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Wozzeck erlebte in letzter Zeit an einer ganzen Reihe von Häusern wie beispielsweise am Theater an der Wien oder bei den Salzburger Festspielen vielbeachtete Neuproduktionen. Das Düsseldorfer Haus der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg beginnt seine aktuelle Spielzeit mit einer neuen Interpretation von Stefan Herheim.
Szenisch sind wesentliche Teile der Handlung in einer amerikanischen Hinrichtungskammer angesiedelt. Die Geschichte von Wozzeck wird im Rückblick des zum Tode Verurteilten gezeigt, der schon auf der Todespritsche liegt. Die Uhr im Gefängnis läuft nur ganz am Anfang und zum Ende des Geschehens. Dazwischen liegt Wozzecks fiebrige Erinnerung an sein Leben. Dem Tod kann er nicht mehr entgehen.
Im Hintergrund sind die im Recht amerikanischer Bundesstaaten vorgesehenen Zeugen der Exekution als Zuschauer zu sehen, die stumm und unbewegt die Handlung durch ein Fenster von einem separaten Beobachtungsraum aus verfolgen. So wie früher zur Hinrichtung Wozzecks in Leipzig im Jahre 1824 zahlreiche Schaulustige erschienenen waren, sind diese Zeugen ein Teil der Betrachter heute.
Bei Herheim wird aber auch das Publikum im Saal ein weiterer Bestandteil der dieses Schicksal gleichgültig verfolgenden Menge. Immer wieder treten einzelne Personen der Handlung nach vorne an die Rampe und „kommunizieren“ bei dann wieder beleuchtetem Zuschauerraum mit dem Publikum oder besser mit seiner Passivität und Gleichgültigkeit. Man kann noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass die Zeitgenossen Wozzecks, die ihn auf unterschiedliche Weise quälen und zum Beispiel zu medizinischen Experimenten missbrauchen, die Zuschauer durch ihre unwidersprochene Ansprache auf ihre Seite ziehen, zu Mittätern machen.
Das gelingt auch deshalb überzeugend, weil der für das Bühnenbild und die Kostüme zuständige Christof Hetzer mit der Lichtgestaltung von Andreas Hofer eine Bühne auf der Bühne errichtet, auf der der Hinrichtungsraum zu sehen ist und wesentliche Teile der Handlung spielen. Die Ansprache und Einbeziehung des Publikums hingegen spielt jeweils davor.
Im Zentrum des Regiekonzeptes steht damit die Darstellung der völligen Unfähigkeit der Menschen zur Empathie sowie das Wegducken vor dem Unrecht und Schicksal, das andere erfahren.
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Das gilt auch für Wozzeck und Marie. In der Vorlage sind sie ein Paar und haben ein Kind. Aber dem Paar ist eine Begegnung, geschweige denn Vereinigung, in der Herheimschen Umsetzung versagt. Das Kind kann folgerichtig hier nur Imagination sein. Es tritt auf der Bühne nicht auf, Marie trägt es nur in Gesten und wie im Traum mit sich herum.
In der zentralen Szene, in der Marie in der Bibel liest und ihre Schuld durch ihren Betrug an Wozzeck büßen und verarbeiten will, ist wiederum abweichend von der Vorlage das Kind nicht vorhanden, stattdessen aber Wozzeck selbst. Marie versucht, sich ihm liebevoll anzunähern. Später, in ihrer Verzweiflung, zerrt und schüttelt sie ihn. Es ist herzzerreißend zu sehen, wie sie scheitert und sich das Paar wiederum nicht begegnen kann. Und Gott hilft nicht.
Danach gilt auch für Marie, dass sie durch den Schmerz das Diesseits verlassen wird. Nach dieser Szene bedarf es eigentlich des Mordes durch Wozzeck nicht mehr. Hier ist der Tristangedanke mit Isoldes Liebestod ganz nah mit der These, dass Vereinigung in der realen Welt nicht möglich ist.
Erst am Ende, also schon im Übergang zum Tode, formen Marie und das Ensemble eine menschliche Gemeinschaft zur gestischen Darstellung der Natur, also des lebensgefährlichen Moores, in dem Wozzeck versinkt und geben so Wozzeck die Chance zur physischen Begegnung – wie eine Erlösungsszene. An dieser Stelle wird auch das einzige Mal und nur kurz der klinische Raum der Hinrichtungskammer verlassen.
Das wird überzeugend durch die Videokunst von Torge Moeller und Momme Hinrichs zur Darstellung gebracht, die wie in einem Fiebertraum eine düstere Moorlandschaft oder an anderen Stellen des psychologischen Angsttraumes Blutspritzer und andere Elemente unmittelbar sinn- und wirkungsvoll erfahrbar machen.
Das Erschütternde an dem Konzept ist die komplette Beziehungsunfähigkeit, Beziehungslosigkeit und, im gesellschaftlichen Raum, Gleichgültigkeit, in der sich Menschen begegnen oder eben nicht begegnen. Diese Sichtweise wird so bezwingend umgesetzt, dass man den Weg in den Tod von Wozzeck und Marie selbst erschrocken für einen Moment als einzig folgerichtige Entwicklung empfindet. Eine solche Einbeziehung des Betrachters gab es noch nicht zu erleben.
Camilla Nylund vermag die verinnerlichten Momente der Bibellesung genau so überzeugend gesanglich zu formen wie die großen Ausbrüche an anderen Stellen ihrer Partie. Ergreifend und schonungslos der Kampf um ihren Partner Wozzeck und das gestische Spiel um das gewünschte, aber nicht vorhandene Kind.

Mit Bo Skovhus hat die Produktion einen der heute darstellerisch ausdrucksstärksten Sänger an Bord. Sein als Wozzeck verzweifeltes Spiel lässt den Zuschauern das Blut in den Adern gefrieren. Eine gewisse Rauheit in der Stimme weiß der erfahrene Bühnenmann geschickt rollenadäquat zu nutzen.
Hervorragend das weitere Ensemble, angefangen mit der luxuriösen stimmlichen Besetzung von Matthias Klink als Hauptmann – einem facettenreichen und sensiblen Künstler, der sich nicht zum Chargieren verleiten lässt, wie das andere Protagonisten bei dieser Partie oft tun. Sein Spiel des verklemmten und Wozzeck missbrauchenden Hauptmanns wirkt manchmal skurril, immer aber auch gefährlich.
Der Tambourmajor von Corby Welch kann sich stimmlich und durch wilde Kopulation mit Marie wirkungsvoll austoben, der Doktor von Sami Luttinen und Andres von Cornel Frey geben exzellente Rollenstudien. Mehr als nur abgerundet wird das Ensemble durch die Margret der Katarzyna Kuncio und den Narren von Florian Simson.
Der Chor unter der Leitung von Gerhard Michalski und der Kinderchor der Akademie für Chor und Musiktheater unter der Leitung von Justine Wanat überzeugen vollkommen.
Die Düsseldorfer Symphoniker unter ihrem Chefdirigenten Axel Kober spielen in einer durchgehend eher hohen, sehr lichten musikalischen Struktur, die die bei Berg so wichtigen Holzbläser gewissermaßen zum Zentrum Ihres Klangbildes machen. Die solistischen Leistungen dieser Orchestermusiker sowie auch der Blechbläser sind bemerkenswert.
Größter Beweis für die Anerkennung und Ergriffenheit des Publikums ist zunächst eine lange Phase der Stille am Ende. Erst langsam löst sich das Publikum und geht schließlich in tosenden Beifall für alle Beteiligten über. Bravorufe für Nylund, Skovhus, viele weitere Sänger, vor allem aber auch das Regieteam und die Symphoniker unter Kober.
Eine demütige, gewaltige Produktion mit vielen neuen und sehr verstörenden Bildern sowie einer von allen Beteiligten auf, vor und hinter der Bühne mit höchstem Engagement gelungenen Umsetzung der großen und anspruchsvollen Oper.
Achim Dombrowski