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VOICES
(Diverse Komponisten)
Besuch am
8. November 2024
(Einmalige Aufführung)
Unter dem Titel Schönes Wochenende veranstaltet die Tonhalle Düsseldorf seit vielen Jahren ein Festival, das sich in vier bis fünf Konzerten an einem Wochenende mit der neuen Musik auseinandersetzt. Das letzte Festival fand im März dieses Jahres unter dem Titel Serenissima statt und beschäftigte sich mit Luigi Nono. Vom 8. bis 10. November nun lautet der Titel Dark Angels. Dunkle Engel klingt dramatischer, poetischer, aber bitte schön. Auch im Englischen deutet sich da durchaus an, dass das Wochenende vielleicht nicht ganz so schön werden wird, wie es der Festival-Name verspricht. Denn Chefdramaturg Uwe Sommer-Sorgente hat sich als künstlerischer Leiter zum Ziel gesetzt aufzuzeigen, wie Komponisten vom 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart „auf das Unsagbare des Krieges mit Musik reagiert haben und sich mit Verlust, Hoffnung und Neubeginn auseinandersetzen“.
Fünf Konzerte sind für das Wochenende vorgesehen. Dabei gehört es zum Konzept, dass sie auch an Spielstätten außerhalb der Tonhalle stattfinden dürfen. Da geht es zum Eröffnungskonzert gleich mal in die Neanderkirche in einem Hinterhof an der Bolker Straße in der Düsseldorfer Altstadt. Die Kirche hat sich in den letzten Jahren immer häufiger als „Kammermusiksaal für besondere Anlässe“ bewährt. Trotzdem ist sie wohl immer noch so etwas wie ein Geheimtipp, wenn man sich die Besucherzahlen der Konzerte anschaut. Zu Unrecht. Durchgängig sind hier Aufführungen der Sonderklasse zu erleben. Auch wenn man dazu die spartanischen Sitzbänke in Kauf nehmen muss, von denen sich selbst gesunde Menschen nach zwei Stunden nicht ohne Rückenschmerzen erheben. Heute Abend ist das Programm außerordentlich vielversprechend, kann aber nicht genügend Menschen anziehen, um wenigstens die Hälfte der Sitzplätze zu füllen. Und am Titel Voices kann es ja wohl nicht liegen.

Obwohl der Hinweis auf Stimmen ein wenig in die Irre führt. Denn die Themen sind andere. Doch bevor die Besucher sich damit befassen können, werden sie auf eine Neuerung hingewiesen, die ihnen den Abend angenehmer gestalten soll. Auf dem Abendzettel findet sich ein QR-Code. Was sich dahinter verbirgt, muss Sommer-Sorgente in seiner Einführung mündlich erklären, weil auf dem Abendzettel jede Erläuterung fehlt. Wer den Code mit seinem Smartphone erkennen lässt, soll zu den Liedtexten des Abends kommen. Inwiefern das zu einer verbesserten Öko-Bilanz führt, soll hier nicht diskutiert werden. Erst mal aber besticht der Gedanke, dass damit Papier eingespart werden kann. Und insofern lohnt der Versuch doch allemal. Er ist allerdings beim ersten Durchgang noch nicht zu Ende gedacht. Zwar öffnet sich die gewünschte Netzseite, aber dort liest man erst mal ewig, wer an dem Abend beteiligt ist. Wenn man schon glaubt, auf der falschen Seite gelandet zu sein, tauchen endlich die Texte auf. Im Verlauf des Abends stellt sich dann heraus, dass man mit dem Energie-Sparmodus seines Mobiltelefons in Konflikt kommt und die Verdunkelung des Gerätes auf später verschieben muss, wenn man nicht alle paar Sekunden auf den Bildschirm tippen will, um das vorzeitige Abschalten und Reaktivieren zu verhindern. Mit solchen Dingen will man sich eigentlich während des Konzerts nicht beschäftigen. Aber der Versuch lohnt.
Mit dem ersten Werk kommt zunächst einmal die Stimme eines Instruments zu Wort. Das Requiem für Violine solo schrieb der georgische Komponist Igor Loboda 2014 anlässlich der Besetzung der Krim durch die Russen für Lisa Batiashvili und widmete es „dem endlosen Leiden der Ukraine“. Yumiko Shibata liefert eine eindringliche Interpretation ab. Fragmentierte Bogenstriche wechseln sich mit melodischen Einwürfen ab und vermitteln ein assoziatives Bild von Kriegsgebieten und Opfern der Zivilbevölkerung. Im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine seit 2022 hat das Stück zunehmend an Popularität gewonnen. Und Shibata weiß zu vermitteln, warum.
