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WINGS
(Pascal Touzeau)
Besuch am
19. Juni 2025
(Generalprobe)
Bei Kritikern, die sich in Euphorie wälzen, ist immer Vorsicht angebracht. Schließlich ist die Aufgabe der Kritik, sich sachlich mit einer Aufführung auseinanderzusetzen und nicht, in Freudentaumel zu verfallen. Solcher Überschwang soll den Hobby-Kritikern vorbehalten bleiben. Allerdings machen es die Bühnenarbeiter in der letzten Zeit auch einfach, mehr Abstand zu nehmen, wenn sie statt Kunst mehr und mehr Ideologie anbieten. Und dann muss man sich sehr hüten, einen Künstler über Gebühr zu loben, wenn der sich tatsächlich noch der künstlerischen Auseinandersetzung widmet. So wie Pascal Touzeau und seine Compagnie. Das Team hat vor anderthalb Monaten ein 15-minütiges Werk als work in progress vorgestellt. Es nannte die Choreografie Wings und wollte darin Der Himmel über Berlin, den Kunstfilm von Wim Wenders, vertanzen. Ein gelungener Ansatz, der in weiterentwickelter Form im Juni im ES365 als abendfüllendes Werk, also als etwa einstündige Aufführung, gezeigt werden sollte.

Jetzt ist es so weit. Aber wer glaubt, es reiche aus, zum bereits Gezeigten ein paar Zeilen hinzufügen, um die Choreografie zu erfassen, sieht sich getäuscht. Touzeau war offenbar mit der gefälligen Lösung, die er im BBK-Kunstforum präsentierte, künstlerisch nicht zufrieden. Und so wird man in den Aufführungen, die am kommenden Wochenende stattfinden, kaum etwas von der ersten Wings-Fassung wiederfinden. Großartig, wenn Künstler in der Lage sind, ihre eigene Arbeit zu hinterfragen und sie gegebenenfalls einfach noch mal auf null zu stellen. Ja, da möchte man schon mal euphorisch werden, zumal, wenn man sich nun das Ergebnis anschaut.
Engel gibt es nicht, weiß doch jeder. Was aber, wenn es sie trotzdem gibt? Und wenn sie von ähnlichen Zweifeln wie die Menschheit geprägt sind? Da laufen Damiel und Cassiel durch Menschenmengen, dürfen nicht reden oder beeinflussen, aber zuhören. Es entstehen Wünsche. Zum Beispiel nicht mehr Engel sein zu wollen, um den Menschen näherzukommen. Bräsig-schwülstig kommt das bei Wenders rüber, die Gedanken gern aus dem Off gesprochen. Über den Film und seine Machart kann man lange diskutieren. Aber die Grundidee stimmt ja und regt zum Nachdenken an. Brauchen wir Engel, die nicht wirklich helfen können, die lieber selbst wieder zu Menschen würden und die einem trotzdem Zuversicht geben können? Und wie geht es den Engeln?

Also alles noch mal auf Anfang und jetzt groß gedacht. In der ehemaligen Wagenhalle sind zwei Spiegel mit Sitzgelegenheiten davor aufgestellt, in deren Mitte der Lautsprecher aufgestellt ist. Ein fahrbarer Drehstuhl mit einem Computer und Beamer sorgt für einige Projektionen. Statt Traversen mit riesigen Scheinwerfern gibt es Leuchten aus dem Baumarkt, die von den Akteuren eingestellt werden. Tänzerin Luisa Stehmann fährt auf einem Fahrrad in die Halle, begleitet von den beiden Engeln Thomas Huy und Lennart Posch. Bass-Bariton Huy wird als Sänger und Darsteller glänzen, Posch gibt sein Debüt als Darsteller bei der Compagnie. Während Marco Fassbender für die Technik auf dem Drehstuhl verantwortlich ist, gesellen sich die übrigen Tänzerinnen – Alice Hunter, Caroline Powell und Valeria di Mauro – dazu. Sie erzählen die Geschichten von Begegnungen, Gemeinsamkeiten und Einsamkeit, mitten in Berlin, während die Darsteller Textelemente beisteuern. Ein buntes Musik-Potpourri von Bartok über Gershwin bis Ben Frost und vielen mehr belebt die Szene. Ein Höhepunkt ist sicher Huys Interpretation von Marlene Dietrichs Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Tänzerisch geht es vom persiflierten Spaziergang über zeitgenössischen Tanz bis hin zum klassischen Ballett. Ein großartiges Erlebnis, wenngleich die Ballettszenen gefühlt viel zu kurz ausfallen.
Die Übergänge zwischen realen Erzählstücken und Ausflüge in Traumwelten sind fließend, so dass der Abend sich für den Zuschauer zunehmend poetischer anfühlt. Was Wim Wenders vielleicht wollte, gelingt in Düsseldorf im besonders kargen Ambiente der ehemaligen Wagenhalle: Poesie hör- und sichtbar zu gestalten. Eine im doppelten Wortsinn fantastische Stunde lang darf das Publikum sich ganz auf ein Kaleidoskop aus Tanz, Stimme, Gesang, Musik und mitunter leicht überirdisch wirkender Darstellung einlassen.
Die Premiere der Flügel, die im Stück nicht auftauchen, kann das Publikum am 20. Juni erleben, weitere Veranstaltungen sind am 21. und 22. Juni, jeweils um 20.30 Uhr, vorgesehen.
Michael S. Zerban