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DIE FLUT
(Junge Oper am Rhein)
Besuch am
14. November 2017
(Uraufführung)
Wenn junge Leute im Alter von elf bis 18 Jahren eine ganze Oper aus eigenen Kräften stemmen, verdient bereits der Versuch höchsten Respekt. Erst recht, wenn das Ergebnis künstlerisch und thematisch den Rahmen einer reinen Kinder- oder Jugendoper sprengt. So wie bei einem Kollektiv der Jungen Oper am Rhein mit seiner Eigenproduktion der Oper Die Flut, die jetzt mit großem Erfolg im Duisburger Theater aus der Taufe gehoben wurde.
Acht blutjunge Komponisten, sechs gleichaltrige Librettisten sowie drei Regisseure und Bühnenausstatter arbeiteten mehrere Monate lang an dem 70-minütigen Werk, das in 14 Szenen Kernprobleme unserer Zeit wie den bedrohlichen Klimawandel und den Umgang mit der Flüchtlingswelle thematisiert.
Im Mittelpunkt steht eine gutbürgerliche Familie, die sich plötzlich von hilfsbedürftigen Flutopfern bedrängt sieht und unterschiedlich auf die ethische Herausforderung reagiert. Spannungen treten auf, die die Harmonie innerhalb der Familie zerrütten. Die anfängliche Haltung der Mutter, die sich nur für die eigene Familie verantwortlich fühlt, wird im Laufe des Stücks erschüttert, als der Klimawandel mit den sich häufenden Überschwemmungskatastrophen das eigene Haus bedroht. Ein zunächst geldgieriger, mitleidloser Kapitän, der mittellose Flüchtlinge erbarmungslos zurückstößt, korrigiert seine Haltung, als seine eigene Familie den Fluten zum Opfer fällt. Er wählt den Freitod und überlässt das führerlose Schiff samt der anfänglichen Wohlstandsfamilie seinem Schicksal.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Ein nachdenkliches, geradezu pessimistisches Ende. Den jungen Librettisten ist damit ein durchaus spannender Text gelungen mit äußerst differenziert gezeichneten Figuren, die am Ende allesamt als Opfer ihr ungewisses Dasein fristen müssen.
Auch wenn die acht Komponisten aufgrund ihres unterschiedlichen Alters und Ausbildungsstands entsprechend vielfältige Handschriften erkennen lassen, wirkt die musikalische Gestaltung alles andere als willkürlich zusammengewürfelt. Man bedient sich durchaus moderner Kompositionstechniken von unterschiedlicher Komplexität, wobei die Unwetter-Szenen mit dramatischen, lautmalerisch ausgekleideten Klängen ertönen, während die intimen Passagen, in denen die Figuren ihre Gewissensqualen und Ängste ausdrücken, von expressiven, arienhaften Gesängen geprägt werden. Gesänge mit hohen vokalen Ansprüchen vor allem für die Tochter Ophelia, die sich vom oberflächlichen „It-Girl“ zu einer ergreifend empathischen Figur wandelt und ebenso artistische Höhenflüge absolvieren muss wie die ebenfalls mitfühlende Maschinistin. Aufgaben, die Dimitra Kotidou als Ophelia und Monika Rydz als Maschinistin vorzüglich lösen. Dass angesichts der extrem hohen Tonlagen die Textverständlichkeit leidet, muss dabei in Kauf genommen werden.

Die Besetzung des notabu.ensembles neue musik mit tiefen Streichern, Bläsern, Klavier, Schlagzeug und einem besonders geschickt eingesetzten Akkordeon verhelfen den disparaten musikalischen Beiträgen zu einem überzeugenden klanglichen Zusammenhalt.
Gespielt wird mit einfachen, variabel einsetzbaren Versatzstücken, mit denen sich ohne großen Aufwand das optische Umfeld für ein Haus oder ein Schiff herstellen lässt. Und die jungen Regisseure achten auf eine sorgfältige Personenführung, die die Stimmung und Atmosphäre des Stücks in jedem Takt überzeugend zum Ausdruck bringt.
Bryan Lopez Gonzalez in der Doppelrolle als Vater und Sohn Luka, Benjamin Pop als Kapitän, Johannes Graf als erfinderischer Sohn Yannik und die kleine Sarah Bock als verwaiste Lara ergänzen das Ensemble auf gutem Niveau. Mitglieder des Kinderchors am Rhein sowie der Akademie für Chor und Musiktheater übernehmen die Chorpartie.
In der Vorbereitungsphase wurden die jungen Leute von professionellen Betreuern unterstützt: Sascha Pranschke half beim Libretto, David Graham bei der Komposition und Volker Böhm versorgte die Regie mit wertvollen Hinweisen. Unter der Projektleitung von Anna-Mareike Vohn und der musikalischen Leitung von Patrick Francis Chestnut ist den Schülern so ein außerordentlich eindrucksvolles Musiktheater gelungen. Ein Versuch, der unbedingt fortgeführt werden sollte.
Pedro Obiera