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DER SILBERPRINZ
(Jörg Udo Lensing)
Besuch am
11. Januar 2018
(Uraufführung)
Die Krankheit unserer heutigen Städte und Siedlungen ist das traurige Resultat unseres Versagens, menschliche Grundbedürfnisse über wirtschaftliche und industrielle Forderungen zu stellen“, schrieb Walter Gropius 1956. Wie dramatisch dieses Versagen ist, können wir uns nicht nur heute in vielen Städten anschauen. Vielmehr entfaltet es eine geradezu tragische Bedeutung, wenn wir uns Gropius‘ Leben anschauen, dessen größter Antrieb war, für Menschen zu bauen. Die Möglichkeit dazu bietet jetzt das Theater der Klänge. Dessen Künstlerischer Leiter, Jörg Udo Lensing, hätte keinen besseren Ort für die Uraufführung des Stückes Der Silberprinz als den Collenbach-Saal finden können. Der Gemeindesaal der evangelischen Kreuzkirche in Düsseldorf wurde 1929⁄30 erbaut und ist als repräsentatives Beispiel des „neuen Bauens“ denkmalgeschützt.
Alles auf Anfang. Wir schreiben das Jahr 1919. Die Monarchie in Deutschland ist beendet. Der Kaiser im Exil. Das Land steht vor dem Aufbruch, erholt sich von den Schrecken des Krieges, von dem zu diesem Zeitpunkt keiner ahnt, dass er einmal der Erste Weltkrieg würde genannt werden müssen. Henry van de Veldes, Direktor der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst, schlägt als seinen Nachfolger einen 36-Jährigen vor, der sein Architekturstudium ohne Diplom abgebrochen, aber erste Berufserfahrungen bei Peter Behrens neben Mies van der Rohe und Le Corbusier gesammelt hatte. Walter Gropius führte die Hochschule und die Kunstgewerbeschule unter dem Namen Staatliches Bauhaus in Weimar zusammen. Damit begann eine beispiellose Ära der modernen Architektur, die bereits 1930 formal wieder endete, tatsächlich aber bis heute als Mythos fortwirkt. Regisseur Lensing, der vor Beginn des Drehbuchs im Bauhausarchiv Berlin sowie den Bibliotheken der Universität Weimar und der Stiftung Bauhaus Dessau ein intensives Quellenstudium betrieb, was dem Stück im positiven Sinne anzumerken ist, hat aus den Protokollen der Meisterrats-Sitzungen, aus Reden und allgemeinen biografischen Anmerkungen ein Werk erschaffen, das den Zuschauer fordert, ihm aber einen unvergesslichen Einblick in das Leben dieses ganz besonderen Menschen Walter Gropius liefert. In neun Bildern und 30 Szenen zeigen sechs Schauspieler in unzähligen Rollen ein Porträt, das man in dieser Eindringlichkeit selten findet. Ob die gescheiterte Ehe mit Alma Mahler, die spätere glückliche, aber kinderlose Ehe mit Ilse Frank, Partys oder die alltägliche Auseinandersetzung mit der Politik: Es gibt wohl kaum etwas, das bei dieser Prosektur außen vor bleibt.
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| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Selbstverständlich ist das Bühnenbild beherrscht von kubischen Elementen. Daneben finden sich ein paar Tische, wenige Dekorationsgegenstände. Im Hintergrund befindet sich eine Projektionsfläche, auf der Lensing wertvolle Hintergrundinformationen und Fotos einblendet. Allein die Videoarbeit ist preisverdächtig. Markus Schramma sorgt mit begrenzten Mitteln für das Licht, schafft aber immer wieder großartige Effekte. Von überragender Qualität sind die Kostüme, die ganz wunderbar die 1930-er Jahre wiedergeben, häufig in rasender Geschwindigkeit gewechselt werden müssen und auf den Punkt typisieren.

23 Rollen müssen die sechs Schauspieler besetzen, und alle gelingen formidabel. Am eindrucksvollsten András Soskó als Walter Gropius, der den Silberprinzen, wie der Architekt wegen seiner früh ergrauten Haare und der „preußischen“ Erscheinung genannt wurde, in typischen Bewegungen filigran nachzeichnet, wenn auch vielleicht ein wenig milder als im tatsächlichen Leben. Fantastisch in ihrer Spielfreude, bezaubernd im Auftritt, mal ein wenig frivol, mal keck, dann auch liebevoll und einfühlsam bis hin zur gekonnten dramatischen Pose: Miriam Gronau kann hier alle Seiten ihres Könnens zeigen, und das gelingt ihr mit überwältigendem Verve. Manuel Rittich gefällt ganz besonders in der Rolle des Oskar Schlemmer, den er als überdrehtes Bühnentier gibt und damit bei aller Ernsthaftigkeit auch komische Elemente ins Spiel bringt. Aber auch die übrigen Rollen, vor allem den Dessauer Bürgermeister Hesse, nimmt man ihm gerne ab. Ebenfalls großartig ist Simon Fleischhacker zu erleben, der Typen wie Max Thedy, Lyonel Feininger oder Hannes Meyer, den Nachfolger Gropius‘ in idealer Weise verkörpert. Raoul Migliosi glänzt vor allem als László Moholy-Nagy, einer der Lehrer am Bauhaus, den Gropius als seinen Nachfolger bevorzugt hätte.
Regisseur Lensing gelingt es, nicht nur die Verdienste von Bauhaus und Gropius zu zeigen, sondern vor allem auch den Nervenkrieg im ständigen Kampf um seine Person und die Institution. Der Vergleich zum Überlebenskampf etlicher Theaterhäuser drängt sich auf. Anstrengend wird es für den Zuschauer vor allem deshalb, weil das zweieinhalbstündige Stück sehr textlastig ist. Die mosaikartige Zusammensetzung der Szenen erfordert höchste Konzentration. Belohnt wird man trotz etlicher Rampen-Ansprachen mit emotionalen Momenten und Hintergrundeinblicken. Trotzdem: Mehr dieser wunderbaren Musik- und Tanzeinlagen hätten sicher nicht geschadet. Insgesamt bleibt es ein absolut empfehlenswertes Stück modernen, politischen Theaters, das über den Tag hinaus zu denken gibt und gleichzeitig beste Unterhaltung bietet.
Das Publikum sieht das auch so und applaudiert nachhaltig – auch wenn es dann froh ist, die Bestuhlung, die nicht auf eine längere Nutzung ausgerichtet ist, verlassen zu dürfen.
Michael S. Zerban