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Rauschendes Erlebnis

SKYLINE-KONZERT 1
(Diverse Komponisten)

Besuch am
18. Juni 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Schumannfest, Eclipse am Kenne­dydamm, Düsseldorf

Auf der Suche danach, ein Festival außer­ge­wöhnlich zu organi­sieren, ist jede Idee willkommen. Wie wäre es denn, über den Dächern der Stadt zu spielen, mag die Frage im Brain­storming gelautet haben. Und die Recherchen ergaben, dass sich da durchaus eine Win-Win-Situation ergeben könnte. Das ist alles ein paar Jahre her, inzwi­schen bieten gleich zwei Festivals in Düsseldorf solche Veran­stal­tungen an. Beim Schumannfest der Düssel­dorfer Tonhalle nennt man das Skyline-Konzerte. Große, namhafte Firmen bieten Räume in den obersten Etagen ihrer Hochhäuser an, die über große Fenster­fronten und damit fantas­tische Ausblicke über die Stadt verfügen, um dort Auffüh­rungen zu veran­stalten. Das kann man zum einen als schönes Mitar­beiter-Event gestalten, zum andern schadet es nicht, dem gesunden Misstrauen der Bevöl­kerung durch Öffnung entge­gen­zu­wirken. Und nicht zuletzt, sind wir ehrlich, ist es ja auch ganz schön, mal zu zeigen, was man hat. Die Tonhalle bekommt im Gegenzug Spiel­stätten, die wirklich nicht alltäglich sind. Beim diesjäh­rigen Schumannfest sind drei Skyline-Konzerte vorgesehen.

Das erste Konzert findet heute im Eclipse am Kenne­dydamm statt. Hochhäuser, also manche zumindest, haben Namen. Das hier soll nach Vorstel­lungen der Archi­tekten gemeinsam mit dem auf der anderen Seite des Kenne­dy­damms gegen­über­lie­genden L’Oréal-Hauptquartier „das nördliche Eingangstor zur Innen­stadt Düssel­dorfs“ bilden. Wenn man es weiß … Für den Unwis­senden ist es ein 16-geschos­siger Anbau an ein Hotel mit einer Höhe von 60 Metern, das sich an einer der Haupt­ver­kehrs­achsen der Landes­haupt­stadt befindet. Offen bekennen die Archi­tekten, dass hier im Außen­be­reich keine Aufent­halts­qua­lität zu zaubern ist. Sie haben deshalb die „infor­mellen Verweil­be­reiche“ gleich in das Gebäu­de­innere verlegt. Und damit ist es städte­baulich im Sinne einer Steigerung der Lebens­qua­lität für die Bürger irrelevant. Die Angestellten arbeiten in – Origi­nalton der Archi­tekten – Zellen­büros, die durch „unter­schiedlich thema­ti­sierte, mehrge­schossige Atrien“ mitein­ander verbunden sind. Die Besucher des Schumann­festes bekommen davon wenig mit. Sie werden über digital gesteuerte Aufzüge, deren Funktion man erst mal lernen muss, in die zehnte Etage gebracht. Dort gibt es einen winter­gar­ten­ar­tigen, gefühlt 20 Meter hohen Raum mit einer Fenster­front über die gesamte Außenfläche.

Foto © Susanne Diesner

Eigentlich war es so schön gedacht. Vor der Fenster­fläche ist ein Podium aufgebaut, auf dem ein Flügel aufge­stellt ist. Davor viele Sitzreihen. Bei gutem Wetter hätten die Besucher in den Sonnen­un­tergang über dem Düssel­dorfer Norden geschaut, in der Pause auf der Dachter­rasse verweilen sollen. Aller­dings ist Sommer, und das bedeutet Regen, Regen, Regen. Für das Konzert ist es mögli­cher­weise sogar ein Gewinn. So schön ungewöhn­liche Spiel­stätten sind – wenn sie die Oberhand gewinnen, kann das dem Konzert kaum zuträglich sein. Hier ist schon der Anfang ungewöhnlich. Bei Betreten des Raums spielt das Klavier. Nein, es läuft keine Musik von der Festplatte, sondern tatsächlich spielt der Flügel. Wie von unsicht­barer Hand bewegen sich die Tasten und rufen einen eindrucks­vollen Klang hervor. Die Düssel­dorfer Filiale von Steinway & Sons hat ihren Flügel Spirio |r zur Verfügung gestellt.

Selbst­spie­lende Klaviere sind vermutlich kaum jünger als Klaviere. Der Traum, dass der Besitzer des Instru­ments seinen Gästen virtuose Klänge vortragen lassen kann, ohne auch nur annähernd die Fähig­keiten dazu zu besitzen, ist uralt. Früher waren es Walzen­systeme, die das ermög­lichten. Was Steinway & Sons seit 2015 anbietet, hat damit nur noch herzlich wenig gemein. Der Flügel kann nicht nur Stücke aus einer riesigen Datenbank abspielen, sondern auch das Klavier­spiel aufzeichnen und via Internet ein Klavier zeitgleich das Spiel an einen anderen Ort übertragen und dort von einem Flügel spielen lassen. Helene Dabur, die an diesem Abend für Fragen zur Verfügung steht, berichtet, dass in Kürze ein Konzert in der Elbphil­har­monie statt­findet, das geladene Gäste sich in der Düssel­dorfer Filiale zeitgleich anhören können, weil das Klavier genau das spielt, was der Pianist in Hamburg in die Tasten gibt. Welche Möglich­keiten sich daraus in der Zukunft ergeben, vermag heute vermutlich noch gar keiner ermessen. Vorerst eröffnen sich Fragen. Was leistet derjenige tatsächlich noch, der da an der Klaviatur sitzt? Wie viel Unter­stützung bietet der Flügel, zum Beispiel, indem bestimmte Stimmungen vorge­geben respektive gewählt werden? Bislang überwiegt das Staunen.

