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Mit Dampflok und Fahrrad

SIEGFRIED
(Richard Wagner)

Besuch am
7. April 2018
(Premiere)

 

Deutsche Oper am Rhein, Opernhaus Düsseldorf

Der in Wotans Wohnzimmer gestrandete Kampf­hub­schrauber am Ende der Walküre deutete bereits an, dass Dietrich W. Hilsdorf seine Werksicht des Nibelungen-Rings als „Familien-Saga“ oder gar als Kammeroper nicht bis zum Ende der gewal­tigen Tetra­logie durch­ziehen kann. Im Siegfried, dem dritten und vorletzten Teil des Mammut-Projekts, öffnet Hilsdorf in seiner Neuin­sze­nierung im Düssel­dorfer Opernhaus langsam die Werkstore zu einer Ring-Deutung, die wenigstens ansatz­weise die Schat­ten­seiten der indus­tri­ellen Revolution und damit die vor Profit, Lieblo­sigkeit und ökolo­gi­scher Rücksichts­lo­sigkeit warnenden Botschaften des Werks erkennen lassen.

Das schlägt sich, etwas plakativ, in einer gewal­tigen Dampf-Lokomotive nieder, in die sich Fafner mit dem Nibelun­gen­schatz zurück­zieht. Gegen die Lok kann freilich auch Siegfrieds Wunder­schwert Nothung nicht viel ausrichten. Also sticht er Fafner im Führerhaus ab. Und der gutbür­ger­liche Salon, der die ersten beiden Teile des Rings beherrschte, erweitert sich im Bühnenbild von Dieter Richter zum Vorhof eines Ringlok­schuppens, hinter dessen Mauern Fafner schläft und lauert.

Brünn­hilde muss ihren Dornrös­chen­schlaf derweil im Cockpit des Kampf­hub­schraubers absol­vieren. Etwas unbequem nicht nur für die Maid, sondern auch für Siegfried, der damit nicht nur mit puber­tären Problemen zu kämpfen hat, wenn es um den erlösenden Kuss geht, sondern auch mit prakti­kablen. Und der Fortschritt hat auch Wotan eingeholt, wenn er nicht mehr auf einem Ross durch die Lüfte schwebt, sondern sich eines Fahrrads bedient. Einer der wenigen ironi­schen Farbtupfer der Inszenierung.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Reaktionen des Premieren-Publikums, das teils begeistert jubelte, teils auch vehement gegen Hilsdorfs Insze­nierung rebel­lierte, wirken in beiden Fällen überzogen. Gewiss geht Hilsdorf in den letzten Jahren immer zahmer mit den Stücken um. Das brave, teils stereotyp steife Ergebnis stellt Besucher zufrieden, die Hilsdorfs gerad­linige Nacher­zählung mit ihrem Wieder­erken­nungswert schätzen, enttäuscht jedoch Opern­freunde, die sich mehr Origi­na­lität und szeni­schen Schwung erhoffen.

Foto © Hans Jörg Michel

Dass Hilsdorf das Handwerk der Perso­nen­führung beherrscht, ist kein Geheimnis. Das schlägt sich freilich in zu wenigen Höhepunkten nieder wie etwa der Begegnung Wotans mit Erda oder dem Zwist zwischen Wotan und Siegfried. Auch für die Eskapaden Mimes im ersten Akt und die üblen Launen des jungen Siegfrieds zeigt Hilsdorf ein sensibles Händchen. Aber Szenen wie das lange Wanderer-„Quiz“ oder die Schmie­de­lieder im ersten Akt und vor allem die erwachende Liebe zwischen Siegfried und Brünn­hilde im Finale präsen­tieren sich bei Hilsdorf lediglich als steifes Steh- und Sitztheater.

Axel Kober am Pult der Düssel­dorfer Sympho­niker führt einer­seits sehr rasant durch die Partitur, wobei er, nicht sehr sänger­freundlich, die dynami­schen Schleusen voll aufdreht und ein raues, alles andere als kulti­viert ausge­feiltes Klangbild bietet, drosselt in den ruhigeren Passagen dagegen den Ablauf fast bis zum Still­stand. Bewun­dernswert, mit welcher Kondi­ti­ons­stärke Michael Weinius in der Titel­partie diesem Druck standhält und in der Schluss­szene die eksta­ti­schen Töne sicherer trifft als die ausge­ruhte Linda Watson als Brünn­hilde, die jeden Spitzenton zu tief intoniert. Insgesamt kann sich die Besetzung des neuen Siegfried hören lassen. Neben Weinius glänzt vor allem Cornel Frey als Mime, der die Rolle voll und rund aussingt, ohne es an einer pointierten Charak­te­ri­sierung der grotesken Figur mangeln zu lassen. Okka von der Damerau gestaltet die kleine Partie der Erda mit samtweichem Wohlklang, Elena Sancho Pereg gelingen die vokalen Höhen­flüge des Waldvogels mühelos, Thorsten Grümbel stattet den Fafner mit der nötigen Tiefen­schwärze aus und Simon Neal erweist sich erneut als Wotan mit nobler Stimm­kultur. Lediglich Jürgen Linn als Alberich fällt mit unschönen Vokal­ver­fär­bungen etwas ab.

Das endgültige Urteil über den neuen Ring der Rheinoper kann erst fallen, wenn der Vorhang nach der Götter­däm­merung gefallen ist. Premieren-Datum ist der 27. Oktober dieses Jahres in Düsseldorf.

Pedro Obiera

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