Eindrucksvolle Effekte

TANK
(Doris Uhlich)

Besuch am
15. März 2019
(Urauf­führung am 14. März 2019)

 

Hi, Robot! Das Mensch-Maschine-Festival, Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Das Mensch-Maschine-Festival Hi, Robot! nimmt allmählich Fahrt auf. Nach dem doch eher kontrovers disku­tierten Eröff­nungs­abend im Robert-Schumann-Saal wandert das Festival weiter ins Tanzhaus NRW, um dort die Urauf­führung von Doris Uhlichs neuester Solo-Aufführung Tank zu feiern. Während der erste Abend eher das technisch Machbare im Blick hatte, geht es nun mit Fortschritts­kritik im weitesten Sinne weiter.

Uhlich befasst sich in ihrer Arbeit schon seit Längerem mit dem Trend zur Selbst­op­ti­mierung und stellt Fragen. Was macht einen techno­lo­gisch optimierten Körper zu einem lustvollen Körper, der zufrieden, gar glücklich ist? Und welche Inter­essen stecken hinter der Obsession der Körper­ver­bes­se­rungen durch neue Techno­logien? Das muss man wissen, um die stark abstra­hierten Arbeiten Uhlichs zu verstehen. In Tank stellt sie, wie schon in früheren Werken, ihren eigenen nackten Körper so sehr in den Mittel­punkt, dass die Nacktheit so gut wie jede Bedeutung verliert. Was das mit einem techno­lo­gisch optimierten Körper zu tun hat, der lustvoll, zufrieden oder glücklich ist, erschließt sich nicht. Aber vorläufig stehen auch andere Dinge im Vordergrund.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Mit einer Viertel­stunde Verspätung werden die Zuschauer in den großen Saal im Tanzhaus NRW einge­lassen. Der einzige, der eine solche Verzö­gerung als selbst­ver­ständlich hinnimmt und wortlos übergeht, ist wohl der Veran­stalter selbst. Der Saal ist komplett in schwarz ausge­kleidet. In der Mitte steht ein Podest, auf dem der zylin­der­förmige, mit Theater­nebel gefüllte Tank aufge­stellt ist. Den haben Angela Ribera, Konstanze Grotkopp und Juliette Collas vom Berliner Kollektiv Proper Space gebaut. Und er hat es in sich. Mögli­cher­weise stell­ver­tretend für die Methoden zur Selbst­op­ti­mierung stehen Einlässe für den Theater­nebel am Boden. Dann wäre der Tank der Kataly­sator, an dessen anderem Ende fünf Auslässe den Nebel entsorgen. Vorerst präsen­tiert sich der Tank in weiß, darüber schwebt der Nebel. Und schon an dieser Stelle steht das große Kompliment an Sergio Pessanha, der an diesem Abend ein fein ausge­klü­geltes Spiel mit seinen Schein­werfern und dem Nebel zeigt. Das hat man so zielge­richtet noch nicht oft gesehen. Licht­design mit vergleichs­weise geringen Mitteln auf höchstem Niveau. Selbst wenn das bereits im Konzept von Uhlich und Boris Kopeinig so angelegt ist, kann es nur funktio­nieren, wenn das Handwerk sauber ausge­führt ist. Und das beherrscht Pessanha bis zur letzten Sekunde perfekt.

Foto © Monika Rittershaus

Vorerst tauchen einzelne Körper­teile aus dem Nebel auf. Bis er sich verflüchtigt und der nackte Körper von Uhlich in Erscheinung tritt. Die Choreo­grafin sieht sich in diesem Zylinder als eine Person im Labor oder auf einem Experi­men­tierfeld. Da kann sie sich im entschwin­denden Dunst räkeln, rhyth­misch bewegen oder auch ihre Brüste – durchaus mit schmerz­haftem Einsatz – gegen die Wände prallen lassen: Eine Selbst­op­ti­mierung will sich nicht erkennen lassen. Nach einer halben Stunde scheint das Bewegungs­ma­terial erschöpft. Drei Zuschau­er­paare verlassen den Saal – vielleicht etwas verfrüht. Denn es gibt noch einiges an Effekten zu bestaunen, auch wenn man erst mal die Erschöp­fungs­phase der Auffüh­renden im Zylinder aushalten muss.

Als Uhlich den Tank verlässt, also der Selbst­op­ti­mie­rungs­prozess abgeschlossen scheint, führt sie dem Publikum das Ergebnis vor. Eine Verän­derung ist nicht erkennbar. Es geht also zurück in den Tank. Und wenn sie im Tank erneut in Nebel­schwaden verschwindet, bleiben die Fragen offen.

Passend zum Prozess der Selbst­an­nä­herung scheint die Musik, die Kopeinig ausge­wählt hat. Da erklingen Psilo­cybin von Time Machines, Ntandathu von Electric Indigo, Sever the Signal von Orphs oder Peter van Hoesens Hollow Eye. Musik vom psyche­de­li­schen Trip bis zum harten Beat.

Am Ende bleiben eine Menge überra­schender und gekonnter Effekte, die die perfor­ma­tiven Schwächen nicht ganz übertünchen können. Das Publikum zollt einen Ehren­ap­plaus. Als Nächstes steht The most human von Robin Jonsson im Tanzhaus NRW auf dem Festival-Programm.

Michael S. Zerban

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