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STARKE FRAUENBILDER
(Alma Mahler-Werfel, Clara Schumann, Edvard Grieg)
Besuch am
5. Juni 2024
(Einmalige Aufführung)
Vor einiger Zeit hat die Düsseldorf Lyric Opera ihre Spotlight-Konzerte umgestellt. Statt Arienabende mit möglichst vielen Sängern gibt es seither kleinere Programme. Das hat nicht nur für mehr Planungssicherheit, sondern auch für eine deutliche Qualitätssteigerung gesorgt. Nicht erst nach dem heutigen Abend muss aber die Frage erlaubt sein, ob damit der Bürgersaal im Salzmannbau noch die richtige Bühne ist, oder Julia Coulmas als künstlerische Leiterin nicht nur der Düsseldorf Lyric Opera, sondern auch den Sängern den größeren Gefallen erweist, wenn sie nach einem geeigneteren Ambiente Ausschau hält. Was heute zu erleben ist, hätte jedem Kammermusiksaal der Stadt zur Ehre gereicht.
Stattdessen also versammeln sich keine 20 Besucher vor einem betagten Klavier, um ein Programm mit dem Titel Starke Frauenbilder zu verfolgen. Ob die Künstlerinnen sich selbst damit meinen, sei dahingestellt. Es trifft jedenfalls zu. Pianistin Maren Donner und Sängerin Paulina Schulenburg haben sich während ihres Studiums an der Folkwang-Universität kennengelernt. Seither verbindet sie eine – nicht nur künstlerische – Freundschaft. Nach dem Studium in Essen trennten sich zunächst ihre Wege. Während Donner ihr Studium an der Universität in Wien vervollständigte, absolvierte Schulenburg ein Postgraduierten-Studium am Mozarteum in Salzburg.

Die beiden waren dabei, ein Programm für einen Liederabend zu entwickeln, wie er momentan geradezu inflationär zu erleben ist: ein Abend mit Komponistinnen der Romantik. Während der Proben stießen sie allerdings auf einen Komponisten, dessen Lieder nicht nur ziemlich unbekannt sind, sondern der seine Kunst auch von seiner Mutter, Komponistin und Konzertpianistin, lernte. Wie sagt man? Das Glück ist mit den Tüchtigen. Und so können sie ein interessantes und ungewöhnliches Programm präsentieren.
Sie beginnen mit Alma Schindler. So zumindest ihr Name, als sie 1879 in Wien geboren wurde. Musikalisch talentiert und ausgebildet, wurde sie unter dem Namen ihres ersten und dritten Mannes berühmt als Alma Mahler-Werfel. Ihre zahlreichen Liebschaften und Affären mit berühmten Männern ihrer Zeit mag für süffisantes Lächeln oder gar Neid sorgen, ihr offen ausgelebter Antisemitismus scheint weniger geeignet, sie als Vorzeige-Komponistin zu präsentieren. Immerhin lässt sich zugutehalten, dass die Texte der heute vorgetragenen Lieder samt und sonders nicht von ihr stammen. Und Musik ist bekanntlich unschuldig. Die stille Stadt ist ein Gedicht von Richard Dehmel, In meines Vaters Garten stammt von Otto Erich Hartleben. Laue Sommernacht hat Otto Julius Bierbaum verfasst, wird aber häufig fälschlicherweise Gustav Falke zugeschrieben. Rainer Maria Rilke hat Bei dir ist es traut geschrieben, und Ich wandle unter Blumen hat Heinrich Heine gedichtet. So darf man sich frei von „politischer Korrektheit“ dem Genuss des Vortrags von Schulenburg hingeben, die mit größter Textverständlichkeit und Einfühlsamkeit intoniert.

Donner, die gewöhnt ist, auf Konzertflügeln zu spielen, lässt sich behutsam auf das Klavier ein und bekommt es glänzend in den Griff. Dabei hilft ihre jahrelange Erfahrung als Liedbegleiterin. Zwischendurch übernimmt sie die Moderation. Man mag kritisch anmerken, dass sie den Brief Gustav Mahlers in den Vordergrund schiebt, der seiner Ehefrau Alma Komposition und Klavierspiel untersagt, aber mit keiner Silbe auf die Gesinnung der Frau eingeht. Da ist es gut, dass es zu Clara Schumann weitergeht. 66 Kompositionen werden ihr zugeschrieben, und es wird noch einige Jahre dauern, bis die Gender-Ideologen ihr Mütchen gekühlt haben und die meisten eher durchschnittlichen Werke wieder in der Schublade verschwinden. Wobei Schumann selbst ihren Kompositionen die Bedeutung gar nicht beigemessen hat. Die Lieder, die Schulenburg und Donner mitgebracht haben, gehören allerdings zu den Ausnahmen. Und Schulenburg versteht es, ihnen einen gehörigen Glanz zu verleihen. Liebst du um Schönheit nach einem Gedicht von Friedrich Rückert, Liebeszauber aus der Feder Emanuel Geibels und Ich stand in dunklen Träumen von Heinrich Heine verwandelt der lyrische Mezzosopran in kleine Juwelen. Mit der Lorelei gelingt ihr eindeutig der Höhepunkt des Abends, und daran werden auch die nachfolgenden Lieder nichts ändern. Das ist schlicht ergreifend.
Der nächste Coup gelingt den beiden, wenn sie der so genannten „positiven Diskriminierung“ entgegenwirken, einem neuen Begriff aus England, der das Totschweigen von Männern beschreibt. Denn im dritten Teil führen sie Lieder oder mindestens Miniaturen von Edvard Grieg auf. Dass es überhaupt solche Werke von Grieg gibt, dürfte den meisten Menschen unbekannt sein. Aber zumindest die hier vorgestellten Stücke sind – in der Interpretation von Schulenburg und Donner – Schmuckstücke, die den Ohren schmeicheln. Ganz wunderbar. Für den Herbst plant Donner, ein Online-Album mit Grieg-Liedern herauszubringen. Darauf darf man sich schon jetzt freuen. Und so ist der nachhaltige Applaus, den die beiden für ihren Vortrag erhalten, mehr als verdient. Als Zugabe gibt es noch einmal die Lorelei. Dass Schulenburg dazu das Pult mit den Noten beiseitestellt und frei singt, steigert den Genuss.
Nach einer guten Stunde ist die Aufführung beendet, die eigentlich mehr verdient hat als den zweckentfremdeten Bürgersaal. Dass die Düsseldorf Lyric Opera für ihre Anhänger Größeres plant, als den intimen, kammermusikalischen Auftritt, verrät Julia Coulmas zum Abschied. Im November wird es die nächste Operninszenierung geben. Am 23. November steht La traviata auf dem Programm. Ganz klar: Das wird ein Fest.
Michael S. Zerban