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TREUE LIEBE
(Johannes Brahms, Gustav Mahler)
Besuch am
10. April 2024
(Einmalige Aufführung)
Für Außenstehende klingt sie erst einmal ein wenig verwirrend, die Geschichte mit der Maxkirche und dem Maxhaus in der Düsseldorfer Altstadt. Dabei ist es eigentlich ganz einfach. Im 17. Jahrhundert zeitgleich erbaut, wurden das Gotteshaus und das angrenzende Kloster Anfang des 19. Jahrhunderts vor dem Abriss gerettet. Aus dem Kloster, das einst 30 Franziskaner beherbergte, deren guter Ruf im Sozialleben der Stadt bis heute nachklingt, wurde das Stadthaus der Düsseldorfer Katholiken, das mit der Maxkirche nur noch wenig zu tun hat. Die Maxkirche ist heute berühmt für die „Marktmusik“, ein Orgelkonzert, das samstags um 11.30 Uhr stattfindet. Der überaus rege Kantor Markus Belmann veranstaltet in der Kirche auch immer wieder beachtenswerte Konzerte. Im Maxhaus finden unabhängig vom Gotteshaus Ausstellungen und Aufführungen statt. Allerdings gibt es im Maxhaus auch den Antoniussaal, das ehemalige Sommer-Refektorium, also der Speisesaal der Mönche. Der gefällt nicht nur mit seiner reichhaltig stuckverzierten Decke, sondern auch mit einer Akustik, die ihn für Musikveranstaltungen prädestiniert. Und da arbeiten Belmann, das Maxhaus – und in diesem Fall auch die Liedwelt Rheinland – gern zusammen, um musikalische Projekte umzusetzen.

Um das heutige Projekt zu verwirklichen, haben Mezzosopranistin Franzisca Hahn, Bassbariton Rolf A. Scheider und Pianist Michael Mills zusammengefunden. Hahn hat ursprünglich Malerei studiert, ehe sie sich im Privatunterricht zur Sängerin ausbilden ließ und unter anderem zehn Jahre am Aalto-Theater in Essen engagiert war. Scheider studierte Gesang in Essen und Köln, bevor er als Opern- und Konzertsänger seine freischaffende Karriere begann. Heute arbeitet er wie Hahn auch als Musikpädagoge und in diesem Zusammenhang in der chorischen Stimmbildung. Ebenfalls vielbeschäftigt ist der in Amerika geborene und ausgebildete Pianist Michael Mills, der heute unter anderem an der Folkwang-Universität in Essen als Professor im Studiengang Musical lehrt. Hahn hatte die Idee, einen Liederabend mit Duetten zu entwickeln und stellte Scheider solche von Johannes Brahms vor. Um Vier Duette für Alt und Bariton, das Opus 28 des Komponisten, der im 19. Jahrhundert viele Jahre in der unmittelbaren Nachbarschaft der Maxkirche lebte, garnierten die beiden weitere Lieder, die man ebenfalls zu zweit singen kann. Dass bei Scheider noch einige Lieder von Gustav Mahler ganz oben auf der Wunschliste standen, vervollständigte das Programm, das nun im Antoniussaal mit Hilfe des erfahrenen Liedbegleiters Mills vorgestellt werden soll.
Der Raum ist mitten in der Woche überraschend gut besucht. Da steht den Künstlern die Freude ins Gesicht geschrieben. In einer kurzen Einführung rückt Belmann die folgenden Lieder ins rechte Lied. In einer Zeit ohne Radio und Fernsehen hatten die Komposition und der Gesang von Liedern einen anderen Stellenwert, galten als selbstverständliche Beschäftigung, um der Unterhaltung zu dienen. Ein wichtiger Hinweis für das Verständnis des Abends, den die drei in der künstlerischen Ausgestaltung durchaus berücksichtigen. So wird aus Treue Liebe gleich zu Beginn ein Wechselgesang, der den Freitod einer jungen Magd noch ein wenig schauerlicher wirken lässt. In Therese erteilt Hahn einem Jüngling kurzerhand eine satte Abfuhr, während Scheider den Gang zum Liebchen mit größten Befürchtungen erfüllt. Ganz ohne Koketterie und Ziererei kommen die beiden Sänger auch aus, wenn Hahn Von ewiger Liebe singt und Scheider sich kummervoll durch die Mainacht schlägt. Noch rasch mit Feldeinsamkeit eine Naturbetrachtung von Hahn und mit Da unten im Tale Scheider, der die ihn verschmähende Geliebte mit einem bitteren Nachruf bedenkt, dann beginnt der zweite Block, der mit den Duetten.

Und wieder gib es eine satte Abfuhr im Vergebliches Ständchen. Nicht die hohe Minne, sondern Volkes Stimme kommt hier zu Wort, sehr zur Belustigung des Publikums. Saftig und prall aus dem Leben vorgetragen: Die Tür bleibt zu. Edler wird’s, wenn Hahn und Scheider über Die Nonne und der Ritter erzählen. Zusammen kommen die beiden trotzdem nicht. Und auch in Vor der Tür bleibt es beim Begehren des Jünglings. Auch in den folgenden Liedern – Es rauschet das Wasser, Der Jäger und sein Liebchen und Verlorene Müh, dem ersten Mahler-Lied – lässt Scheider es sich nicht nehmen, mit viel Verve die Texte mimisch und gestisch zu unterstreichen. Der Unterhaltungsgedanke trägt den Abend, wir wollen doch nur Spaß, scheint auch Mills im kräftigen Klavierspiel zum Ausdruck bringen zu wollen. Ja, so kann man einen – höchst amüsanten – Liederabend gestalten.
Und wenn Scheider in Der Tambourg’sell, Nicht wiedersehen! und später in Aus! Aus! eher einen militärischen Ton anschlägt, ist es gut, dass das Programmheft auch die Texte beinhaltet, die verraten, dass es weiterhin nicht um die Verherrlichung des Krieges, sondern um die Liebe geht. Hahn streut das Rheinlegendchen und Wer hat das Liedlein erdacht ein, ehe es im Trost im Unglück zu einem denkwürdigen Ende kommt: „Du denkst, ich wird‘ dich nehmen, das hab ich lang noch nicht im Sinn, ich muss mich deiner schämen, wenn ich in Gesellschaft bin“. Wie gut, dass beide das gemeinsam singen.
Ein herrlicher, prallgefüllter Abend über die Liebe geht mit der Zugabe von Starke Einbildungskraft bereits nach einer guten Stunde zu Ende. Und genau so soll es sein. Das Publikum feiert die glücklichen Künstler ausgiebig und mit Freude im Herzen. Da macht es dann auch nichts, dass kein Personal mehr da ist, das einem den Ausgang weist oder womöglich einen schönen Heimweg wünscht. Man wird schon selbst herausfinden aus dieser anderen Welt zurück in die Wirklichkeit.
Michael S. Zerban