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Neulich in der Autowerkstatt. Der Inhaber ist stinksauer. Er kommt gerade von seinem Reifenhändler, wo eine Aushilfskraft ihm Reifen aufgeladen hat. Im Gespräch mit dem gebürtigen Syrer in fließendem Deutsch erfährt der Werkstattchef, dass die Aushilfskraft ein hervorragend ausgebildeter Lehrer ist. „Hier läuft doch etwas gewaltig schief“, schimpft der KFZ-Meister. Als Vater zweier Kinder ärgert er sich täglich über den Lehrermangel in deutschen Schulen. Und am wenigsten versteht der Mann, dem ziemlich egal ist, woher die Leute kommen, so lange sie dahinkommen, wohin sie gehören, dass der Syrer sogar heilfroh ist, endlich eine Anstellung zu haben. Raus aus dem Lager, weg vom Stigma des Geflüchteten, da ist der Geruch des Gummis ein Geschenk.
Millionen von Menschen sind auf der Flucht. Ein paar zehntausend haben es sogar bis Deutschland geschafft. Statt freundlicher, christlicher Aufnahme stranden sie in Flüchtlingslagern – und landen damit in einer Sackgasse, aus der es kaum noch ein Entkommen gibt. In Deutschland, das einmal für seine funktionierende Bürokratie berühmt war, ist das peinlich und wird sich hoffentlich alsbald auflösen, um die Geflüchteten in ein menschenwürdiges Leben zurückzuführen. Denn in diesem Land ist das eher ein Luxusproblem. In afrikanischen Staaten sieht das ganz anders aus. Da leben Menschen in der dritten Generation in Lagern, ohne Rechtsansprüche, Perspektiven oder Ausbildung.
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Taigué Ahmed kommt aus dem Tschad, wurde Tänzer und Choreograf, ist in der Welt zuhause und kümmert sich mit Tanzprojekten um die Menschen in den Flüchtlingslagern. Das klingt erst mal abstrus. Denn was hat das tägliche Elend mit Tanz zu tun? Das werden ihn seine Freunde auch gefragt haben. Aber Ahmed glaubt an die soziale Funktion des Tanzes. Er ist in die Flüchtlingslager gegangen und hat dort weitere Choreografen ausgebildet. Wo Kultur Bestandteil des täglichen Lebens wird, gibt es eine Hoffnung auf das Morgen.

Morgen – Waignedeh – so nennt Ahmed sein neuestes Stück, das im Tanzhaus NRW zur Uraufführung kommt. Wer Morgen sagt, glaubt daran, dass es eine Zukunft gibt. Aber um zum nächsten Tag zu kommen, ist notwendig, sich mit dem Jetzt auseinanderzusetzen. Also erzählt Ahmed Geschichten aus dem alltäglichen Lagerleben. Im großen Saal des Tanzhauses sind die Bühnenwände schwarz abgehängt. Das Licht von Ulrich Eisenhofer unterstreicht den Tanz mit unauffälligen Wechseln, ohne aufregende Akzente zu setzen. Orangefarbene Plastikplanen sind zu künstlichen Hügeln aufgebauscht. Dafür ist Veronika Schneider verantwortlich. Und sie hat den fünf Tänzern auch eindrucksvolle Kostüme übergestülpt. Auf Sackleinen türmt sich eine Maske, die am ehesten wie eine durch Krebsgeschwüre entstellte Gasmaske aussieht. So markiert man Aussätzige, Menschen, die aus der Gesellschaft gefallen sind. Im Laufe der Aufführung werden diese Masken abgelegt. Und darunter kommen sehr gesund aussehende, junge Männer zum Vorschein, die die Zukunft gepachtet zu haben scheinen.
Djedonang Aimé, Jamal Noudjingar Theodore, Mintay Charly, Dakanga Hervé und Mahmat Saleh Koumbo erzählen tänzerisch Geschichten, die Ahmed Menschen abgelauscht hat, die im Rahmen der Aufführung auch namentlich genannt werden. In fünf verschiedene Kostüme gekleidet, die die unterschiedlichen Kulturen Afrikas andeuten, zeigen die Tänzer eine Mischung aus HipHop, Coupé-Décalé und zeitgenössischem Tanz, indem sie die Planen in ihre Figuren und Bewegungen einbeziehen. Vor der Klangkulisse von Benno Heisel werden die schon im Vorfeld Gestrauchelten gezeigt, diejenigen, die versuchen, ihr Schicksal allein zu meistern, wie auch die, die sich in Solidarität üben. Wertungen lässt Ahmed offen. Was aber alle eint, ist dieses eine Volkslied Oh No Eh, das die alten Zeiten heraufbeschwört. Hier dürfen sich zu einfachen, eingängigen Klängen der Vergangenheit auch noch mal alle Tänzer in Soli präsentieren. Und die Fäuste in die Luft recken. In Afrika, so viel ist klar, würde das Publikum spätestens hier einsteigen, mitsingen und mittanzen. In Düsseldorf gibt es ein weniger aufregendes Nachspiel. Hier wird die unerschütterliche Lebensfreude eingedampft auf einen Optimismus, dass es auch ein Morgen gibt. Immerhin.
Ob dem Publikum der Ernst, der hinter dieser sehr gelungenen Aufführung steckt, wirklich klar ist, sei dahingestellt. Gerade mal ein Drittel des großen Saals ist besetzt, und die Besucher spenden freundlichen Applaus. Möglicherweise findet dieses Projekt bei den Koproduzenten der Kammerspiele München und des Centre National de la Danse Paris mehr Widerhall. Wünschenswert wäre es.
Michael S. Zerban