O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Kamila Kurczewski

Unerwartete Dystopie

SOUNDS
(Ingo Toben)

Besuch am
4. März 2022
(Urauf­führung)

 

Forum Freies Theater, Düsseldorf, Bühne II

Man lernt nicht aus. Eigentlich könnte man doch davon ausgehen, dass bei den Schülern Natio­na­li­täten- oder Herkunfts­fragen keine Rolle mehr spielen. Schließlich wachsen sie mit den unter­schied­lichsten Nationen auf und haben gar nichts anderes kennen­ge­lernt. Aber offenbar ist das Bild doch nicht so ungetrübt wie angenommen.

Der Düssel­dorfer Regisseur Ingo Toben hat gemeinsam mit geflüch­teten Jugend­lichen ein Stück erarbeitet, das im Forum Freies Theater auf der kleineren Bühne urauf­ge­führt wird. Dabei folgt er seinem Verständnis, dass Musik Biografien präge. „Sie verknüpft sich mit persön­lichen Erleb­nissen, bildet Identität und Zugehö­rigkeit und drückt aus, wer wir sind“, ist auf dem Abend­zettel zu lesen. Das kann man in dieser Absolutheit sicher disku­tieren. Für Sounds – also Geräusche oder Klänge – hat das zur Konse­quenz, dass die Musik der Jugend­lichen in den Vorder­grund rückt. Inter­es­santer an dem Abend ist aller­dings, was Autorin Anke Platon in Recherchen und Inter­views heraus­ge­funden und zu Texten verar­beitet hat. Obwohl der Begriff Texte hier vielleicht sehr hoch gegriffen ist. Vielmehr sind Schnipsel, Gedan­ken­fetzen und kurze, unfertige Erzäh­lungen für den Abend übrig­ge­blieben. Die aller­dings stürzen den Besucher in eine völlig unerwartete Dystopie.

Dass Jugend­liche in ihren Gefühlen unsicher sind, gehört zum Erwach­sen­werden. Und dass Jugend­liche, die seit frühester Kindheit Erfah­rungen mit einem kriege­ri­schen oder mindestens existen­ziell bedroh­lichen Umfeld sammeln mussten, auch in einer neuen Heimat noch von Sehnsucht zerfressen sind, weil sie kein Urver­trauen aufbauen konnten, liegt nahe. Was aber macht das mit ihnen, wenn sie in der neuen Heimat ebenfalls auf Ablehnung stoßen? Die große Hoffnung der Eltern auf Frieden und eine bessere Zukunft sich scheinbar im täglichen Erleben in Luft auflöst? Da dürfte so manchem schon in jungen Jahren psychisch die Puste ausgehen.

Joachim Brodin und Malin Speicher haben im Raum der Bühne II die klassische Auffüh­rungs­si­tuation aufge­hoben. An den Rändern sind zahlreiche Tische mit allerlei Geräten aufgebaut, die der Aufführung elektro­ni­scher Musik dienen. Die Raummitte ist mit schwarzen Gaze-Vorhängen unter­teilt. Sitzge­le­gen­heiten gibt es für die Besucher keine, was bei einem jugend­lichen Publikum für eine Veran­staltung, die gerade eine dreiviertel Stunde dauert, sicher auch keine Rolle spielt. Tobias Heide setzt starke Licht­re­flexe, die an die Atmosphäre in einem Club sicher bewusst erinnern sollen.

Foto © Kamila Kurczewski

Gulhan Abdo, Ahmad Abdullah Yaseen, Mohammad Ali, Pooriya Alizadeh, Aya Bajiou Bloujiloud, Shahrokh Chiru­daghai, Abdul Rahim Gul Ahmad und Mohammad Amin Mohammad Shufiei mischen sich unter das Publikum und treten nur dann an die Pulte, wenn ihr Einsatz gefordert ist.

Toben, der sich der Minderheit angehörig fühlt, die sprachlich genitale Lager­spaltung betreiben will, anstatt sich im gesell­schaft­lichen Diskurs an die geltenden Regeln der deutschen Sprache zu halten, scheint überdies wenig Wert auf Sprache zu legen. Oder soll es besonders authen­tisch wirken, wenn die Jugend­lichen ihre Texte in permanent falscher Intonation vortragen? Auf den Hörer wirkt es eher, als würden hier Klischees bedient, die der Sache kaum behilflich sind – oder die Akteure besonders lustlos sind, was nun wirklich niemand glauben will. Die Texte erzählen viel von Einsamkeit, geradezu von einer Flucht in Musik, von Sprach­lo­sigkeit und von gesell­schaft­licher Ablehnung. Das deckt sich nicht mit der täglich erlebten Wirklichkeit des Publikums, aber was heißt das schon?

Die Textpas­sagen werden einge­bettet in die elektro­nische Musik von Raphaela Andrade Cordova und Christoph Grothaus. Lukas Lohner sorgt dabei für die richtige Klang­mischung. Den jungen Akteuren bereitet es sichtlich Spaß, auf Computern Klänge zu erzeugen. Da wird es richtig laut, hämmernd, aber es bleibt vergleichs­weise beliebige Compu­ter­musik. Neues oder gar Aufre­gendes ist da kaum zu entdecken. Und so lässt man die Frequenz­än­de­rungen über sich ergehen, obwohl man in der Zeit gern mehr über die Befind­lich­keiten der jugend­lichen Geflüch­teten erfahren hätte.

Dass in der deutschen Gesell­schaft nicht erst seit gestern ziemlich viel falsch läuft, ist ein offenes Geheimnis. Toben legt aller­dings hier den Finger in eine Wunde, von der wir nicht wussten, dass es sie gibt. Der Applaus feiert kurz die Leistungen der Akteure, den Befund des Abends sicher nicht.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: