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URBANATIX: ESSENCE
(Christian Eggert, Frank Hörner)
Besuch am
29. September 2024
(Premiere am 27. September 2024)
Zum Ende der diesjährigen Ausgabe wartet das Düsseldorf-Festival noch einmal mit einer ungewöhnlichen Aufführung auf. Bevor sie beginnt, kann Christiane Oxenfort verkünden, dass 45 Veranstaltungen während der letzten drei Wochen ausverkauft waren. Das klingt als erste Bilanz erst mal sehr erfreulich. Auch heute, an einem Sonntag mit der vierten Aufführung, ist das Theaterzelt am Burgplatz mehr als gut besucht.
2010 war die Metropolregion Ruhr Kulturhauptstadt Europas. Es war das erste Mal, dass eine ganze Region diesen Titel erhielt. In diesem Rahmen wurde Urbanatix gegründet, ein Projekt, in dem junge Street-Art-Talente aus Nordrhein-Westfalen trainieren und danach zusammen mit internationalen Artisten in einer Show auftreten. Nach zahlreichen erfolgreichen Auftritten entstand der Wunsch, ein Programm zu entwickeln, mit dem man auch auf Stadttheaterbühnen auftreten konnte. Der künstlerische Leiter Christian Eggert holte den Regisseur Frank Hörner an seine Seite und gemeinsam lösten sie die Aufgabe. Das Ergebnis ihrer Bemühungen ist jetzt im Theaterzelt zu besichtigen: ein Theaterstück mit Tanz und Artistik.

Auf der Bühne von Sascha Hinz ist ein halbkugelförmiges, weißes Metallgerüst aufgebaut. Darunter sind einige Instrumente aufgebaut. Rechts ragt eine Röhre auf die Bühne. Ein Handlungsreisender mit seinem Assistenten betritt die Bühne und legt die Ausgangssituation dar. In nicht allzu ferner Zukunft hat sich das Klima so weit verändert, dass die Erde für die Menschen zu einem unwirtlichen Ort geworden ist. Die haben sich in „Sphären“, abgeschlossene Orte, an denen sie sich mit Wasser und Algen versorgen können, zurückgezogen. Inzwischen haben sich die Sphären so weit organisiert, dass sie untereinander Kontakt haben – bis auf eine, deren Koordinaten unbekannt sind. Die gilt es nun zu finden, um sie in den Warenfluss einzubinden. Das System hat also alle Katastrophen überstanden. Man weiß nicht genau, welche Vorstellung gruseliger ist. Der Handlungsreisende jedenfalls hat Glück und findet die Sphäre, offenbar eine Insel der Glückseligen. Er installiert ein Warenlieferungssystem. Als er wieder abreisen will, weigert sein Assistent sich, ihn zu begleiten. Erst als die Gratislieferungen versanden, müssen die Bewohner der Sphäre sich entscheiden, ob sie in ihrer Enklave bleiben oder hinaus in die Welt wollen, um Geld zu verdienen, mit dem sie sich neue Konsumgüter leisten können. Bis auf eine Person entscheiden sich alle, den Standort zu verlassen.
Für die Musik, die Grundlage des Abends ist, zeichnet Sebastian Maier verantwortlich, live spielt Carlotta Ribbe. Der Schwierigkeitsgrad für sie ist deutlich erhöht, weil sie sich auf die von der Festplatte zugespielte Musik einlassen muss. Gareth Charles übernimmt überzeugend die Rolle des Moderators, also des Handlungsreisenden. In die Handlung eingebaut sind verschiedene „Kunststücke“ und Tanz. So zeigt Laya Mauelshagen ihre Fähigkeiten am Trapez und in der Luftakrobatik. Wie bei allen anderen Darbietungen, kann sie auf engem Raum nur einen kleinen Ausschnitt ihres Könnens zeigen. Oskar Skrypko assistiert ihr, wenn er nicht selbst an der chinesischen Stange seine Auf- und Abstiegsmöglichkeiten, vor allem aber kraftfordernden Posen zeigt. Locker zwischen die akrobatischen Einlagen eingestreut, gibt es immer wieder Tanzstücke, bei denen unter anderem Joanna Mae Escobar, Felix Küpper und Paul Davis Newgate mit HipHop-Figuren glänzen. Eine besondere Rolle nimmt Dergin „Stix“ Tokmak, der im Alter von einem Jahr an Kinderlähmung erkrankte und so die Kontrolle über sein linkes und teilweise auch sein rechtes Bein verlor. Neben seinem bewundernswerten Umgang mit dem Rollstuhl brilliert er mit Breakdance an Krücken. Dass er nicht nur als spanischsprachiger Assistent für humorige Einlagen sorgen kann, beweist Alonso Gonzalez Barria mit einer originellen Jonglage im Glaskasten. Nicht zuletzt begeistert Fenja Barteldres am Cyr Wheel, einem einzigen Reifen, dessen Verwendung an ein reduziertes Rhönrad erinnert. Dass sie zudem ihn zerlegt und zu einem eigenen Kunstwerk gestaltet, sieht man sicher nicht alle Tage.
Rund 100 kurzweilige Minuten finden beim Publikum großen Anklang. Und das Stück zeigt, dass auch in Deutschland, wenn nicht sogar in unmittelbarer Nachbarschaft, wunderbare Künstler zuhause sind, die sich mit den internationalen durchaus messen können. Versöhnliches Ende eines wie immer abwechslungsreichen, ja, schillernden Festivals, das am darauffolgenden Tag mit einem Konzert abschließen wird. Die Planungen für das kommende Jahr sind bereits in vollem Gange, sagt Christiane Oxenfort.
Michael S. Zerban