O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Unverständlich, aber stimmgewaltig

SINGING FUTURE
(Diverse Komponisten)

Besuch am
12. November 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Neander­kirche, Düsseldorf

Dicht an dicht drängen Menschen durch die Straßen der Düssel­dorfer Altstadt. Es ist früher Samstag­abend. Bürger der Landes­haupt­stadt sind hier wohl eher wenige zu finden. In jungen Jahren machte einem dieses Gewusel nicht viel aus, aber vielleicht stecken auch die Ängste vor Infek­tionen enger unter der Haut, als man wahrhaben möchte. Jetzt wünscht man sich doch, die Grippe­impfung für dieses Jahr schon mal früher abgeholt zu haben. Ausweichen kann man dem Geschehen nicht, wenn man der Einladung Irene Kurkas folgen möchte. Die hat in die Neander­kirche gerufen, die etwas versteckt an der Bolker Straße liegt, einer der Haupt­achsen in der Altstadt.

Salome Kammer – Foto © O‑Ton

Die Sopra­nistin Irene Kurka gilt als eine der wichtigsten Inter­preten neuer Musik. Bereits über 280 Urauf­füh­rungen hat sie nach eigenen Angaben gesungen. Im vergan­genen Jahr veran­staltete sie zum ersten Mal ihr „Minifes­tival“ Singing Future – ein Festival an einem Abend. In diesem Jahr folgt also nun die zweite Ausgabe, diesmal ist Salome Kammer zu Gast, die längst in München lebt. Sie studierte Cello, wurde Schau­spie­lerin und entdeckte schließlich ihre Liebe zum Gesang neuer Musik, gilt inzwi­schen als Spezia­listin. Gemeinsam mit Kurka hat sie ein Programm ausge­ar­beitet, das Kurka als „lange Nacht“ ankündigt. Glück­li­cher­weise beschränkt sich die lange Nacht auf zwei Stunden, sind doch weder Pausen noch eine gastro­no­mische Versorgung vorgesehen.

2002 wurde die 20-teilige Arbeit Der Turm zu Babel – Melodien für eine Solostimme von Mauricio Kagel veröf­fent­licht, die dieser als Auftrag des ARD-Wettbe­werbs anfer­tigte. In Auszüge dieser Kompo­sition ist das Programm des Abends einge­bettet. Das mit der Solostimme ist relativ. Kurka hat nämlich zusätzlich das Ensemble Diva einge­laden. Dessen Leiterin, Barbara Beckmann, und Frauke Mantica eröffnen den Abend mit dem deutschen und dem griechi­schen Teil von Kagels Arbeit. Ist hier theore­tisch noch Textver­ständ­lichkeit gegeben, erledigt sich das bereits in der nächsten Nummer. 1916 wurde das Cabaret Voltaire in Leipzig gegründet. Hier wollten die Dadaisten weg vom Wort und nur noch Klang und Laut produ­zieren. Einer von ihnen war Hugo Ball, der sechs Laut- und Klang­ge­dichte verfasste. Die trägt Kammer vor und bereitet damit den Weg für den Rest des Abends.

Farzia Fallah – Foto © O‑Ton

Ehe aber die Stimme ganz das Wort außer Acht lässt, gibt es eine Urauf­führung. Farzia Fallah hat das Werk a la garganta – auf Deutsch könnte man es etwa „in die Kehle“ übersetzen – für zwei Frauen­stimmen in Farsi kompo­niert, das von Kammer und Kurka inter­pre­tiert wird. Entstanden ist das brand­ak­tuelle Stück vor dem Hinter­grund der Proteste im Iran, während sich Fallah in Teheran aufhielt. Sie greift dabei auf Gedicht­zeilen von Federico Garcia Lorca und ein persi­sches Gedicht aus dem 20. Jahrhundert zurück. Entstanden ist ein Werk, das nach Kälte, aber auch Hilflo­sigkeit oder besser Ohnmacht klingt. Nach einem weiteren Kagel-Einschub in nieder­län­di­scher, engli­scher und franzö­si­scher Sprache gibt das Ensemble Diva ein Beispiel seiner eigent­lichen Arbeit. Diva steht nämlich für Düssel­dorfer Impro Voices und hat sich darauf spezia­li­siert, neue Musik zu impro­vi­sieren, was zunächst mal ein Wider­spruch in sich zu sein scheint, kommt es doch gerade in der neuen Musik auf jede Notation und deren Einhaltung an. Tatsächlich wird an diesem Abend auch keine bereits vorhandene Musik inter­pre­tiert, sondern mit In Lebens­ge­frä­ßigkeit eine Urauf­führung von Beckmann präsen­tiert. Neben Beckmann und Mantica kommen nun auch noch Agnes Meret Wimmer, Christine Rademacher und Claudia Brandt hinzu, um eine Art gesungene Diskussion erklingen zu lassen. Ein weiterer Kagel-Einschub, diesmal auf Japanisch, Polnisch und Italie­nisch, führt zu den Maalai­schen Liebes­liedern von Gerhard Stäbler, bei denen Kurka ihre Stimme zunächst mit einem Sprechrohr, später mit einem Teller voller Wasser und Holzlöffeln kombi­niert. Ein Zusam­menhang mit den Titeln Wo ist die Quelle, die immer singt, Ich liebe dich und Es wühlt der Wind; Nachklang erschließt sich dem Hörer nicht unmit­telbar, trotzdem wird auch dieses Stück ein Klangerlebnis.

Bei den Schwei­ge­bildern von Charlotte Seither gerät Kammer dann doch sehr in die Nähe von Hurz, wenn kurzes Flüstern in Verbindung mit Geräu­schen beständig wiederholt wird. Da wird es bei den Trans­for­ma­tionen von Iris ter Schip­horst doch wieder ein wenig substan­zi­eller. Hier wird das Gedicht Diepe Tijd – Tiefenzeit – von Dominique de Groen als Einspielung vorge­tragen, während Kammer und Kurka mit ihrem Stimmen Lautma­lerei betreiben. Feldauf­nahmen von einer Wasser­stelle mit Fröschen ergänzen den Vortrag. Hier ist dann auch noch einmal die volle Konzen­tration von Carter Williams vonnöten, der die Tontechnik besorgt. Das Finale bestreiten alle Anwesenden auf der Bühne mit der Urauf­führung des schönen Titels Vom Röcheln der Diva, den Kammer eigens für dieses Konzert kompo­niert hat.

Es dauert eine Weile, bis man sich damit abfindet, dass man Texte an diesem Abend sowieso nicht verstehen wird. Dann aller­dings kann man sich umso inten­siver auf die Lautma­lerei, die hier so kunstvoll betrieben wird, konzen­trieren. Immerhin rund 30 Menschen haben sich in den Kirchen­bänken versammelt, um das zu erleben, und man kann dort eine Steck­nadel fallen hören, so sehr vertieft sich das Publikum in das Geschehen. Das erlebt man selten. Der Schluss­ap­plaus fällt kurz, aber herzlich aus. Nach dem Konzert scheinen noch eine Menge Fragen offen­ge­blieben zu sein, denn das Publikum sucht das Gespräch mit den Künstlern und verweilt gerne noch ein wenig, ehe es sich wieder in diese andere Welt der Altstadt begibt, um nach Hause zu kommen.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: