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Menschen und Engeln zuhören

WINGS
(Pascal Touzeau)

Besuch am
26. April 2025 2017
(Urauf­führung)

 

BBK-Kunst­forum, Düsseldorf

Nach eigenen Angaben setzt der Berufs­verband Bildender Künstler mit Hauptsitz in Berlin sich „als Berufs­ver­tretung aktiv für kultur­po­li­tische und soziale Inter­essen von Kunst­schaf­fenden“ ein. In Düsseldorf betreibt der Bezirks­verband das BBK-Kunst­forum als Ausstel­lungs- und Veran­stal­tungsraum. Damit soll eine Plattform für den Austausch zwischen Kunst­in­ter­es­sierten und den BBK-Mitgliedern geschaffen werden. Recht idyllisch in demselben Hinterhof wie die Sammlung Philara gelegen, sind die Räumlich­keiten eher ein lost paradise. Für Freunde der Gegen­warts­kunst lohnt es sich aller­dings, den Eingang auf der Birken­straße im Düssel­dorfer Stadtteil Bilk zu finden. Gerade geht dort die Ausstellung Fresh Positions zu Ende. Einmal im Jahr findet die so genannte Akademie-Ausstellung statt – und das seit nunmehr 25 Jahren. Studenten der Kunst­aka­demie Düsseldorf können sich um die Teilnahme bewerben, eine Jury entscheidet, wer teilnimmt. Eigentlich sollte die diesjährige Ausstellung ein einziges großes Fest werden. Ausblei­bende Förde­rungen verhin­derten das.

Foto © Michael Zerban

Zum Abschluss der Ausstellung aller­dings hat der BBK es sich nicht nehmen lassen, die zeitge­nös­sische Ballett-Kompanie Pascal Touzeau & Co. einzu­laden, die derzeit die vermutlich aktivste Tanztruppe in der so genannten Freien Szene der Stadt Düsseldorf ist. Gerade mal zwei Tage ist es her, dass die Tänze­rinnen mit einer Wieder­auf­nahme von Light­tra­veler am Worringer Platz an neuer Spiel­stätte zu erleben waren. Für die Einladung ins BBK-Kunst­forum wartet Choreograf Touzeau mit einer Urauf­führung auf. Im Grunde ist es eher eine work-in-progress-Aufführung, die auf die Urauf­führung der Langversion unter dem gleichen Titel Wings im Juni – dann vermutlich wieder im ES 365 – hinweist. Aber schon die gezeigten 15 Minuten an diesem Abend sind so intensiv, dass man getrost von einer eigen­stän­digen Arbeit sprechen darf.

Mit Wings beschäftigt sich Touzeau mit dem Film Der Himmel über Berlin von Wim Wenders aus dem Jahr 1987. Seit Anbeginn der Zeit treten die Engel Damiel und Cassiel als unsichtbare Beobachter der Welt auf, können den Lauf der Dinge nicht beein­flussen, aber den Menschen Lebensmut einflößen.

Schon zu dem Kunst­film­drama mit medita­tivem Charakter, das mit Schau­spie­ler­größen wie Bruno Ganz, Otto Sander und Peter Falk glänzte, mussten die „Kritiker“ pflicht­eifrig Inter­pre­ta­tionen nachliefern, um den Kinofilm und Regisseur Wenders abfeiern zu können. Ehrlicher waren da die Öster­reicher. „Ein geschwät­ziges, von Kunst­ge­werbe angekrän­keltes, synthe­ti­sches Stück Kino“, urteilte der Falter, eine Wiener Wochen­zeitung. Man mag zur Verfilmung stehen, wie man will, aber das Sujet stimmt nachdenklich. Und wenn Touzeau die Grundidee des Films abstra­hiert und fragt, wer sich eigentlich um wen sorgt und wer wen umsorgt, dann stellt man sich als Zuschauer die Frage, warum darauf nicht längst jemand gekommen ist.

Foto © Michael Zerban

Für Tänzer muss es etwas Beson­deres sein, Engel darzu­stellen. Erlaubt es doch einen ätheri­schen, ästhe­tisch anspruchs­vollen Tanz. Das ist zumindest der Eindruck, den die Kompanie vermittelt, erst recht, wenn statt einer Bühnen­be­leuchtung gleißendes Sonnen­licht durch die Fenster fällt. Schon die Eröffnung von Alice Hunter, nachdem die anderen auf Stühlen rund um die mittige Säule Platz genommen haben, ist bewusst groß, ja, majes­tä­tisch gehalten. In der Folge bekommen Luisa Stehmann, Caroline Powell und Valeria di Mauro Gelegenheit, ihre solis­ti­schen Fähig­keiten ebenso darzu­stellen wie die Begeg­nungen zwischen Engeln und Menschen. Besonders eindrucksvoll sind die Szenen, in denen di Mauro mit Wei Chen Chen in Dialog tritt. Der Tänzer ist neu im Team, gefiel bereits bei seinem ersten Auftritt in Synergies während der Kunst­messe Artartist und fügt sich bestens in das Ensemble ein. Auch Bassba­riton Thomas Huy ist wieder mit von der Partie. Ist es wirklich so, dass er hier, ganz in schwarz gekleidet, Gott darstellt, der zunächst eher als Beobachter an der Seite sitzt, ehe er Engel und Menschen einem Ratten­fänger gleich an die Hand und mit sich nimmt? Wunderbar, wie das Ensemble in Reihe zusam­men­findet. Da entstehen vielver­spre­chende Bilder, die dann nach einer inten­siven Viertel­stunde auch für einen gelun­genen Abschluss sorgen.

Touzeau verzichtet bewusst auf die Filmmusik. Statt­dessen greift er auf Lonely Angel, ein Klaviertrio von Pėteris Vasks aus dem Jahr 2019 in der Inter­pre­tation durch das Trio Palladio, zurück. So nähert er sich seinem Thema weiter an und eröffnet die Möglich­keiten für die geplante Weiter­ent­wicklung. Auf die darf man nach der heutigen Aufführung gespannt sein. Denn auch wenn die Tänzer einen gelun­genen Spannungs­bogen aufbauen, ist die Idee von der Begegnung der Engel mit den Menschen sicher noch nicht erschöpft.

Die wenigen Besucher im Kunst­forum sind hinge­rissen und feiern die Tänzer ausgelassen.

Michael S. Zerban

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