O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
LA TRAVIATA
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
23. November 2024
(Einmalige Aufführung)
Sie sind nicht wegzudiskutieren: die Berührungsängste vieler Menschen, wenn es um Oper geht. Stadttheater wie Opernhäuser wissen davon eine Arie zu singen. Julia Coulmas hat sich dafür nie interessiert. Die Gründerin und Leiterin der Düsseldorf Lyric Opera ist davon überzeugt, dass man solche Menschen ebenfalls für Oper begeistern kann, wenn man nur auf sie zugeht. Coulmas liebt das Opernmuseum, und sie glaubt, dass man mit einem niedrigstschwelligen Angebot die Leute erreichen kann. Nicht die große, reich ausstaffierte Bühne, die von einem teuer bezahlten Regisseur bespielt wird, vor der ein Graben für Abstand zwischen Publikum und Bühne sorgt, machen in ihren Augen die Faszination der Musikgattung aus. Sie setzt auf Nähe und Selbstverständlichkeit. So findet sie immer wieder Wege, Opern aufzuführen.

Als letztes Projekt der Düsseldorf Lyric Opera im laufenden Jahr schreibt sie einen Titel auf die Plakate, den nun wirklich jeder kennt. Und das, obwohl sie sich gerade von jedem Operndirektor anhören kann, dass eine Traviata das Publikum auch nicht mehr zieht. Damit ist La traviata – die vom Weg Abgekommene – gemeint, eine der meistaufgeführten Opern landauf, landab. 1853 wurde die Oper von Giuseppe Verdi im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführt – und floppte. Eine Kurtisane, die an Tuberkulose stirbt: Das hatte das Publikum bis dato nicht auf der Bühne erlebt und wollte es auch nicht sehen oder hören. Nach geringfügigen Überarbeitungen wurde die zweite Aufführung ein Jahr später im Teatro San Benedetto in Venedig auf die Bühne gebracht. Sie begründete den Siegeszug der Traviata, der bis heute anhält.
Die Jazz-Schmiede im Düsseldorfer Stadtteil Bilk ist in der internationalen Jazz-Gemeinde eine feste Institution. Sie verfügt über eine einfache Bühne, eine vernünftige Lichttechnik und einen Flügel sowie ein behagliches Ambiente. Für Opernaufführungen ist sie kaum bekannt. Aber Coulmas hat damit schon alle Zutaten beisammen, um sich davon nicht abschrecken zu lassen. Viel schrecklicher war für sie die Erkenntnis, dass am vergangenen Montag gerade einmal neun Eintrittskarten verkauft waren. Jetzt, am Samstagabend, sind nahezu alle Stühle besetzt.
Auf der Bühne links ein C‑Flügel, daneben ist noch Platz für ein Tischchen mit zwei Stühlen und eine Liege oder Bank. Dahinter ist eine Leinwand aufgehängt. Das Licht beherrscht Lars Wallet, der auf übertriebene Effekte verzichtet, aber einen guten Sinn für die Nuancen beweist. Links vor der Bühne hat Coulmas ihren Arbeitsplatz, von dem aus sie die Projektionen und Töne steuert. Neben ihr nimmt Bass-Bariton Thomas Huy Platz, um gemeinsam mit ihr den Chor zu intonieren. Als Projektionen sind schöne Fotos von den Handlungsorten zu sehen, die mit einem Bild von Annina, der Dienerin und Vertrauten Violettas, kombiniert werden. Denn die spielt eine entscheidende Rolle für das Verständnis des Geschehens. Schließlich darf Coulmas getrost davon ausgehen, dass die wenigsten ihrer Besucher den Inhalt der Oper kennen. Also hat sie die Regisseurin Mira Deuster gebeten, die Geschichte aus Sicht von Annina zu erzählen. Deren Stimme erklingt nun von Fall zu Fall von der Festplatte. Das ist schön gelöst, denn so können die Übertitel entfallen.

Unter der hervorragenden musikalischen Leitung von Meghan Behiel ist das Personal auf drei Akteure zusammengestrichen. Und das funktioniert hervorragend, auch wenn die Ballszene, neben der Sterbeszene Kern- und Glanzstück so mancher Inszenierung, hier auf ein Foto vom Maskenball reduziert ist. Immerhin entsteht so ein Konzentrat der Gefühle, dass dem Abend dient. Coulmas ist es gelungen, drei ganz vorzügliche Sänger zu finden, die nicht nur ausgesprochen textverständlich singen, sondern sich in den Szenen auch souverän zu bewegen wissen.
Ihr Debüt als Violetta gibt die Sopranistin Yvonne Prentki, die in Hannover studiert und bereits ihr erstes Lied-Album herausgebracht hat. Man darf dazu gratulieren, denn sie spielt und singt, als gehöre die Violetta längst zu ihrem Kernrepertoire. Tenor Guillermo Valdés steht ihr als Alfredo Germont in nichts nach. Klaglos fügt sich Bass-Bariton Martin Lucaß im hohen Niveau des Gesangs ein, auch weiß er Vater Giorgio Germont mit ausreichendem Charisma darzustellen. Mit dem Sängertrio hat Coulmas eine sichere Bank, findet auch das Publikum, das mit Szenenapplaus nicht spart.
Die Schlussszene ist ein wenig entschärft, wenn Violetta auf ihrem Bett sanft entschlummert, anstatt in einem letzten Aufbäumen tot zusammenzubrechen. Der Schuss Dramatik hätte es ruhig noch sein dürfen, aber das Publikum ist auch so schon vollkommen hin und weg. Da will es am Ende kaum noch jemanden auf den Stühlen halten. Und recht haben die Leute. Ein Abend mit einer sauber durchdachten Regie und einer Sänger-Gala, die man schon an großen Häusern suchen muss. Der Instinkt gibt ihnen Recht, heute etwas Besonderes erlebt zu haben.
Der unglaubliche Arbeitsaufwand, der für diesen einen Abend betrieben wurde, erntet das verdiente Lob, führt aber schließlich auch dazu, dass Behiel überlegt, ob es wirklich bei der einen Aufführung bleiben soll. Das Votum der Besucher ist klar, und so darf man auf eine Wiederholung im kommenden Jahr zumindest schon mal hoffen.
Michael S. Zerban