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STORY WATER
(Emanuel Gat)
Besuch am
5. Dezember 2019
(Premiere)
Der Papstpalast zu Avignon war zwischen 1335 und 1430 die Residenz verschiedener Päpste und Gegenpäpste. Heute gehört er zum Weltkulturerbe. Und wichtiger noch: Er ist Spielstätte des Festivals, das alljährlich in der provenzalischen Kleinstadt stattfindet. Am 19. Juli vergangenen Jahres kommt im dortigen Ehrenhof eine Choreografie zur Uraufführung, die möglicherweise Maßstäbe setzt. Emanuel Gat präsentiert seine neue Arbeit Story Water, erstmals in Zusammenarbeit mit einem zeitgenössischen Orchester größeren Umfangs, dem Ensemble Modern aus Frankfurt. Es wird, wie nicht anders erwartet, heftig umjubelt.
Anderthalb Jahre später kommt Gat ins Tanzhaus NRW nach Düsseldorf. Inzwischen hat das Werk eine Tournee mit zahlreichen Stationen hinter sich. Das dreizehnköpfige Orchester ist einer Originalaufnahme gewichen, die in Avignon aufgezeichnet wurde. Die Compagnie wurde von zwölf auf zehn Tänzerinnen und Tänzer reduziert. Und die Erwartungen sind durchaus gemischter Natur. Kann die Choreografie, die im historischen Ehrenhof der französischen Stadt so viel Wirkung entfaltete, auch im Großen Saal des Tanzhauses noch begeistern? Oder sind die Bilder aus Avignon im Kopf schon so eingebrannt, dass in Düsseldorf nur noch ein kleiner Abklatsch entsteht?
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Der Titel der Choreografie bezieht sich auf die Verse des Mystikers Rumi, ein persischer Sufi-Gelehrter des 13. Jahrhunderts. Als Geschichtenwasser bezeichnet Rumi ein Medium, das zwei Dinge miteinander verbindet. Als Bildnis verwendet er das Wasser eines Bades, das das erwärmende Feuer mit dem Körper zusammenbringt. Und so sieht Emanuel Gat im Körper des Tänzers das Medium, das Tanz und Musik in eine Beziehung stellt. Dabei bleibt er seiner bisherigen Arbeitsweise treu, die beiden Medien, die seiner Auffassung nach a priori nichts miteinander zu tun haben müssen, möglichst spät zusammenzubringen. Dass er für Story Water zeitgenössische Musik auswählt, lässt aus seinem Stück so etwas wie ein Destillat bisheriger Arbeit werden.
Die weiße Fläche der Bühne ist leer. Am linken Rand sind kleine Textilhaufen nebeneinander aufgeschichtet. Fünf Tänzerinnen und fünf Tänzer betreten die Bühne in Trainingskluft, teilen sich in zwei gemischte Gruppen auf und beginnen, so scheint es, ihr Aufwärmtraining. Ständig werden Abläufe, Figuren und Konstellationen wiederholt, während die repetitiven Elemente des Stückes Dérive 2 von Pierre Boulez das Geschehen unterstreichen. Nach etwa 20 Minuten wird das Aufwärmen beendet, die Tänzer schreiten zum Bühnenrand und legen ihre Sportkleidung ab. Nacheinander betreten die Gruppen in weißer „Unterwäsche“ die Fläche wieder, um erneut zu zeigen, was sie in der Vorübung einstudiert haben. Und spätestens jetzt zeigen sich die Vorteile des Aufführungsortes. Ohne jegliche Außeneinflüsse, ohne ablenkende Aktivitäten eines Orchesters am Bühnenrand gewinnt die Choreografie an Konzentration und Intimität.

Nach etwa 40 Minuten schließt sich Fury II von Rebecca Saunders, ein Konzert für Kontrabass und Ensemble, an. Damit wechseln die Konstellationen und Abläufe im Tanz. Waren die Räume zuvor mehr oder minder aufgeteilt, durchmischen sie sich jetzt, müssen von den Tänzern permanent neu abgegrenzt werden, um ihren Gruppenaufgaben gerecht zu werden. Zwischendurch bekommen die Tänzer noch die Gelegenheit, weiße Kostüme anzulegen. Ein Kunstgriff, die Aufmerksamkeit des Publikums im insgesamt 75-minütigen Stück aufrechtzuerhalten und durchaus geeignet, einmal mehr die Gatsche Kreativität zu bewundern, der hier vor allem Fantasie walten lässt. Dass einer der Tänzer sich mit dem Papierstoff schier überhäuft, sorgt für ein komisches Moment. Eigentlich sind solche Irritationen nicht nötig, längst hat sich die permanente, pure Körperspannung der Tänzer auf das Publikum übertragen.
Für das viertelstündige Finale haben Gat und das Ensemble Modern Volkstänze einer zeitgenössischen Bearbeitung unterworfen. Der Choreograf sieht im Ergebnis eine vollständige Symbiose, müssen sich doch jetzt nicht nur die Tänzer auf eine unbekannte Musik einlassen, sondern auch die Musiker ein Gefühl für die Choreografie entwickeln. Äußeres Zeichen dieser Symbiose ist die Vereinigung der Tänzergruppen zu einer Gemeinschaft, die zu den gut wiedererkennbaren Klängen der Hymne der Konföderierten Staaten von Amerika im mitreißenden Dixie-Klang zeigt, dass auch der Spaß an einem solch hochkonzentrierten Abend nicht zu kurz kommen darf.
Das Publikum im überraschend gering besuchten Saal ist hingerissen von einem Weltklasse-Abend des zeitgenössischen Tanzes und bedankt sich mit allen erdenklichen Formen des Beifalls. Ein winziger Wermutstropfen mischt sich in das Geschichtenwasser: Obwohl Emanuel Gat anwesend ist, wird er im Anschluss nicht zum Gespräch gebeten. Das hätte dem vielbeschworenen i noch das Tüpfelchen aufsetzen können.
Michael S. Zerban