O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Gotteslob im Tango-Schritt

TE DEUM/​MISATANGO
(Peter Reulein, Martín Palmeri)

Besuch am
9. Juni 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Evange­lische Terstee­gen­kirche, Düsseldorf

Der letzte Besuch in der kleinen Terstee­gen­kirche im Düssel­dorfer Stadtteil Golzheim liegt schon wieder vier Jahre zurück, ist aber noch in guter Erinnerung. Damals, in der Pandemie, führte Kantorin Yoerang Kim-Bachmann die Messa da Requiem von Giuseppe Verdi in der Fassung für Kammerchor und Kammer­en­semble von Michael Betzner-Brandt auf. Jetzt wartet die Kantorin erneut mit einem inter­es­santen Projekt auf, das für ein volles Haus sorgt.

2018 beendete der Frank­furter Peter Reulein seine Chorkom­po­sition auf den Gesang des Te Deum. Dabei handelt es sich um einen latei­ni­schen Lob‑, Dank- und Bittgesang der christ­lichen Kirche aus dem vierten Jahrhundert, der nach einem der Verfasser auch als ambro­sia­ni­scher Lobgesang bezeichnet wird. Anders als im ursprünglich feier­lichen Gesang lässt Reulein „die Klänge tanzen“. Dazu greift er auf die Rhythmik von Habanera als Vorläufer des Tangos und den mexika­ni­schen Huapango zurück, ein Tanz, der lebhaft zwischen geraden und ungeraden Takten wechselt. Wie es der Zufall will, wählt Reulein für seine Vertonung die gleiche Besetzung wie Martín Palmeri für seine Misatango.

Foto © O‑Ton

Es liegt also nahe, die beiden Werke in einer Aufführung zu kombi­nieren. Palmeri ist in Buenos Aires geboren. Nach dem Studium von Kompo­sition, Chorleitung und Klavier schuf er zahlreiche Vokal- und Instru­men­tal­werke. Eines seiner bekann­testen Stücke ist die Misa a Buenos Aires, inzwi­schen besser bekannt als Misatango. Die Messe, die im Text dem tradi­tio­nellen Messor­di­narium folgt, verdankt ihren inzwi­schen weltweiten Erfolg wohl der Kombi­nation aus herkömm­lichen kirchen­mu­si­ka­li­schen Elementen mit dem Tango Nuevo. Die überschaubare Besetzung wird ihr Übriges beitragen.

Mit 37 Sängern fast aller Genera­tionen genügt der Klang­körper der Tersteegen-Kantorei voll und ganz, den Kirchenraum eindrucksvoll zu beschallen. Fast noch wichtiger als das erzielbare Volumen ist die Freude und das Engagement, mit dem die Sänger ihre Aufgabe erfüllen. Angespornt werden sie sicher von Kim-Bachmann, die nicht nur mit einer zuver­sicht­lichen Ausstrahlung glänzt, sondern sich in den kommenden anderthalb Stunden auch vollkommen am Pult veraus­gaben wird.

Schon mit den ersten Klängen des Te Deum wird klar, dass das Publikum einen ungewöhn­lichen Sonntag­nach­mittag erleben wird. Hier gibt es keinen im Chor, der sich darauf verlässt, dass der Nachbar laut genug klingt, um die eigene Schwäche zu übertünchen. Jeder will dazu beitragen, dass der Gesang textver­ständlich, frisch und mit dem nötigen Elan im Raum ankommt. Dabei dürfen die Sänger sich auf eine Instru­men­tal­be­setzung verlassen, die auf das Feinste musiziert. Mit den Geige­rinnen Seunghae Chung-Kürten und Aki Yasuda, Bratschistin Doris Funke, Cellistin Ute Schlichtig und Wlodzi­mierz Gula am Kontrabass ist der Strei­cher­ap­parat hervor­ragend besetzt. Am Flügel sitzt wieder Moritz Mögel, und Ralf Zartmann gehört als Perkus­sionist, der heute eher für kleinere Aufgaben zur Verfügung steht, ebenfalls zur Stamm­be­setzung. Mit Stephan Langenberg hat Kim-Bachmann einen der besten Bandoneon-Spieler mindestens im Rheinland gewinnen können. Er kennt die Misatango aus dem Effeff und weiß ihr doch immer wieder neue Akzente abzuge­winnen. Selbst, wenn man ihn zum dritten Mal erlebt, scheint er wieder etwas völlig Neues, Spannendes, noch nicht Gehörtes vorzu­tragen. Etwas später wird als Gesangs­so­listin Paulina Schulenburg hinzukommen.

Foto © O‑Ton

Bevor die Misatango am 17. August 1996 urauf­ge­führt und in Deutschland 2004 zur Erstauf­führung kam, war die Vorstellung, Tango zu Ehren Gottes in einer Kirche zu hören, wohl eher abwegig. Inzwi­schen reicht Kim-Bachmann auch das nicht mehr. Wer Tango hört, will ihn auch sehen. Ja, auch in der Kirche. Also hat sie das Ehepaar Bruna Lavaroni und Franco Lus einge­laden, die nicht nur preis­ge­krönte Tango-Tänzer sind, sondern ihr Wissen auch in der eigenen Duisburger Schule weiter­geben. Ursprünglich waren auch die Besucher einge­laden mitzu­tanzen. Die beschränken sich aller­dings lieber darauf, den selbst für Kenner eindrucks­vollen Künsten der beiden Tänzer auf Sicht­weite zu folgen, wenn sie nicht nur Ocho, Giro, Gancho, Boleo oder andere Tanzschritte zeigen, sondern vor allem das demons­trieren, was den Tanz ausmacht: die intime, still­schwei­gende Kommu­ni­kation der beiden Partner, die umso eroti­scher wirkt, je besser sie funktioniert.

Schon beim Te Deum laudamus horchen die Besucher auf. Selten wurde Gott so fröhlich gelobt – na ja, vielleicht von Whoopi Goldberg als Mary Clarence im Kinofilm Sister Act von 1992 abgesehen. Ein gesang­licher Höhepunkt reiht sich an den nächsten musika­li­schen. Das Kyrie eleison wird man nicht so schnell vergessen. Und wenn Schulenburg zum Agnus Dei kommt, geht es schon mal gehörig unter die Haut.

Am Ende des gelun­genen Spagats zwischen alt und neu, zwischen Europa und Südamerika, springen die Besucher förmlich von den Stühlen, um sich im Applaus nicht mehr bremsen zu lassen. Und Yoerang Kim-Bachmann? Die hat jetzt ein Problem. Sie muss sich nämlich jetzt einfallen lassen, wie sie diesen Nachmittag noch übertreffen kann. Das wird schwierig. Ganz ehrlich.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: