpretieren möchte. Gerne nutzt Lichtdesignerin Grace Morales Suso solche Gelegenheiten, um die Tänzerinnen in Dunkelheit zu tauchen.
Anhänger der Cooperativa kennen die Tänzerinnen aus vorangegangenen Produktionen. Kira Metzler, Giulia Rosso, Einav Berkovich und Martha Gardner bestreiten den Abend. Die Perfektion des Tanzes begeistert bei jeder einzelnen. Diszipliniert bis in die Haarspitzen zeigen die Damen immer neue Einfälle der Choreografin, abgezirkelt und auf den Zentimeter vermessen bewegen sie sich über weite Strecken auf dem Boden, gefallen sich später in roboterhaften Bewegungen, die von den Stereotypen gekonnt abweichen, oder lassen sich auf immer neue Figurenkonstellationen ein. Und das außerordentlich schamlos. Morales hat die Kostüme diesmal selbst entwickelt. Da treten die Tänzerinnen in weißen Hosen und mit weißem Pflaster verklebten Brüsten auf. Später tragen sie weiße Westen. Allein, wo hier die Auseinandersetzung mit Scham aus weiblicher Sicht stattfindet, ist zumindest für den alten weißen Mann nicht einmal dann erkennbar, wenn rote Papierschnitzel auf die Bühne gestreut werden.
Ebenso begeisternd wie der Tanz ist die Musik von Michio Woirgardt, die, so ist in Probenberichten zu lesen, minutiös auf die Choreografie und deren Erfordernisse angepasst ist. Wermutstropfen ist sicher, dass die Musik nicht wie gewohnt von Woirgardt selbst aufgeführt wird, sondern von der Festplatte kommt. Da geht doch Authentizität verloren.
Wenn die Tänzerinnen, nunmehr lediglich mit Schlüpfern bekleidet, zum Standbild erstarren, könnte die Botschaft lauten, dass die Scham überwunden ist. Das wäre ja dann noch eine gute Nachricht, die auch in Düsseldorf im Stehen beklatscht wird.
Michael S. Zerban