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Das Volkslied lebt

WEM GOTT WILL RECHTE GUNST ERWEISEN
(Diverse Komponisten)

Besuch am
15. Juni 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Marien­kirche, Düsseldorf

Rolf A. Scheider hat dereinst Opern­gesang studiert. Er ist ein gefragter Einspringer, treibt sich viel in Kirchen herum, um Oratorien erfolg­reich zu inter­pre­tieren. Seine Schüler verehren ihn als Gesangs­lehrer, weil er sie mit anscheinend unend­licher Geduld auf den richtigen Weg bringt. Die große Karriere hat er bewusst vermieden, weil er nicht von Bühne zu Bühne durch die Konti­nente reisen wollte, und als Ensemble-Mitglied wollte er sich schon gar nicht in einem Stadt­theater aufreiben lassen. Was er liebt, ist, was das Leben für ihn an überra­schenden Entwick­lungen bereithält, und so wurde er unver­sehens zum Chorleiter.

Mit dem Marienchor an der Kirche St. Mariä Empfängnis an der Oststraße in Düsseldorf hat er jetzt das zweite Projekt erarbeitet. Da sagt man am Sonntag­nach­mittag gern sein Kommen zu, ohne vorher zu prüfen, ob einem das Programm zusagt. Und da hat sich Scheider gemeinsam mit Markus Belmann, dem Kantor der Max-Kirche in der Altstadt, etwas Beson­deres einfallen lassen, was einen erst mal stutzen lässt. Auf dem Programm stehen Volkslieder.

Das deutsche Volkslied erlebte seinen Aufschwung unter Johann Gottfried Herder und der nachfol­genden Romantik, also in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun­derts. Es wuchs unter Dichtern, Schrift­stellern und Musikern die Sehnsucht nach dem „Einfachen, Natur­nahen, Ursprüng­lichen und Unver­fälschten“. Es entwi­ckelten sich Lieder, die mit einfachen, aber eingän­gigen Melodien vor allem zum Mitsingen einluden. Genau das wurde dem Volkslied auch zum Verhängnis, als es die Natio­nal­so­zia­listen für sich und ihre Jugend­or­ga­ni­sa­tionen verein­nahmten. Nach dem Zweiten Weltkrieg schien das gemeinsame Singen nicht mehr unbeschwert möglich – es sei denn, man war Mitglied in einer Jugend­or­ga­ni­sation. 1953 erschien die Mundorgel, ein Fahrten-Liederbuch, das bis heute gern am Lager­feuer in Gitar­ren­be­gleitung genutzt wird, auch wenn es in all den Jahren immer wieder „politisch korrekt“ angepasst wurde. „Volks­lieder sind ein riesiger, einzig­ar­tiger Schatz und bilden die Grundlage aller musika­li­schen Entwick­lungen“, schreibt Scheider dazu und weiter „Neben allen Themen des täglichen Lebens behandeln Volks­lieder die großen Emotionen, wichtige Lebens­er­eig­nisse, die Natur in Verbindung mit den Elementen und den Jahres­zeiten.“ Die Faszi­nation dieser Musik­richtung soll also heute im Mittel­punkt stehen.

Foto © Michael Zerban

Und so betreten 24 Mitglieder des Marien­chors den Altarraum, gefolgt von mehr als 30 Kindern aus dem Chor von Markus Belmann. In ihrer Mitte nimmt Alexander Pankov mit seinem Bajan Platz, einer osteu­ro­päi­schen Form des chroma­ti­schen Knopf­ak­kor­deons, das Pankov meisterlich beherrscht. Gemeinsam eröffnen sie den Liederreigen mit Geh aus, mein Herz, und suche Freud, einem geist­lichen Sommerlied von Paul Gerhardt, das erstmals 1653 veröf­fent­licht wurde. Da hält sich der Wieder­erken­nungswert in der mehr als gut besuchten Kirche noch in Grenzen. Das ändert sich rasch mit dem Lied von der Loreley, das Friedrich Silcher nach dem Gedicht von Heinrich Heine 1837 vertonte und das bis in die Gegenwart nichts von seiner Popula­rität eingebüßt hat, auch wenn man es heute häufiger als Kunstlied-Inter­pre­tation denn als Mitsing-Werk zu hören bekommt. Souverän leitet Scheider seine Sänger durch die Klippen des Liedes ebenso wie im nachfol­genden Der König in Thule, jenem Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe, das er von Gretchen im Faust singen lässt und das Franz Schubert vertont hat. Ob man hier noch von einem Volkslied spricht, kann man sicher disku­tieren. Jeden­falls ist es eine ganz schöne Überleitung zu den sechs deutschen Tänzen von Wolfgang Amadeus Mozart, die Pankov erfri­schend solis­tisch vorträgt. Der erste Block endet mit Abschied vom Walde. Felix Mendelssohn Bartholdy hat das gleich­namige Gedicht von Joseph von Eichen­dorff aus dem Jahr 1810 in ein Lied verwandelt.