Die deutsch-italienische Altistin Eva Marti stellt sich einer besonderen Herausforderung, wenn sie Weeping for a Dead Love von Anna Pidgorna aus dem Jahr 2015 in Schlagzeugbegleitung vorträgt. Sie lässt sich nämlich auf die ukrainische Sprache ein. Spätestens jetzt freut man sich über den deutschen Text auf dem Mobiltelefon. Eine Ukrainerin aus dem Publikum gibt zu Protokoll, dass Marti ein verständliches Ukrainisch gesungen habe. Dem kann man in Ausdruck und emotionaler Wirkung nur ein weiteres Kompliment hinzufügen. Um nicht zu sagen: Das geht ganz schön unter die Haut.

Nach zwei Kompositionen des 21. Jahrhunderts will sich fast schon Enttäuschung breitmachen, wenn das nächste Stück dann schon wieder dem 20. Jahrhundert entstammt. 1993 hat Dieter Schnebel Amazones für fünf Frauenstimmen geschrieben. Das sind heute Abend Julia Hagenmüller und Eva Marti vom Rheinstimmen-Ensemble und Natascha Goldberg, Theresa Klose und Katharina Georg von den Kölner Vokalsolisten, die sich der musikalischen Leitung von Mark-Andreas Schlingensiepen anvertrauen und so einen Auftritt zaubern, der tatsächlich so frisch wirkt, als sei er dem Moment entsprungen. Mit der 35-jährigen Komponistin Laura Marconi geht es dann tatsächlich wieder in die Gegenwart. Obgleich sie mit ihrem Werk Cenebre – so heißt Asche auf Italienisch – einer jahrhundertealten Tradition nachspürt, bei der Klageweiber zu einer Beerdigung bestellt wurden. Auch diese Komposition ist für fünf Frauenstimmen angelegt. Tatsächlich bekommt das Publikum sechs Stimmen zu hören. Marconi selbst steht auf der Empore und ruft von oben herab. Grandios.
Mit Peter Ruzickas Der die Gesänge zerschlug aus dem Jahr 1998 tritt das zwölfköpfige Notabu-Ensemble unter der Leitung von Schlingensiepen an und beweist einmal mehr seine Klasse. Der Komponist hat sieben Gedichte aus Paul Celans Zeitgehöft vertont und mit Zwischenspielen versehen. Bariton Fabian Hemmelmann trägt die Kunstsprache des Dichters wortverständlich vor, ehe sie in dem Wort Hachnassini zerfließt. Mit Celesta, Geige, Cello, Querflöte und Oboe steht das Notabu-Ensemble bereit, um den Epilog aus Engel in Flammen von Isang Yun zu spielen. Gemeinsam mit dem Chor, bestehend aus Goldberg, Klose und Georg, sowie Hagenmüller als Sopran erklingen Vokalisen, die mit dem Klang der Instrumente verschmelzen. Ein wunderbarer Schlusspunkt, der alle Ängste vor neuer Musik beiseite wischt, ehe sich der Rahmen des Abends schließt. Den bildet die Wiederholung des Requiems für Violine solo. Da steht Shibuta also zwischen den eilends beiseite geräumten Instrumenten, Notenständern und Stühlen. Gerade so, als habe sie ein Schlachtfeld betreten, in dem sie erneut Wut, Verzweiflung, aber auch ein kleines bisschen Hoffnung zu Gehör bringt.
Nein, „schön“ sind die Inhalte nicht, die von den Akteuren so meisterhaft gestaltet werden, aber kraft- und eindrucksvoll. Das Publikum ist mehr als begeistert, und so gilt es nach dem langen Applaus, den Künstlern noch so manches Dankeschön persönlich zu übermitteln. Ein fulminanter Einstieg in ein Fest, das noch bis Sonntagabend dauert, um dann in einer multimedialen Uraufführung eines Werks von Bojan Vuletić seinen Höhepunkt und Abschluss zu finden.
Michael S. Zerban