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Auf Spitze zur Poesie

WINGS
(Pascal Touzeau)

Besuch am
19. Juni 2025
(General­probe)

 

Pascal Touzeau & Co im ES365, Düsseldorf

Bei Kritikern, die sich in Euphorie wälzen, ist immer Vorsicht angebracht. Schließlich ist die Aufgabe der Kritik, sich sachlich mit einer Aufführung ausein­an­der­zu­setzen und nicht, in Freuden­taumel zu verfallen. Solcher Überschwang soll den Hobby-Kritikern vorbe­halten bleiben. Aller­dings machen es die Bühnen­ar­beiter in der letzten Zeit auch einfach, mehr Abstand zu nehmen, wenn sie statt Kunst mehr und mehr Ideologie anbieten. Und dann muss man sich sehr hüten, einen Künstler über Gebühr zu loben, wenn der sich tatsächlich noch der künst­le­ri­schen Ausein­an­der­setzung widmet. So wie Pascal Touzeau und seine Compagnie. Das Team hat vor anderthalb Monaten ein 15-minütiges Werk als work in progress vorge­stellt. Es nannte die Choreo­grafie Wings und wollte darin Der Himmel über Berlin, den Kunstfilm von Wim Wenders, vertanzen. Ein gelun­gener Ansatz, der in weiter­ent­wi­ckelter Form im Juni im ES365 als abend­fül­lendes Werk, also als etwa einstündige Aufführung, gezeigt werden sollte.

Foto © Michael Zerban

Jetzt ist es so weit. Aber wer glaubt, es reiche aus, zum bereits Gezeigten ein paar Zeilen hinzu­fügen, um die Choreo­grafie zu erfassen, sieht sich getäuscht. Touzeau war offenbar mit der gefäl­ligen Lösung, die er im BBK-Kunst­forum präsen­tierte, künst­le­risch nicht zufrieden. Und so wird man in den Auffüh­rungen, die am kommenden Wochenende statt­finden, kaum etwas von der ersten Wings-Fassung wieder­finden. Großartig, wenn Künstler in der Lage sind, ihre eigene Arbeit zu hinter­fragen und sie gegebe­nen­falls einfach noch mal auf null zu stellen. Ja, da möchte man schon mal eupho­risch werden, zumal, wenn man sich nun das Ergebnis anschaut.

Engel gibt es nicht, weiß doch jeder. Was aber, wenn es sie trotzdem gibt? Und wenn sie von ähnlichen Zweifeln wie die Menschheit geprägt sind? Da laufen Damiel und Cassiel durch Menschen­mengen, dürfen nicht reden oder beein­flussen, aber zuhören. Es entstehen Wünsche. Zum Beispiel nicht mehr Engel sein zu wollen, um den Menschen näher­zu­kommen. Bräsig-schwülstig kommt das bei Wenders rüber, die Gedanken gern aus dem Off gesprochen. Über den Film und seine Machart kann man lange disku­tieren. Aber die Grundidee stimmt ja und regt zum Nachdenken an. Brauchen wir Engel, die nicht wirklich helfen können, die lieber selbst wieder zu Menschen würden und die einem trotzdem Zuver­sicht geben können? Und wie geht es den Engeln?

Foto © Michael Zerban

Also alles noch mal auf Anfang und jetzt groß gedacht. In der ehema­ligen Wagen­halle sind zwei Spiegel mit Sitzge­le­gen­heiten davor aufge­stellt, in deren Mitte der Lautsprecher aufge­stellt ist. Ein fahrbarer Drehstuhl mit einem Computer und Beamer sorgt für einige Projek­tionen. Statt Traversen mit riesigen Schein­werfern gibt es Leuchten aus dem Baumarkt, die von den Akteuren einge­stellt werden. Tänzerin Luisa Stehmann fährt auf einem Fahrrad in die Halle, begleitet von den beiden Engeln Thomas Huy und Lennart Posch. Bass-Bariton Huy wird als Sänger und Darsteller glänzen, Posch gibt sein Debüt als Darsteller bei der Compagnie. Während Marco Fassbender für die Technik auf dem Drehstuhl verant­wortlich ist, gesellen sich die übrigen Tänze­rinnen – Alice Hunter, Caroline Powell und Valeria di Mauro – dazu. Sie erzählen die Geschichten von Begeg­nungen, Gemein­sam­keiten und Einsamkeit, mitten in Berlin, während die Darsteller Textele­mente beisteuern. Ein buntes Musik-Potpourri von Bartok über Gershwin bis Ben Frost und vielen mehr belebt die Szene. Ein Höhepunkt ist sicher Huys Inter­pre­tation von Marlene Dietrichs Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe einge­stellt. Tänze­risch geht es vom persi­flierten Spaziergang über zeitge­nös­si­schen Tanz bis hin zum klassi­schen Ballett. Ein großar­tiges Erlebnis, wenngleich die Ballett­szenen gefühlt viel zu kurz ausfallen.

Die Übergänge zwischen realen Erzähl­stücken und Ausflüge in Traum­welten sind fließend, so dass der Abend sich für den Zuschauer zunehmend poeti­scher anfühlt. Was Wim Wenders vielleicht wollte, gelingt in Düsseldorf im besonders kargen Ambiente der ehema­ligen Wagen­halle: Poesie hör- und sichtbar zu gestalten. Eine im doppelten Wortsinn fantas­tische Stunde lang darf das Publikum sich ganz auf ein Kalei­doskop aus Tanz, Stimme, Gesang, Musik und mitunter leicht überir­disch wirkender Darstellung einlassen.

Die Premiere der Flügel, die im Stück nicht auftauchen, kann das Publikum am 20. Juni erleben, weitere Veran­stal­tungen sind am 21. und 22. Juni, jeweils um 20.30 Uhr, vorgesehen.

Michael S. Zerban

Mehr Bilder zur General­probe sehen Sie hier.

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