Und Enrico Pace, der in Rimini geboren ist, in Pesaro und Imola Klavier, Dirigieren und Kompo­sition studierte, muss beweisen, dass es seine Leistung ist, die da am Flügel zur Begleitung der Geigerin Liza Ferschtman erklingt. Die betritt hochschwanger die Bühne. Nein, Schwan­ger­schaft ist keine Krankheit. Aber wenn ein Konzert mit einer Leistung im Hochleis­tungs­sport vergleichbar ist, denkt man unwill­kürlich an den Athleten, der sich noch ein paar Gewichte an Schultern und Hüften hängt, um die Anstrengung zu erhöhen. Hochachtung also vor der Musikerin, die in Hilversum geboren ist, in einer Musiker­fa­milie aufwuchs, in Amsterdam, Philadelphia und London studierte. Während die Klima­anlage fröhlich vor sich hinrauscht, eröffnen die beiden Künstler mit der Sonate A‑Dur für Violine und Klavier von Franz Schubert, einem viersät­zigen Werk, das über weite Strecken recht süßlich daher­kommt. Liegt es am eigenen Gehör, am unter­schied­lichen Alter der Instru­mente oder an der Akustik des Saals? Irgendwie klingen die Instru­mente nicht harmo­nisch mitein­ander, sondern so, als seien sie in verschie­denen Klang­welten unterwegs. Das irritiert und ändert sich im folgenden Programmpunkt.

Foto © Susanne Diesner

Ferschtman ergreift das Wort und versucht, wie auch im Folgenden immer wieder, Zusam­men­hänge zwischen Schubert, Britten, Tschai­kowsky und Schumann herzu­stellen. Das gelingt mehr oder minder gut, klingt aber ziemlich gewollt. Dabei spricht ja überhaupt nichts dagegen, verschiedene Kompo­nisten einander gegen­über­zu­stellen. Benjamin Brittens Suite für Violine und Klavier ertönt erfri­schend anders als Schubert und ist eindeutig als Gewinn zu verzeichnen, auch dann, wenn man nach den ersten Takten den „typischen Britten“ erkennt. Präsen­tiert wird die jüngere Version der Suite, bei der der dritte von ursprünglich fünf Sätzen entfällt. Pace genießt das Spiel, wenn er die Töne wie Tropfen fallen lässt und damit tatsächlich einen überzeu­genden Britten-Klang erzeugt. Zart-diffe­ren­ziert schmiegen sich die Geigen­klänge an das Klavier­spiel an, wenn Ferschtman nicht gerade die Saiten scharf anschneidet. Eine überzeu­gende Interpretation.

Gäbe es einen Wettbewerb zwischen den Kompo­nisten, gewänne wohl Peter I. Tschai­kowskys Meditation d‑Moll an diesem Abend. Abermals wechselt Pace die Charak­te­ristik des Klaviers zu einem unglaublich warmen und weichen Anschlag. Der Blick entgleitet in die Aussicht auf die regen­nassen Dächer der Stadt. Nicht weit entfernt, so scheint es, das solitäre Hochhaus eines Versi­che­rungs­un­ter­nehmens, das einen der größten Verkehrs­kno­ten­punkte im Norden der Stadt markiert. Dazwi­schen steigt vereinzelt Rauch aus Kaminen. Baukräne künden von der Weiter­ent­wicklung der Stadt, die jetzt in tristem Grau versinkt. Da ist es ein Leichtes für Tschai­kowsky und seine Inter­preten, den Hörer mit auf eine mitunter melan­cho­lische Seelen- und Gedan­ken­reise zu entführen.

Nach der Pause, in der der Gastgeber Wasser reicht, gibt es die Sonate Nr. 2 d‑Moll für Violine und Klavier, die Robert Schumann in der Landes­haupt­stadt schrieb. Noch einmal zeigen Ferschtman und Pace das Machbare einer Kompo­sition, ehe sie sich vom Publikum mit herzlichem Applaus feiern lassen. Nach der 1. Romanze von Clara Schumann als Ausblick auf die kommenden Skyline-Konzerte findet ein ungewöhn­licher Abend sein Ende – oder fast. Der Gastgeber lässt es sich nicht nehmen, das Publikum noch in die dreizehnte Etage auf ein Glas Wein einzu­laden. Darf man die Skyline-Konzerte nun zu den Höhepunkten des Schumann­festes zählen? Aus musika­li­scher Sicht hätte es sicher passendere Orte gegeben, an denen die Instru­mente besser harmo­nieren und die Klima­anlage weniger rauscht. Aber der Spaßfaktor darf hier gegen­ge­rechnet werden, und den gibt es auch dann, wenn das Wetter einem die Aussicht verhagelt. Wer sich davon selbst überzeugen will, hat dazu noch am 20. Juni im Sign, auch ein Hochhaus mit Namen, diesmal im Hafen, und am 22. Juni im bereits erwähnten L’Oréal-Hauptquartier Gelegenheit.

Michael S. Zerban

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