Im zweiten Block scheint aber nun doch das Volkslied Einzug zu nehmen. Kinder- und Marienchor schmettern gemeinsam unter Leitung von Belmann Wem Gott will rechte Gunst erweisen. Und noch flotter geht es zur Sache, wenn der Kinderchor Hejo, spann den Wagen an trällert. Möge die Straße uns zusam­men­führen „und der Wind in deinem Rücken sein; sanft falle Regen auf deine Felder und warm auf dein Gesicht der Sonnen­schein“, so lautet die erste Strophe des Liedes von Sigrun Bankwitz aus dem Jahr 2014, das Kinder- und Marienchor gemeinsam vortragen. Auch wenn der Kanon Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang 1937 von Paul Ernst Ruppel vertont wurde, ist er frei von jedem Verdacht, natio­nal­so­zia­lis­ti­sches Gedan­kengut zu trans­por­tieren, denn Grundlage bietet ein Psalmvers. Es tagt, der Sonne Morgen­strahl ist ein Lied von Werner Gneist, das das Erwachen der Natur an einem Sommer­morgen beschreibt. Die Laune steigt weiter, wenn die beiden Chöre Auf einem Baum ein Kuckuck saß intonieren. Helle Freude entsteht, wenn man zu hören bekommt, wie die Kinder fehlerfrei und fröhlich das „sim sa la dim bam ba sa la du sa la dim“ hinbekommen.

Foto © Michael Zerban

Klingt der Vortrag vor allem bei den Erwach­senen zwar engagiert, aber bisweilen noch ein bisschen einstu­diert und frei von Raffi­nesse, sorgt der perma­nente Stimm- und Stimmungs­wechsel doch für ausrei­chend Abwechslung, um keine Lange­weile aufkommen zu lassen. Das gilt auch für die folgenden vier Lieder, die der Kinderchor mit Wenn ich ein Vöglein wär einstimmt, ehe der Marienchor mit Dat du min Leevsten büst, Da unten im Tale und In einem kühlen Grunde folgt.

Im Oktober vergan­genen Jahres fand die Urauf­führung des Kinder­mu­sicals Kana in der Max-Kirche statt, das Belmann auf einen Text von Florian Simson kompo­niert hat. Daraus tragen die Kinder nun begeistert und begeis­ternd Alle diese guten Gaben und Mit dir an meiner Seite vor. Danach steht ein Lobgesang auf die Natur auf dem Programm, das einem eigentlich bis heute das Herz aufgehen lässt, auch wenn es die Patina eines Heimat­films der 1950-er Jahre trägt. Kein schöner Land in dieser Zeit wurde von Anton Wilhelm von Zuccal­maglio 1840 kompo­niert und veröf­fent­licht. Heute klingt es eher so, als sei gerade jemand gestorben. Noten sind nicht alles, und man darf auch Volks­liedern des 19. Jahrhun­derts einen frischen Impetus verpassen. Mit Abend wird es wieder und Der Mond ist aufge­gangen geht die abwechs­lungs­reiche Reise zu Ende, die Scheider mit der Zugabe Wenn ich ein Glöcklein wär endgültig beschließt.

Das Publikum wird zwar zu Beginn des Konzerts aufge­fordert, immer erst nach den Blöcken, die auf dem Programm­zettel ersichtlich sind, zu applau­dieren. Es bleibt beim frommen Wunsch. Zum Ende gibt es dann kein Halten mehr. Die Besucher springen von den Kirchen­bänken auf, um alle Akteure ausgiebig zu feiern. Das Volkslied hat von seinem Reiz nichts verloren. Eine schöne Botschaft, die die beiden Chöre eindrucksvoll unter­streichen. Davon darf es gern mehr sein.

Michael S. Zerban

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