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TE DEUM/MISATANGO
(Peter Reulein, Martín Palmeri)
Besuch am
9. Juni 2024
(Einmalige Aufführung)
Der letzte Besuch in der kleinen Tersteegenkirche im Düsseldorfer Stadtteil Golzheim liegt schon wieder vier Jahre zurück, ist aber noch in guter Erinnerung. Damals, in der Pandemie, führte Kantorin Yoerang Kim-Bachmann die Messa da Requiem von Giuseppe Verdi in der Fassung für Kammerchor und Kammerensemble von Michael Betzner-Brandt auf. Jetzt wartet die Kantorin erneut mit einem interessanten Projekt auf, das für ein volles Haus sorgt.
2018 beendete der Frankfurter Peter Reulein seine Chorkomposition auf den Gesang des Te Deum. Dabei handelt es sich um einen lateinischen Lob‑, Dank- und Bittgesang der christlichen Kirche aus dem vierten Jahrhundert, der nach einem der Verfasser auch als ambrosianischer Lobgesang bezeichnet wird. Anders als im ursprünglich feierlichen Gesang lässt Reulein „die Klänge tanzen“. Dazu greift er auf die Rhythmik von Habanera als Vorläufer des Tangos und den mexikanischen Huapango zurück, ein Tanz, der lebhaft zwischen geraden und ungeraden Takten wechselt. Wie es der Zufall will, wählt Reulein für seine Vertonung die gleiche Besetzung wie Martín Palmeri für seine Misatango.

Es liegt also nahe, die beiden Werke in einer Aufführung zu kombinieren. Palmeri ist in Buenos Aires geboren. Nach dem Studium von Komposition, Chorleitung und Klavier schuf er zahlreiche Vokal- und Instrumentalwerke. Eines seiner bekanntesten Stücke ist die Misa a Buenos Aires, inzwischen besser bekannt als Misatango. Die Messe, die im Text dem traditionellen Messordinarium folgt, verdankt ihren inzwischen weltweiten Erfolg wohl der Kombination aus herkömmlichen kirchenmusikalischen Elementen mit dem Tango Nuevo. Die überschaubare Besetzung wird ihr Übriges beitragen.
Mit 37 Sängern fast aller Generationen genügt der Klangkörper der Tersteegen-Kantorei voll und ganz, den Kirchenraum eindrucksvoll zu beschallen. Fast noch wichtiger als das erzielbare Volumen ist die Freude und das Engagement, mit dem die Sänger ihre Aufgabe erfüllen. Angespornt werden sie sicher von Kim-Bachmann, die nicht nur mit einer zuversichtlichen Ausstrahlung glänzt, sondern sich in den kommenden anderthalb Stunden auch vollkommen am Pult verausgaben wird.
Schon mit den ersten Klängen des Te Deum wird klar, dass das Publikum einen ungewöhnlichen Sonntagnachmittag erleben wird. Hier gibt es keinen im Chor, der sich darauf verlässt, dass der Nachbar laut genug klingt, um die eigene Schwäche zu übertünchen. Jeder will dazu beitragen, dass der Gesang textverständlich, frisch und mit dem nötigen Elan im Raum ankommt. Dabei dürfen die Sänger sich auf eine Instrumentalbesetzung verlassen, die auf das Feinste musiziert. Mit den Geigerinnen Seunghae Chung-Kürten und Aki Yasuda, Bratschistin Doris Funke, Cellistin Ute Schlichtig und Wlodzimierz Gula am Kontrabass ist der Streicherapparat hervorragend besetzt. Am Flügel sitzt wieder Moritz Mögel, und Ralf Zartmann gehört als Perkussionist, der heute eher für kleinere Aufgaben zur Verfügung steht, ebenfalls zur Stammbesetzung. Mit Stephan Langenberg hat Kim-Bachmann einen der besten Bandoneon-Spieler mindestens im Rheinland gewinnen können. Er kennt die Misatango aus dem Effeff und weiß ihr doch immer wieder neue Akzente abzugewinnen. Selbst, wenn man ihn zum dritten Mal erlebt, scheint er wieder etwas völlig Neues, Spannendes, noch nicht Gehörtes vorzutragen. Etwas später wird als Gesangssolistin Paulina Schulenburg hinzukommen.

Bevor die Misatango am 17. August 1996 uraufgeführt und in Deutschland 2004 zur Erstaufführung kam, war die Vorstellung, Tango zu Ehren Gottes in einer Kirche zu hören, wohl eher abwegig. Inzwischen reicht Kim-Bachmann auch das nicht mehr. Wer Tango hört, will ihn auch sehen. Ja, auch in der Kirche. Also hat sie das Ehepaar Bruna Lavaroni und Franco Lus eingeladen, die nicht nur preisgekrönte Tango-Tänzer sind, sondern ihr Wissen auch in der eigenen Duisburger Schule weitergeben. Ursprünglich waren auch die Besucher eingeladen mitzutanzen. Die beschränken sich allerdings lieber darauf, den selbst für Kenner eindrucksvollen Künsten der beiden Tänzer auf Sichtweite zu folgen, wenn sie nicht nur Ocho, Giro, Gancho, Boleo oder andere Tanzschritte zeigen, sondern vor allem das demonstrieren, was den Tanz ausmacht: die intime, stillschweigende Kommunikation der beiden Partner, die umso erotischer wirkt, je besser sie funktioniert.
Schon beim Te Deum laudamus horchen die Besucher auf. Selten wurde Gott so fröhlich gelobt – na ja, vielleicht von Whoopi Goldberg als Mary Clarence im Kinofilm Sister Act von 1992 abgesehen. Ein gesanglicher Höhepunkt reiht sich an den nächsten musikalischen. Das Kyrie eleison wird man nicht so schnell vergessen. Und wenn Schulenburg zum Agnus Dei kommt, geht es schon mal gehörig unter die Haut.
Am Ende des gelungenen Spagats zwischen alt und neu, zwischen Europa und Südamerika, springen die Besucher förmlich von den Stühlen, um sich im Applaus nicht mehr bremsen zu lassen. Und Yoerang Kim-Bachmann? Die hat jetzt ein Problem. Sie muss sich nämlich jetzt einfallen lassen, wie sie diesen Nachmittag noch übertreffen kann. Das wird schwierig. Ganz ehrlich.
Michael S. Zerban