Kein Platz für Poesie

WENN DIE WOLKEN SO SIND WIE HEUTE
(Only Ask Valery!)

Besuch am
14. März 2019
(Premiere am 12. Dezember 2018)

 

Forum Freies Theater, Kammer­spiele, Düsseldorf

Nein, die Jugend ist nicht zu beneiden. Keine Nachkriegs­ge­neration stand vor einer so ungewissen Zukunft wie die Jugend­lichen der Gegenwart. Only Ask Valery!, die Theater­plattform für Jugend­liche und junge Erwachsene, greift das Thema in ihrem neuesten Stück Wenn die Wolken so sind wie heute auf. Der poetisch klingende Titel täuscht. Für Poesie scheint in den Lebens­welten der Jugend­lichen kein Platz mehr, glaubt man den Inhalten des Werks. Das Kollektiv, das in Kopro­duktion mit dem Forum Freies Theater in Düsseldorf nun bereits sein viertes Stück vorstellt, hat einen neuen Weg beschritten. War es bislang Usus, sich mit bereits vorhan­denen „aktuellen und für sie relevanten Theater­texten“ ausein­an­der­zu­setzen, hat Only Ask Valery! diesmal selbst ein Stück in Auftrag gegeben. Als Autorin wurde dafür die 22-jährige Judith Martin ausge­wählt, die in Düsseldorf geboren ist und derzeit Litera­ri­sches Schreiben in Hildesheim studiert.

POINTS OF HONOR

Musik



Schau­spiel



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Und weil diesmal alles ganz anders sein soll, setzte Martin den Darstellern keinen fertigen Text vor, sondern beschränkte sich auf eine Rahmen­handlung, in die die ambitio­nierten Jugend­lichen ihre eigenen Monologe einfügen konnten. Prinzi­piell eine gute Idee, darf man sich davon doch noch mehr Kreati­vität und Authen­ti­zität versprechen. Auch Martins Idee überzeugt zunächst. Auf der Bühne findet das Musik­fes­tival Utopia statt, das die Jungdar­steller besuchen. In der Umsetzung aller­dings schwä­chelt das Stück. Wie immer führt Michael Stieleke die Regie und ist auch für die Bühne zuständig. Er drittelt die Bühne mit Hilfe von Gaze-Vorhängen, die zu Beginn der Aufführung aufge­hängt werden. Im hinteren Drittel ist die Band unter­ge­bracht, im mittleren Drittel ist Platz für das Festival-Geschehen inklusive eines fahrbaren Kiosks, aus dem Veganer-Weich­brötchen verkauft werden, und die Vorder­bühne ist für die Monologe vorge­sehen, die vor geschlos­senem Vorhang vorge­tragen werden, auf dem Platz für redun­dante Textpro­jek­tionen ist. Die strikte Trennung von Musik, öffent­lichem und privatem Bereich trägt wenig zur Komple­xität oder gar Spannungs­stei­gerung bei. Immerhin gefallen die fanta­sie­vollen Kostüme von Sabrina Hetzer, die ebenfalls zu Auffüh­rungs­beginn angelegt werden, zum optischen Genuss bei. Wie es sich für ein Festival gehört, gibt es auch etliche Gummistiefel-Träger.

Foto © Klaus Hoffmann

Die vorge­tra­genen Texte erschrecken. Da fühlt man sich, als lese man eine Facebook-Timeline rauf und runter. Stereo­typien der Neuzeit. Es ist schon erfri­schend, dass die Jugend­lichen die Veganer-Brötchen ablehnen. Und es gibt Emma. Glück­li­cher­weise gibt es Emma, die kritisch hinter­fragt, noch keinen Jungen geküsst hat, was sich auch nach der Aufführung nicht geändert haben wird, aber das Bedürfnis hat, aktiv zu werden, um ihre Zukunft zu gestalten. In der Choreo­grafie von Sabeth Dannenberg werden viele Fäuste gereckt, werden Abtrünnige in die Solidar­ge­mein­schaft zurück­geholt und die Jugend­lichen feiern sich selbst. Echte Bezie­hungen gibt es nur zwei. Die eine endet auf dem Festival, bei der anderen wird das Leben dafür sorgen, dass sie sich in Wohlge­fallen auflöst. All das wird von den Jungdar­stellern sehr glaubhaft über die Rampe gebracht. Und während jugend­liche Zuschauer sich offenbar sehr gut mit den Inhalten identi­fi­zieren können, wirken sie auf die Älteren eher depri­mierend. Nach den Ausfüh­rungen auf der Bühne scheint viel an Werten und Sicherheit gegen jede Menge Unsicher­heiten ausge­tauscht worden zu sein. Eine miese Bilanz.

Für den musika­li­schen Teil wurde die Band Neumatic Parlo verpflichtet, die, 2015 in Düsseldorf gegründet, eine Art „Psyche­delic Rock“, wie sie es selbst nennt, spielt. Eine Musik, die sich gut ins Gesamt­ge­schehen einfügt.

Insgesamt bleibt das Stück nach den bisher gezeigten Leistungen hinter den Erwar­tungen zurück, was nicht an den Darstellern liegt. Und einen Wermuts­tropfen gibt es obendrein auf dem Abend­zettel. Warum hier den Darstellern nicht die Rollen­namen zugeordnet werden, erschließt sich überhaupt nicht. Das Publikum ficht es am Ende nicht an. Freund­licher Applaus für die jungen Leute, die so engagiert das Festival besucht haben.

Michael S. Zerban

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